Legende

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(nach Konrad Kunze)

Definition und Merkmale:

Nach Konrad Kunze ist die Legende eine "Gattung meist kurzer, erbaulicher Erzählungen von heiligen Personen, Dingen oder Ereignissen."[1]

In der Germanistik werde der Ausdruck meist hagiographisch, das heißt in der Beschreibung vom Leben Heiliger, verwendet. Texte, die sich dabei nur auf bestimmte Aspekte des Heiligen beziehen, ordne man in der Forschung eher Subgenera der Legende zu.[2] Die Legende hat eine Erbauungsfunktion, das heißt sie will den Rezipienten in seiner Frömmigkeit stärken. In diesem zentralen Merkmal hebe sie sich maßgeblich von dem „Legendenmärchen“ oder dem „Legendenschwank“ ab, deren Anliegen eher das Unterhalten sei. Des Weiteren zeichne sich die Legende durch eine recht schlichte Erzählweise aus, was ein besseres Verständnis begünstige. Ihr Anspruch ist nicht historische Authentizität: Pseudo-historische und fiktiv-wunderbare Elemente durchdringen sie.[3] Zudem erscheine der Begriff dem tatsächlichen Spektrum der Gattung Legende gegenüber zu eng, befindet Kunze. Um etwa auch nachchristlich-profane Legendenproduktion adäquat erfassen zu können, nahm deshalb der Germanist Hans-Peter Ecker eine Neujustierung mit Hilfe von zwölf Kategorien vor.[4]


Wortgeschichtliche Entwicklung:

Den etymologischen Ursprung des Wortes bildet das lateinische Gerundiv legenda, was mit „zu lesende bzw. vorzulesende (Texte)“ übersetzt werden kann und zunächst auf Stücke für die liturgische Lesung, darunter schon im 7. Jahrhundert auch auf Heiligenleben, rekurriert habe. Bis in das Hochmittelalter hinein bezeichnete man mit dem Begriff wohl Sammlungen vom Leben Heiliger (=Legendare) und einzelne Heiligenleben. Als deutsches Lehnwort sei die Legende seit circa 1250 bezeugt, dann primär für letzteres. Im 15. Jahrhundert wurde der Begriff auch allgemeiner, als „Erzählung“ oder „Bericht“ gebraucht, ab der Reformation schließlich deutlich negativer: als „unbeglaubigte (Heiligen-)Erzählung“, die dem steten Vorwurf der Lüge ausgesetzt war. In neuester Zeit werde der Begriff zumeist bewundernd (im positiven Sinne unglaublich) oder metonymisch („Poplegende“) verwendet.[5]


Sachgeschichtliche Entwicklung:

Uns in großer kultureller Bandbreite begegnend, erfuhr die Legende wohl im Anschluss an Bibeltexte ihre christliche Entfaltung, im Rahmen des Heiligenkultes ab dem 4. Jahrhundert dann – indem die Leben dokumentierte Märtyrer erzählerisch ausgekleidet wurden – ihre wichtigsten Impulse. Weitestgehend dem Lateinischen entnommen, sei die deutschsprachige Legendenliteratur zunächst zum Zweck kultischer Feiern (ausgehendes 9. Jahrhundert), später im Kontext heilsgeschichtlicher Erzählungen wie der Kaiserchronik, ab circa 1150 dann als eigenständige Texte (etwa der Servatius Heinrichs von Veldeke) erschienen. Im Hochmittelalter wurde die Legende auch mit anderen "Gattungen", etwa der höfischen Epik oder Spielmannsepik im Falle des Gregorius, vermengt. Während die Gattung in der Reformationszeit dann überwiegend parodiert und polemisiert worden sei, kam es im romantischen Zuge der Hochschätzung des christlichen Mittelalters (circa 1770 bis 1830) wohl zu einem regelrechten Wiederaufblühen, was sich dann auch in neuen Dichtungen beispielsweise äußere. Mit Heinrich von Kleists Cäcilienlegende (1810/11) beginne dann die artistisch-profane Verwendung der Gattung, die sich vielfältig fortgesetzt habe.[6]


Forschungsgeschichte:

Die Forschungsgeschichte zur Legende setzte laut Kunze in der Romantik mit Registrierung und Edition der Stoffmassen an und wendete sich erst ab ca. 1970 auch den Prosalegendaren zu. André Jolles' umstrittene Annahme, in der Legende die sprachliche Verwirklichung der Geistesbeschäftigung „imitatio eines in Tugend Bewährten“ zu erkennen, habe eine grundlegende Diskussion zur Gattungsfrage angeregt, welche in der Forschung bis heute anhalte.[7]



  1. Kunze, Konrad: Legende, Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft II, Berlin/New York 2007, S. 389-393, hier: S. 389.
  2. Beispielsweise werden Texte, die sich auf das Martyrium des/r Heiligen beschränken, als sogenannte Passio bezeichnet; Texte, deren Fokus auf der Reliquien-Übertragung liegen, nennt man Translatio usw. Vgl. ebd., 390.
  3. Vgl. ebd.
  4. Ecker brach althergebrachte Schemata auf, indem er etwa festlegte, dass sich die Legende „[…] nicht nur auf religiöse, sondern auch auf andere, ihnen struktur- und funktionsverwandte weltanschauliche Dogmengebäude“ (ebd.) beziehe. Auch hob er etwa das Kriterium der Erbauung auf und ersetzte es. Vgl. dazu ausführlich ebd.
  5. Vgl. ebd.
  6. Vgl. ebd., 391f.
  7. Vgl. ebd., 392. Zu Jolles' These, vgl. Jolles, André: Einfache Formen. Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus, Memorabile, Märchen, Witz, Halle/Saale 1930 (Forschungsinstitut für Neuere Philologie Leipzig: Neugermanistische Abteilung; 2).