Landschaft (Gottfried von Straßburg, Tristan): Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 25. Januar 2011, 12:35 Uhr

Raum und Landschaft im Tristan.

Landschaftselemente[1]

Insgesamt zeigt Gottfried wenig Sinn für die detailierte Ausmalung von Schauplätzen und fällt im Vergleich mit anderen Autoren wie Wolfram von Eschenbach oder Hartmann von Aue durch seine Blässe und Kürze auf.[Gruenert 1962]:S.256


Der Wald

In der gesamten Dichtung lassen sich grob gefasst zwei kontrastierende Darstellungsformen eines Waldes erkennen, zum einen als wilde Gebirgsgegend, zum anderen als fruchtbares Kultur- und Nutzland. Mittels stereotyper Formulierungen wird eine bestimmte Landschaft dem einen oder anderen Typus zugeordnet und mit wenigen, aber prägnanten und vor allem immer wiederkehrenden Attributen beschrieben.

Der wilde Gebirgswald

Beim Vergleich einzelner Szenerien wird offensichtlich, dass der Erzähler immer wieder bestimmte charakteristische Leitbegriffe, wie "wilde" (V. 2502; V. 12769; V. 16680) oder alternativ "walt" (V. 8996), sowie "wüeste" (V. 12769) und "ungeverte" (V. 16767), hier im Sinne von Enge und Weglosigkeit, verwendet. Variation in der Landschaftsschilderung wird dementsprechend auch nicht durch Variation in der Wortwahl, sondern lediglich durch die unterschiedlich intensive Füllung der Rahmenbeschreibung mit dem erwähnten, recht allgemein gehaltenen Vokabular erzeugt. Während sich die Darstellung der Szene um die Entführung Brangänes auf recht spärliche Bestandteile, genau genommen einen Baumstamm (V. 12866), beschränkt, wird die unheimliche Wildnis in der Kampfszene mit dem Riesen Urgan weitaus detailreicher ausgeschmückt. So ist an dieser Stelle von einem "harte wilden walt" (V. 15965), einem "steingevelle" (V. 8991) und einer "steinwant" (V. 9002), also insgesamt einer kargen, unkultivierten Gebirgsgegend die Rede.
Ausführlicher ist hinsichtlich der Ausschmückung, und damit analog zu ihrer zweifellos außerordentlichen Signifikanz, die Schilderung der Minnegrotte. Nicht nur, dass deren Umgebung hier durch "die Doppelformel 'wüeste unde wilde' (V. 16764) [ihren] spezifischen Wertakzent erhält"[2], sie wird auch an insgesamt vier Stellen im Rahmen der Möglichkeiten der schematischen Phrasen als von Felsen (V. 16763; V. 6772; V. 17338) und Bergen (V. 16684; V. 16761; V. 17081) beherrscht veranschaulicht. Im Gegensatz zu vorangegangenen Szenen wird besonders die Unwegsamkeit des die Minnegrotte umgebenden Gebietes akzentuiert und dieses somit auch auf symbolischer Ebene als jeglichem gesellschaftlichen Einfluss entrückt verdeutlicht. Auffällig ist außerdem, dass wohl erst Gottfried in seinem Tristan die scharfe Abgrenzung zwischen einigermaßen zivilisierten Wald- und steinigen Gebirgslandschaften vollzieht. "Die Vorstellung der steinigen, dürren, felszerklüfteten Einöde ist sehr wahrscheinlich ebenso Gottfrieds Eigentum wie die Verwendung des Wortes 'wüeste' überhaupt"[3][4]
Versucht man diesen Ort logisch einzuordnen, findet man den Hinweis, dass er "zwô tageweide" (V. 16682) entfernt sei und dass "von disem berge und disem hol/ sô was ein tageweide wol/ velse âne gevilde/ und wüeste unde wilde." (V. 16761-16764). Als Marke einige Zeit später in einem Walde jagt, hören Tristan und Isolde von der Grotte aus die Hörner und das Hundegebell (V. 17318-17321). Die Raumlogische Gliederung ist hier also nicht gegeben, vielmehr lassen sich Wald, Felsen und Lustort als Chiffren sehen, die den seelischen Zustand der Personen wiederspiegeln.[Gruenert 1962]:S.262

Des Weiteren besitzt die Szene um den als Knaben an der Küste Cornwalls ausgesetzten Tristan durch die vergleichsweise explizite Illustration einen außerordentlichen Stellenwert. Neben dem wilden Meer (V. 2509) und einem bedrohlichen Gebirge (V. 2509) tun gefährliche Tiere (V. 2512) und die einbrechende Dunkelheit der Nacht (V. 2514) ihr Übriges, um eine unheimliche und Furcht einflößende Atmosphäre zu evozieren. Interessanterweise muss Tristan erst die gänzlich unbetretende, weglose Felswand erklimmen, um daraufhin auf einen unscheinbaren Pfad und schließlich in dessen Mündung auf eine schöne Straße (V. 1571) zu gelangen, auf welcher er Hilfe von zwei Pilgern erfährt. Anhand der erkennbaren Metamorphose der umgebenden Landschaft ist auch Tristans Wiedereintritt in die kulturelle Gesellschaft als Ausgangspunkt für die weiteren Entwicklungen verbildlicht. Auch hier spiegelt die öde Wildnis den Seelenzustand des Knaben wider, der sich mit zunehmendem Selbstbewusstsein ebenfalls wieder der Zivilisation nähert.[Gruenert 1962]:S.275
Weiter oben wurde bereits auf die sehr konzise, beinahe triviale Darstellung der einzelnen Landschaften, seien diese nun Küstengebiet, Riesenwohnsitz oder Grottenumgebung, hingewiesen. "Eine solche Welt ist nicht irgendwo fest in der Wirklichkeit erfahrungsbedingter Anschauung angesiedelt, sondern verfügbares dichterisches Bild, das zu bestimmten darstellerischen Zwecken eingesetzt werden kann."[5]Und obwohl, oder womöglich gerade weil Gottfried nicht mit individuell gestalteten Räumen von der Handlung ablenkt, sondern sich konsequent aus dem Zeichenfundus "idealtypische[r] Grundformen"[6] bedient, "prägt sich (...) in seiner formelhaften Darstellung ein Spezifisches aus, dass den 'Tristan' als Gattung zum Beispiel vom Artusroman unterscheidet."[7] Im "Tristan" nimmt der Wald in seiner Bedeutung nur noch eine untergeordnete Rolle ein. Zwar trägt auch er unter anderem dazu bei, eine ganz bestimmte Stimmung zu vermitteln. Seinen bis dahin beträchtlichen Status als übernatürlich gewaltiger Topos hat er allerdings eingebüßt, nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass die aventiure als ritterliche Bewährungsprobe nicht mehr im Vordergrund steht. "Wo der wilde Wald mit seinen Abenteuern im Artusroman wesentlich zum äußeren und inneren Weg des Helden dazugehört, ja zum eigentlichen Raum der Existenzentscheidungen des Helden zu werden vermag, da hat er im 'Tristan' höchstens episodische Bedeutung."[8]

Der Jagd- und Nutzwald

In deutlichem Gegensatz zu den in ihrer jeweiligen Intensität unterschiedlich ausgeprägten Darstellungen unheimlicher und nahezu weltfremder Wald- und Gebirgsgefilde steht das mehr oder minder von Menschenhand kultivierte und gewissermaßen gezähmte Land, das zwar seine ursprüngliche Natürlichkeit durchaus mit ersterem teilt, ansonsten aber nichts Ungeheures oder gar Bedrohliches aufweist. Während verlassene Gebirgslandschaften von den Menschen möglichst gemieden werden, lädt das "sanfte, liebliche Feld"[9] zum Verweilen, zu Jagdausritten und ausgelassenem Sportspiel ein. Trotz dieser polarisierenden Diskrepanz der beiden Waldtypen erfolgt in der mittelalterlichen Dichtung der Übergang von einem zum anderen nicht unmittelbar. Anstelle einer scharfen Grenze, die gemeinhin in märchenhaften Erzählungen den direkten Kontrast zwischen Gut und Böse versinnbildlicht, trennt vielmehr das kulivierte Naturland selbst als graduell abgestufter Übergang die Wildnis von bewohntem Land und höfischem Leben und nimmt so die Rolle eines Zwischenbereichs der dreiteiligen, linearen Abfolge ein.
Besonders erkennbar ist diese sukzessive landschaftliche Aufteilung, wenn Brangäne mit zwei Männern unter dem Vorwand in den nahen Wald geschickt wird, dort Kräuterpflanzen zu sammeln. In Wahrheit soll sie von ihren Begleitern getötet werden, wozu sie jedoch zunächst noch tiefer in den Wald hinein in die dafür geeignete Umgebung geführt wird. "Der Wurzel- und Kräuterwald steht noch im Ausstrahlungsbereich menschlicher Ordnungen, erst die Wildnis ist das Niemandsland, in dem das Dunkle und Asoziale geschehen kann."[10]

nu si zem walde kamen hin,
da wurze, crut unde gras
der volle nach ir willen was,
Brangæne wolte erbeizet sin.
nu vorten si si baz hin in
in die wüeste und in die wilde.
(V. 12764-12769)

Vergleichbar verhält es sich mit dem die Minnegrotte säumenden Territorium, welches als menschenfremde Einöde quasi den skalaren Extrempunkt der Gliederung markiert. Der dahin führende Weg zieht sich vom Hofe ausgehend eine Tagereise "über walt und über heide" (V. 16681) und geht dann anschließend in den wilden Umkreis der Minnegrotte über (V. 16762).

Das Meer

Der schöne Naturort

Der geographische Raum

Fazit

Einzelnachweise

  1. Die grobe inhaltliche Einteilung folgt vorerst der Gliederung Ingrid Hahns.
  2. Hahn, Ingrid. S. 11.
  3. Hahn, Ingrid. S. 13.
  4. Die Vorlage von Thomas, auf welcher Gottfrieds "Tristan" basiert, spricht an dieser Stelle nämlich von "une vaste forêt sauvage" und bezeugt, dass er nur eine wilde Waldgegend, nicht aber die völlige Abgeschiedenheit vermittels einer Gebirgslandschaft markiert.
  5. Hahn, Ingrid. S. 14.
  6. Hahn, Ingrid. S. 14.
  7. Hahn, Ingrid. S. 14.
  8. Hahn, Ingrid. S. 14.
  9. Hahn, Ingrid. S. 15.
  10. Hahn, Ingrid. S. 15.

Literatur

  • Sämtliche in diesem Artikel zitierte Textangaben aus dem "Tristan" entstammen dieser Ausgabe: Gottfried von Straßburg: Tristan. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Friedrich Ranke neu hg., ins Neuhochdeutsche übers., mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn. Band 1-3. Stuttgart 1980.


  • [Gruenert 1962] ^ 1 2 3 Gruenert, Rainer: Zum Problem der Landschaftsdarstellung im höfischen Versroman. In:Euphorion, Band 56, hrsg. von Gruenter, Rainer u. Henkel, Arthur, Heidelberg 1962.
  • Hahn, Ingrid: Raum und Landschaft in Gottfrieds Tristan. Reihe: Medium Aevum Philologische Studien Band 3. Hg. von Friedrich Ohly, Kurt Ruh und Werner Schröder. Eidos Verlag München 1963.