Zwerge in der mittelalterlichen Literatur

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Zwerge als Monster?

Bereits optisch lassen sich bei den Zwergen Unterschiede zum gewöhnlichen höfischen Volk finden. Zwerge zeichnen sich durch ihre Kleinwüchsigkeit aus und tragen in deutschen Erzählungen meist Tarnkappen.[1] Im Gegensatz zur altfranzösischen Dichtung tritt der Zwerg in der mittelhochdeutschen Dichtung allerdings meist nicht als verkrüppelt, missgebildet oder besonders hässlich auf. Es lässt sich bis auf die Kleinwüchsigkeit kein einheitliches optisches Auftreten der Figur des Zwerges bestimmen, da die Zwerge manchmal bärtig sind, andere Male sehr kindlich dargestellt werden. [2] Ebenfalls auffallend ist, dass die Zwerge nicht inmitten der Gesellschaft in Dörfern, Häusern oder am Hofe wohnen. Bereits in ihrer geografischen Positionierung verorten sich die Zwerge am Rande der Gesellschaft in Berghöhlen, die meist einen versteckten Zugang haben. Zwerge gelten als Schatzgräber und Behüter von Schätzen und verfügen über weitere, auch magische Fähigkeiten, die ein normaler Mensch nicht besitzt. [3] So können Zwerge in der Heldenepik in die Zukunft blicken und haben außerdem eine besondere Begabung für Pflanzen. Diese besonderen Begabungen nutzt der Zwerg in literarischen Werken manchmal zu positiven Zwecken, manchmal aber auch zu negativen. Es wird also sichtbar, dass die Zwergenfigur das Potenzial zu einer positiven und guten, als auch zu einer negativen und listigen Figur besitzt. Ein Beispiel für Letzteres lässt sich in der französischen Dichtung vorfinden, wo der Zwerg als diebisch und hässliche Figur auftritt. In der Heldenepik „Ruodolieb“ tauch eine Zwergengestalt auf, die dem Protagonisten einen Schatz verspricht sowie auch die Tochter des Besitzers des Schatzes. Danach wird angeführt, dass der Zwerg extra nochmal auf seine Vertrauenswürdigkeit hinweist. Daraus kann geschlossen werden, dass es sich bei der Figur des Zwerges nicht um einen allgemein als ehrenvoll und aufrichtigen Genossen zu handeln, wie es bei Rittern der Fall ist. Daher scheint auch die Assoziation mit Zwergen als diebisch und hinterlistig naheliegend, wie es bei dem Zwerg Galopin der Fall ist.[4] Allerdings lassen sich auch positive Darstellungen finden, so beispielsweise in Erec ed Enide, wo der Zwerg als ehrenvoller Hochzeitsgast genannt wird. Dabei ist allerdings auffallend, dass der Zwerg in Verbindung mit seinem Bruder auftritt, der ein Riese ist. Somit wird die Kleinwüchsigkeit des Zwerges also ausgeglichen, sodass das Gleichgewicht bestehen kann und der Zwerg als positive Figur verbleibt.[5] Auch bei Erec handelt es sich um einen „guten“ Zwerg, der als edler Ritter fungiert. Hierbei wird allerdings hervorgehoben, dass es sich bei dem Zwerg um einen „Zwergenritter“ handelt, also weder um einen gewöhnlichen Ritter noch um einen gewöhnlichen Zwerg. Somit hat der Zwerg also Potenzial gut zu sein und sich für ein nobles und ehrenvolles Leben zu entscheiden. [6] Ebenfalls interessant ist, dass die Riesen und Drachen als Feinde der Zwerge gelten. Beim Kampf gegen Riesen stehen die Zwerge oftmals an der Seite der Helden und unterstützen diese mit Hilfe magischer Fähigkeiten und Zauberkräuter. [7]

Trotz der oftmals eher positiven Darstellungen von Zwergen, die sich in der mittelhochdeutschen Dichtung vorfinden lassen, dominieren negative Charakterzüge das Geschlecht der Zwerge. Der Charakter eines Zwerges ist meist heimtückisch und listig, was sich auch in von der Etymologie des Wortes Zwerg ableiten lässt. So kann zusammengetragen werden, dass die Zwerge in der höfischen Literatur ihr bösartiges Wesen beibehalten, während sie in der mittelhochdeutschen Dichtung doch eher freundliche Charakterzüge aufweisen. [8]
  1. Habicht, Isabel: Der Zwerg als Träger metafiktionaler Diskurse in deutschen und französischen Texten des Mittelalters. Winter 2010, S. 60.
  2. Müller, Ulrich; Wunderlich, Werner: Dämonen, Monster, Fabelwesen. Fachverlag für Wissenschaft und Studium GmbH 1999, S. 636.
  3. Habicht 2010, S. 52-54.
  4. Ebd. S. 57.
  5. Ebd. S. 61.
  6. Ebd. S. 63.
  7. Müller und Wunderlich 1999, S. 641, 642.
  8. Ebd. S. 644.