Der zerissene Held (Wolfram von Eschenbach, Parzival)

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Parzivals art

Kennzeichnend für Parzivals Kindheit ist, dass er nicht bloß an küneclicher fuore betrogn (118, 2), also um die ihm seiner Abstammung her eigentlich zustehenden königlichen Lebensart gebracht wurde, sondern auch, dass er verborgen im Wald ohne jede Erziehung aufwächst. Die Notwendigkeit einer frühen Erziehung im Sinne der Zeit, die als Minimalausstattung eine Unterweisung über die christliche Heilsgeschichte, eine Ausbildung des Unterscheidungsvermögens zwischen Gut und Böse, eine Anleitung zur Zügelung der Willenskräfte braucht, sieht seine Mutter Herzeloyde in ihrer eigentümlichen Art der Erziehung nicht [Bumke 2001]. Bei seinem ersten Auftritt, als er die Vögel totschießt, ist Parzival noch ein Kind. Er schnitzt Pfeile und Bogen selbst und trifft die Ziele mit erstaunlicher Sicherheit. (118, 4-6) Später schießt er ebenso zielsicher auf Hirsche. Anschließend zeigt er jedoch Mitleid mit jenen Geschöpfen und weint über deren Tod (118, 7ff). Zu diesem Zeitpunkt hat er noch nie das Wort Gott gehört und besitzt offenbar keinerlei Kenntnisse über sich und die Welt. Später nach seinem Aufbruch zum Artushof sind es allein diese ungezügelten und unreflektierten Gewaltakte gegen Tiere und schließlich auch Menschen, die ihn kennzeichnen. Er will Artusritter werden, er will von Jeschute einen Ring haben, er will Ithers Rüstung, und es kümmert ihn wenig, wie viele Menschen dabei zu Schaden oder gar zu Tode kommen. Er hat nie gelernt, seinen Willen zu kontrollieren; er weiß nicht, was Gut und Böse, was Recht und Unrecht ist. Und er kann seinen Verstand nicht gebrauchen. Das zeigt die Art und Weise, wie er die Lehren der Mutter umsetzt. Eine rationale Sichtweise auf sich und seine Umwelt fehlt ihm vollends. Parzival ist als ein leeres Gefäß konstruiert, in dem sich nur das befindet, was ihm angeboren ist: Schönheit, Adel, Größe, Stärke, Geschicklichkeit und Gesundheit. Zudem ist es die art, die ihm von väterlicher und mütterlicher Seite angeboren ist.

174, 22-27

451, 6-8

Das väterliche Erbe ist ein angeborener Mannesmut, während die Mutter triuwe auf ihn vererbt hat. Da er in seiner bisherigen Jugend ohne weitere Erziehung keine anderen Eigenschaften ausgebildet hat, bestimmt das Elternerbe seine art, also seine Identität.

Dieses Erbe seiner Eltern ist zwiespältig; die vom Vater geerbte Mannhaftigkeit äußert sich bei Parzival als ein gewaltsamer Drang nach außen, der dazu führt, das Parzival Tiere und Menschen tötet und dass sein späteres Leben aus einer Folge von Kämpfen besteht. Das Muttererbe der triuwe wirkt dagegen als ein Drang von innen, der sich vor allem als Mitleid äußert. Diese beiden unterschiedlichen Seiten Parzivals ziehen sich durch die gesamte Geschichte: Sein Selbstbewusstsein ist durch die Siege im Kampf geprägt, ebenso konstant sind seine Mitleidsregungen, die aus der angeborenen triuwe fließen. Beides zusammen prägt die Parzivalhandlung, sowie die Kontinuität der tumpheit. Parzivals tumpheit ist eine Folge seiner kindlichen Erziehung. Er hat nie gelernt rational zu denken und zu hinterfragen. Doch diese tumpheit ist nicht bloß als ein Mangel zu sehen, sie hat auch positive Züge, denn sie ist stets gepaart mit einer Steuerung, die von innen kommt. Die Unfähigkeit zu eigenständigem reflexiven Denken zeigt sich in der Art, wie er mit den Ratschlägen umgeht, die ihm im Laufe der Erzählung seine Mutter, Gurnemanz und Trevrizent geben. Es scheint, sobald er seinen Verstand gebraucht, handelt er verkehrt. Innerlich jedoch fühlt er intuitiv, was richtig ist: Als Gurnemanz ihn ermahnt, nicht so viel von seiner Mutter zu sprechen, folgt Parzival dieser Weisung äußerlich, innerlich jedoch folgt er seinem Herzen.

173, 7-10

Auch beim Besuch auf der Gralsburg hätte er instinktiv seinen Gefühlen nachgeben sollen. Die Umstände auf Munsalvaesche, die offensichtlichen Leiden des Gralskönig können ihm nicht verborgen geblieben sein. Aber Parzival hatte eine Lektion des Gurnemanz verinnerlich: 171, 17, die er falsch deutete. Vor lauter höflicher Diskretion fehlte Parzival die moralische Intelligenz. Sein Verstand gebot ihm auf die Ratschläge zu hören, diese verabsolutierte er vorher in seiner hilflosen tumpheit, was dazu führte, dass er nicht Mitleid und menschliche Empathie als Maß für sein Handeln genommen hat.  In der Absicht alles richtig machen, machte Parzival alles falsch [Herkommer 2004]. Er schwieg, als er mit der Stimme seines Herzens hätte sprechen sollen, spontan und ungeschützt fragend.


Herkommer, Hubert: Der zerissene Held und seine Heilung im Gespräch. Parzivals Einkehr beim Einsiedler Trevrizent, in: Graf, Michael;Mathwig, Frank; Zeindler, Matthias (Hrsg.): 2Was ist der Mensch?". Theologische Anthropologie im interdisziplinären Kontext. Wolfgang Liebmann zum 60. Geburtstag, W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart 2004, S. 137-161.


Bumke, Joachim: Wahrnehmung und Erkenntnis im Parzival Wolframs von Eschenbach, in: Peters, Ursula: Text und Kultur. Mittelalterliche Literatur 1150-1450, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2001, S. 355-370.