Seminar:Proseminar Dietrichepik SoSe 2015 06-05-2015: Unterschied zwischen den Versionen

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''triuwe'' bezeichnet laut Lexer „überhaupt das sittliche Pflichtverhältnis zwischen allerhand einander Zugehörigen“. Als Übersetzungsvorschläge werden ebenda u.a. angeführt: „ Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit, Treue“, aber auch „Versprechen“.
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Im siebten Kapitel von Florian Kragls „Heldenzeit“ wird von einer solchen Translation des Begriffs der „triuwe“ ins Neuhochdeutsche zunächst abgesehen. Stattdessen wird zu Beginnen herausgestellt, welche Rolle die Untreue (hier wird direkt das neuhochdeutsche Wort durch Kragl angeführt) für den Fortgang der Erzählung übernimmt. Die Untreue wird dabei als handlungsauslösendes Moment ausgewiesen, denn sie „[hat] an allem Schuld“ (Kragl 2013,  S.125). Später wird dieses ‚alles’ als das entstandene Leid weiter präzisiert. Die resultierende Fatalität dieser Art zu handeln, bringe den Erzähler zu einer stark abneigenden Haltung gegenüber allem „Untreuen“ – also insbesondere gegenüber Ermrich, der als „Inbegriff der Untreue“ (Kragl 2013, S. 125) gesehen wird. Diese abneigende Haltung gegenüber Ermrich zeichne jedoch ein recht eindimensionales Bild der Figur, welches nicht alle beschriebenen Handlungen und Reaktionen Ermrichs einfange. Handlungsbeschreibungen, die genutzt würden um die „triuwe“ zwischen dem Herrscher Dietrich und seinen Gefolgsleuten zu zeigen (etwa Ratssequenzen oder Aussprüche des Betrauerns der verlorenen Gefolgsleute), würden ebenso bei Ermrich angedeutet, dann aber sofort in eine demontierende Persiflage überführt.
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Ebenso zeige sich nicht nur bei Dietrich „triuwe“ als eine doppelte Bindung zwischen ihm und seinen Gefolgsleuten, sondern auch bei Ermrich. Diese sei in beiden Fällen von gegenseitiger Nutznießerschaft geprägt: Die Gefolgsleute erfreuen sich eines mit „milte“ waltenden Herrschers, der sie reich entlohnt; im Gegenzug darf sich dieser seinerseits über den Dienst seiner Lehen freuen.
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Auch die Flucht Ermrichs sei letztlich analog in der Gestaltung und den Motiven unter denen Hilfe dargebracht wird zu der Dietrichs zu sehen.
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Am deutlichsten aber sei bei der Auslösung der Gefangenen zu sehen, dass Ermrich als Herrscher ebenso „triuwe“ gegenüber seinen Gefolgsleuten hält wie Dietrich, was in seiner Freude zum Ausdruck komme.
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Die Verzerrung der „triuwe“ Ermrichs gegenüber seinen Gefolgsleuten durch den Erzähler offenbare „wunde Punkte der Narration“ (Kragl 2013, 127). Ermrich soll „schlicht und definitorisch der Bösewicht [sein]“ (Kragl 2013, 127), was sich auch in den Hetzreden gegen ihn zeige.
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Zeitgleich werden Handlungen, die tatsächlich als Taten der Untreue zu sehen sind, bei Ermrich wiederholt von dem Erzähler zu ebensolche erklärt, während sie bei Dietrich zwar ebenso zu finden sind, jedoch sprachlich verschleiert oder verschwiegen werden.
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Die, sich zunehmend schneller entwickelnde Steigerung der Treue-Untreue-Thematik gipfele schließlich in der Figur des Witege, der als vormals am untreuesten Handelnder plötzlich - nach einem geleisteten Treueschwur gegenüber Dietrich - zum Ersatzmann für den loyalen Saven bestimmt wird. Witege steht damit für die „Schwierigkeiten [die] sich einstellen, wenn es darum geht, eine Figur klipp und klar dieser oder jener Sphäre, der Treue oder der Untreue zuzuschlagen“ (Kragl 2013, 131). Er dient damit als eine vermittelnde Figur zwischen den Sphären.
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Version vom 12. Mai 2015, 18:31 Uhr

Interpretationsaspekte des Heldenepos Dietrichs Flucht:

  • Heldenzeit:
  • triuwe:

triuwe bezeichnet laut Lexer „überhaupt das sittliche Pflichtverhältnis zwischen allerhand einander Zugehörigen“. Als Übersetzungsvorschläge werden ebenda u.a. angeführt: „ Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit, Treue“, aber auch „Versprechen“.

Im siebten Kapitel von Florian Kragls „Heldenzeit“ wird von einer solchen Translation des Begriffs der „triuwe“ ins Neuhochdeutsche zunächst abgesehen. Stattdessen wird zu Beginnen herausgestellt, welche Rolle die Untreue (hier wird direkt das neuhochdeutsche Wort durch Kragl angeführt) für den Fortgang der Erzählung übernimmt. Die Untreue wird dabei als handlungsauslösendes Moment ausgewiesen, denn sie „[hat] an allem Schuld“ (Kragl 2013, S.125). Später wird dieses ‚alles’ als das entstandene Leid weiter präzisiert. Die resultierende Fatalität dieser Art zu handeln, bringe den Erzähler zu einer stark abneigenden Haltung gegenüber allem „Untreuen“ – also insbesondere gegenüber Ermrich, der als „Inbegriff der Untreue“ (Kragl 2013, S. 125) gesehen wird. Diese abneigende Haltung gegenüber Ermrich zeichne jedoch ein recht eindimensionales Bild der Figur, welches nicht alle beschriebenen Handlungen und Reaktionen Ermrichs einfange. Handlungsbeschreibungen, die genutzt würden um die „triuwe“ zwischen dem Herrscher Dietrich und seinen Gefolgsleuten zu zeigen (etwa Ratssequenzen oder Aussprüche des Betrauerns der verlorenen Gefolgsleute), würden ebenso bei Ermrich angedeutet, dann aber sofort in eine demontierende Persiflage überführt.

Ebenso zeige sich nicht nur bei Dietrich „triuwe“ als eine doppelte Bindung zwischen ihm und seinen Gefolgsleuten, sondern auch bei Ermrich. Diese sei in beiden Fällen von gegenseitiger Nutznießerschaft geprägt: Die Gefolgsleute erfreuen sich eines mit „milte“ waltenden Herrschers, der sie reich entlohnt; im Gegenzug darf sich dieser seinerseits über den Dienst seiner Lehen freuen. Auch die Flucht Ermrichs sei letztlich analog in der Gestaltung und den Motiven unter denen Hilfe dargebracht wird zu der Dietrichs zu sehen. Am deutlichsten aber sei bei der Auslösung der Gefangenen zu sehen, dass Ermrich als Herrscher ebenso „triuwe“ gegenüber seinen Gefolgsleuten hält wie Dietrich, was in seiner Freude zum Ausdruck komme.

Die Verzerrung der „triuwe“ Ermrichs gegenüber seinen Gefolgsleuten durch den Erzähler offenbare „wunde Punkte der Narration“ (Kragl 2013, 127). Ermrich soll „schlicht und definitorisch der Bösewicht [sein]“ (Kragl 2013, 127), was sich auch in den Hetzreden gegen ihn zeige. Zeitgleich werden Handlungen, die tatsächlich als Taten der Untreue zu sehen sind, bei Ermrich wiederholt von dem Erzähler zu ebensolche erklärt, während sie bei Dietrich zwar ebenso zu finden sind, jedoch sprachlich verschleiert oder verschwiegen werden.

Die, sich zunehmend schneller entwickelnde Steigerung der Treue-Untreue-Thematik gipfele schließlich in der Figur des Witege, der als vormals am untreuesten Handelnder plötzlich - nach einem geleisteten Treueschwur gegenüber Dietrich - zum Ersatzmann für den loyalen Saven bestimmt wird. Witege steht damit für die „Schwierigkeiten [die] sich einstellen, wenn es darum geht, eine Figur klipp und klar dieser oder jener Sphäre, der Treue oder der Untreue zuzuschlagen“ (Kragl 2013, 131). Er dient damit als eine vermittelnde Figur zwischen den Sphären.


  • untriuwe:
  • Endlosschleife:
  • Handlungsmotivation:
  • Negativexempel:
  • Ökonomie:
  • Widersprüchlichkeit:

Textgrundlage: Florian Kragl, Heldenzeit. Interpretationen zur Dietrichepik des 13. bis 16. Jahrhunderts, Heidelberg 2013 (Studien zur historischen Poetik 12), S. 65-90.