Zusammenspiel von äußerer und innerer Schönheit

Aus MediaeWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Äußere und innere Schönheit spielen wechselseitig eine wichtige Rolle, häufig lässt sich von dem Einen auf das Andere schließen. So öffnet sich Parzival Tür und Tor, sein Äußeres wirkt vertrauenserweckend und er begegnet Zuvorkommenheit. Allerdings stellt Cundrîe la suziere einen Bruch im Parzival dar, da sie eine seltene Symbiose von hässlich und gleichzeitig klug verkörpert. Eine anfängliche Analyse deutet nun darauf hin, der Roman [1] bezwecke einen Bruch mit der ungeschrieben höfischen Norm der Verbindung äußerer und innerer Schönheit.

Frauenfiguren

Im Werk lassen sich viele schöne Figuren ausmachen, von denen einige exemplarisch beleuchtet werden sollen. Zunächst einmal aber gilt es, den Beginn des Epos genauer zu betrachten, als dort der Erzähler das Programm für äußere und innere Schönheit definiert. Frauenschönheit werde vielerorts gefeiert, aber ‚ist dâ daz herze conterfeit‘ (3,11), so könne auch bei einer Frau entgegen der allgemeinen Meinung Schönheit nicht ohne weiteres auf Tugendhaftigkeit schließen lassen. Die Metapher ' swer in den kranken messinc verwurket edlen rubîn ' (3,16) verdeutlicht dies noch einmal. Auch Armin Schulz analysiert den Körper als ein Zeichen, mit dem (entgegen der höfischen Norm) gelogen werden könne, so dass die Gefahr des schönen Scheins ohne Gegenpart in der Person bestehe. [Schulz 2008]:7 Es gilt also zu prüfen, ob die viel gelobte Schönheit der Frau sich auch in Tugenden wie ' prîs', 'êre', 'werdekeit ' (2,28- 2,30), ' kiusche, 'triuwe' und 'scham ' (3,2-3,5)widerspiegelt, so der Erzähler. Hässliche Frauenfiguren dagegen sind in der mittelalterlichen Literatur nach Ingrid Kasten insgesamt sehr selten, sie widersprechen der Norm des umworbenen Frauen Ideals am Hof, meist Schauplatz des Aventiure Romans. Der Wert der Frau wird insgesamt oft in ihrer Attraktivität gemessen.

Bei den Frauen bietet sich eine Betrachtung der edlen und schönen Herzeloyde an (84,13): ‚vrou herzeloyde gap den Schîn‘, die sich besonders durch ihre ' triuwe ' auszeichnet (116,19). (Ihr) Adel manifestiert sich in körperlichem Glanz und ihrer ‚lieht(en)‘ (84,15) Gestalt. Das Prinzip der Dichotomie schwarz/weiß und der damit einhergehenden Semantik von Gut und Böse sieht sich im Artikel Farbsymbolik in Wolframs Parzival näher erläutert. Die Schönheit ihres Sohnes lässt auf sie Rückschlüsse zu. Auch nach ihrem Ableben wird von Herzeloyde nur Erziehung fernab jeder Zivilisation positiv gesprochen. Die Gralsbotin Cundrîe dagegen soll als seltene Verkörperung des Hässlichen genauer analysiert werden.

Männerfiguren

Männer sind auf ihren ,muot ' (2,17), ihre ' hôhe werdekeit ' (2,19), ' wîse ' (2,5) und ihre ' triwe ' (2,20) zu prüfen. Hier wird also eher ein Kontrast zwischen tugendhaften und -losen Männern, als zwischen innen und außen gezogen. Das Wort Schönheit dagegen fällt nicht, auch wenn im weiteren Verlauf des Werks festgehalten werden muss, dass alle auftauchenden Männerfiguren samt und sonders schön sind (siehe Anfortas, Gâwân, Parzival, aber auch Ither und Clinschor). Dennoch stellen auch sie nicht den idealtypischen, schönen und tugendhaften Held dar: Sie haben Sünden zu büßen, sowohl Gâwân als auch Anfortas und Parzival sind verflucht und müssen göttliche Huld (Parzival) sowie weltliche Huld (Gâwân) zurück gewinnen.

Innere und äußere Schönheit in höfischer Norm und der Literatur

In der heutigen neurologischen Forschung wird vermutet, Gesichtserkennung sei spezifisch und ergänzend zu der generellen visuellen Objekterkennung. Dagegen wird im Mittelalter individuelle Schönheit erst ab Mitte des 13 Jhd. dargestellt, zuvor wird weniger auf Gesichtszüge denn auf Kleidung und ‚lihte‘ Wert gelegt. ‚Äußerlich individualisiert scheint allein das Böse , das Hässliche‘. [Schulz 2008]:9 Gleichzeitig lässt das Äußere Rückschlüsse zu, es mache die Tugenden, allen Adel, anschaulich‘. [Schulz 2008]:7 Eine Diskrepanz sollte es nicht geben (mehr zu selbigem Normmuster und mittelalterichem Schönheitsideal: Schönheit und Hässlichkeit (Wolfram von Eschenbach; Parzival), dies ist allerdings eine Norm, die in unserem Werk gebrochen wird, das Normalmuster wird problematisiert. [Schulz 2008]:243 Im Parzival wird eine Dechiffrierung der Zeichen nötig. Durch die Möglichkeit des trügerischen Scheins wird das Erkennen von adeliger Gesinnung erschwert, vor allem aber ein Fehlverhalten nicht ausgeschlossen. Damit ist die Ideologie von der Einigkeit von Innerem und Äußerem zwar nicht hintergehbar, aber hinterfragt.

Cundrîe

Interessant wird es auch bei Cundrîe la suziere, die ‚triuwe‘ (312,2) ist und sehr klug (vgl. 312,19), aber nicht schön (312,15), sondern im Gegenteil, deren Hässlichkeit über 20 Verse ausgebreitet wird (313,17-314,10). Eben diese Szene, das Auftreten Cundrîes, soll hier genauer beleuchtet werden. Parzivals Schönheit evoziert Freude in der anwesenden Festgesellschaft, ihm wird Ehre erwiesen. Dieser Freude ist mit dem Auftritt Cundrîes ein Ende gesetzt, als eine Unheilsbotin bricht sie in die Artusrunde, um den Held zu verfluchen. Ihre Funktion ist hier die einer Unheilsbotin, insofern kann ihre Hässlichkeit mit der Sterblichkeit, der Sünde, dem Verderbnis [Kasten 1991]:261 und mit Bösem verbunden werden. Allerdings gilt zu bedenken, dass sie am Ende des Werks auch als Heilsbotin auftritt, hier also wieder ein Bruch mit dem Cliché vorgeführt wird. Cundrîe ist gleichzeitig eine Gelehrte, sie beherrscht nicht nur Sprachen, sondern ist auch anderer geistiger Fähigkeiten mächtig. Sie hat eine Mittlerfunktion inne zwischen Grâlsburg, dem Transzendenten und der Artusrunde. „Das Hässliche […] ist zwar eine Metapher der Ausgrenzung, aber einer Ausgrenzung, die zunächst nicht auf der Alltags-Wirklichkeit liegt, sondern auf einer von christlichen Anschauungen geprägten Symbolebene“ [Kasten 1991]:261 Durch ihre äußerliche Erscheinung ist sie gleichwohl vom traditionellen Minnekonzept ausgeschlossen, als intelligente und hässliche Frau, beides seltene Attribute, ist sie auf transzendenter Ebene ausgegrenzt und bricht so als übernatürliches Wesen in die weltliche Artusrunde ein. Durch ihre Ausgegrenztheit kann sie als Korrektiv auftreten, durch ihr Vetreten eines gesamten Herrschaftsbereichs (Grâlsburg) hat sie dazu die Autorität. Gerade aus ihrer Ausgegrenztheit resultiert die ihr inhärente Funktion: sie wirkt integrierend, durch ihren "Hybridcharakter" [Salama 2014]:24 ist sie mobil und hat Zugang zu verschiedensten Kulturräumen, darunter heidnische und christliche (Grâlsburg) aber auch zum Artushof und Schastel Marveille pflegt sie Kontakt zu haben. Es fällt schwer, sie endgültig einem Raum zuzuordnen. Durch die so ermöglichte Mobilität als Botschafterin zwischen den Welten, gleichwohl durch die durch sie inserierte Auflösung der Entität von Innen und Außen [Salama 2014]:34 bleibt sie ein Zeichen diffuser Grenzen, dezidiert gesprochen ist Cundrîe Grenzgängerin und eine permeable Figur, die es immer wieder neu zu bestimmen gilt.

Fazit

Cundrîe wird durch ihre äußere Erscheinung hervorgehoben und scheint gemäß der Norm ausgegrenzt, sie inszeniert Transzendenz und entstammt einer anderen Welt. (Am Rande zu vermerken ist auch ihr heidnischer Ursprung. Zu dem Zusammenwirken von Religion und Schönheit kann auch der Aritkel Race Konzepte im Parzival gelesen werden) Diese Ausgrenzung wird aber zugleich in Frage gestellt, da der äußerlichen Hässlichkeit eine Innerlichkeit der Treue und des Mitleids sowie der Klugheit gegenübergestellt wird, die Cundrîe eine gewisse Autorität verleiht. Ein Bruch zwischen Innen und Außen wird ermöglicht, der sich in Parzival chiastisch wiederfindet: Parzival wird verflucht. Er scheint dabei mehr auf christlicher denn auf höfischer Ebene ausgegrenzt. Er sagt sich von Gott los, wird aber in der Artusrunde beklagt. Cundrîes äußerliche Hässlichkeit und daraus resultierte Ausgegrenztheit findet sich in Parzival scheinbar wieder. Gleichzeitig wird durch Cundrîes Figur die Möglichkeit der Rückgewinnung der Erlösung gegeben und Aus- und Eingrenzung in Frage gestellt. Parzival wird in analysierter Szene auf christlicher Ebene ausgegrenzt, um am Ende durch Cundrîe wieder eingegrenzt und sogar zum Herrscher ernannt werden zu können, also einen Zugewinn an Status zu erhalten. Cundrîe ist durch analysierte Szene als unschuldig Schuldige stilisiert. Schuld durch die sich später als fälschlich herausstellende Anklage Parzivals scheint ihre Verfluchung in der Szene jedoch legitim. Die Verfluchung Parzivals kann als notwenidger Schritt gesehen werden, der Parzival einen Weg der Buße ermöglicht, um ihn am Ende zu einem absoluten Herrscher und in ein harmonisches Gesamtbild zu bringen. [Pappas 2001] So schließt das Werk mit einem potenzierten Einklang von äußerer Schönheit und sowohl christlich als auch höfisch tugendhafter Innerlichkeit bei Parzival. Dieser Potenzierung ist durch vorherigen Bruch mit der Norm der Weg geebnet, der vor allem durch Cundrîe als transzendenter Figur ermöglicht wird.

Anmerkungen

  1. Es wird unter Angabe von Strophen und Verszahl zitiert nach: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Mit einer Einführung zum Text der Lachmannschen Ausgabe und in Probleme der 'Parzival'-Interpretation von Bernd Schirok, 2. Aufl., Berlin/New York 2003.


Literaturverzeichnis

  • [Kasten 1991] ^ 1 2 Kasten, Ingrid, 1991: Häßliche Frauenfiguren in der Literatur des Mittelalters. in: (Hg.), Auf der Suche nach der Frau im Mittelalter. Fragen, Quellen, Antworten. S. 255-276.
  • [Pappas 2001] ^ Pappas, Katharine, 2001: Die häßliche Gralsbotin Cundry. in: Müller, Ulrich; Werner Wunderlich (Hg.), Verführer, Schurken, Magier. St. Gallen: Fachverlag für Wissenschaft und Studium. S. 157-172.
  • [Salama 2014] ^ 1 2 Salama, Dina Aboul Fotouh, 2014: Formen und Funktionen literarischer Körper im Parzival. Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 1: S. 1-34.
  • [Schulz 2008] ^ 1 2 3 4 Schulz, Armin, 2008: Schwieriges Erkennen. Tübingen: Niemeyer.