Diskussion:Das Werbungsverhalten des Sängers (Neidhart)

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Lieber Felix,

zunächst einmal möchte ich dir mitteilen, wie interessant ich nicht nur den Ansatz, die Werbung des Sänger-Ichs unter homoerotischen Gesichtspunkten zu betrachten, sondern auch die Ausarbeitung der einzelnen Unterpunkte, die du dafür vorgenommen hast, finde. Vor allem durch den Bezug auf Haufe, deren Betitelung der dörper als Hindernis du zu einem Hindernis aufgrund ihrer Anziehungskraft erweiterst, ist die Deutungsabsicht des Artikels meines Erachtens schon jetzt basierend auf bereits existierender Forschungsliteratur fundiert.

Dass sich die Werbung um die dörper auch formal belegen lässt, ist mir bisher noch überhaupt nicht in den Sinn gekommen, sodass gerade dieser Abschnitt zu Anfang, indem du die direkte Folge und somit auch auf dem Papier räumliche Nähe zwischen Werbung und dörpern aufzeigst, für mich sehr spannend war.

Auch der Zusammenhang zwischen möglicher homoerotischer Werbung und Gewalt ist so vielfach zu interpretieren, dass deine Nennung der klassischen Minne als "großer Begriff", der gegenüber dem Lupenblick des Artikels auf das Feld des Werbungsverhaltes aufgrund der Gattungstypologie weitaus allgemeiner scheint, einer Einordnung des Konkreten ins große Ganze m.E. zuträglich ist. Natürlich ist es gerade nicht das klassische Minneschema, das bei Neidhart propagiert wird, aber gerade dahinter sehe ich Potenzial, die Lage des Sängers als homoerotischer Werber noch genauer zu vertiefen, denn als "Normbrecher" kann das Sänger-Ich das Schema des Hohen Sangs zwar brechen, indem es u.a. die so unhöfische Werbung der dörper um deren Angebeteten anprangert, doch bietet die Hohe Minne keinerlei Evidenz für homoerotische Werbung. So kann das Sänger-Ich nicht einmal mittels Normbrechung auf einer kanonisierten nicht-heteronormativen Werbung aufbauen, solange es nicht die seiner Meinung nach zarte, "richtige Werbung" schlicht als "die" Werbung begreift, die unabhängig von Geschlechtsidentitäten greift. Die von dir auch im Artikel als dem Sänger/dörper-Werbungsschema immanent beschriebene Gewalt könnte sich also auch durch seine Aporie begründen lassen: Das Sänger-Ich hat aufgrund mangelnder Normen der männlichen Werbung um Männer keine Basis. auf die es aufbauen kann und wie es auch heute noch häufig bei Kindern und Erwachsenen in einer von Ratlosigkeit geprägten Situation der Fall ist, kompensiert es ebendiese Ratlosigkeit und die eigene vermeintliche Unzulänglichkeit mittels Gewalt. Somit wäre die Gewalt gegen die dörper, weniger primärer Werbungsakt als vielmehr Resultat mangelnden Umgangswissen, was ja auch schon in deiner Formulierung, der Sänger "wisse sich nicht zu benehmen" anklingt. Woher (wenn man bedenkt, dass das Sänger-Ich nicht auf die Idee kommt, analog zum klassischen heteronormativen Schema auch gegenüber Männern zu handeln) sollte er auch?

Dies würde auch zu deinen Ergebnissen passen, die du über den Spott festgehalten hast: Fungiert der Spott als Schutz, so schließt dies nicht aus, dass auch Gewalt eine Schutzfunktion erfüllen kann. Umgekehrt könnte auch dem Spott selbst als Ausdruck der Aufmerksamkeit eine (misslungene) Werbung zugesprochen werden.

In beiden Fällen ist jedoch festzustellen, dass die dem männlich-männlich-Werbungsschema innewohnenden Bestandteile dem der so idealisierten höfischen und heteronormativen Werbung diametral gegenübersteht. Ob das jedoch an einem nur körperlichen Interesse an dem einen Werbungsziel und einem nur sinnlichen, höfisch-romantischen Interesse an dem anderen Ziel liegt, könnte hinterfragt werden. Trotz Brechung des Höfischen gelingt es dem Sänger-Ich nicht, beide Seiten der Medaille "Liebe" auf eine Personengruppe zu projizieren.

Vielleicht würde es dem Sänger-Ich leichter fallen, seine Werbung gegenüber den dörpern zu artikulieren, wenn bereits eine Schablone homoerotischer Werbung existieren würde, die es lediglich zu modifizieren oder nach neidhart`scher Art zu brechen gälte.

Mir ist bewusst, dass sich dieser Deutungsansatz nur marginal von dem des Artikels unterscheidet, jedoch schien mir die größere Miteinbeziehung der Hohen Minne als entweder zu reproduzierendes oder zu brechendes Schema hinsichtlich des Ausbleibens homoerotischer Evidenzen ebenfalls spannend, um das Sänger-Ich noch zusätzlich zu "psychologisieren".

In a nutshell freue ich mich aber einfach darüber, aus deinem Artikel so unterschiedliche Facetten, die eine Werbung des Sängers um die dörper belegen, sowie den indirekten Hinweis auf mehr Sensibilität gegenüber nicht-heteronormativen Konstellationen mitnehmen zu können.

Liebe Grüße

Elisa