Zinsstreit mit Gurmun (Gottfried von Straßburg, Tristan)

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Dieser Artikel behandelt den Zinsstreit zwischen Gurmun, dem König von Irland und Marke, in dessen Zuge Tristan Morold im Kampf tötet.

Der Zinsstreit

Gurmun, Herrscher von Irland und Vater von Isolde befindet sich zu Beginn der Erzählung in einem Streit mit Marke. Gurmun bekam von den Römern die Zusicherung, dass alles, was er gewaltsam unterwerfen könnte, ihm gehöre, solange er den Römern gewisse Abgaben und Vorrechte leistete:

und nam von den maeren,

den gewaltegen Rômaeren

urloup unde botschaft,

swaz er betwünge mit craft,

daz er daz z'eigen haete

und ouch in dâ von taete

eteslîch reht und êre. (5905 - 5911)[1]

So kommt er mit seinem Heer auch nach Cornwall und England, Marke ist zu diesem Zeitpunkt allerdings noch ein Kind und somit wehrlos. Marke wird unterworfen und ist Gurmun gegenüber Zinspflichtig:

dô was aber Marke ein kint,

als kint ze wer unveste sint,

und kam alsô von sîner craft

und wart Gurmûne zinshaft. (5927 - 5930)

Die Zinsforderung besteht im ersten Jahr in dreihundert Mark in Messing (5947), im zweiten Jahr Silber, im dritten Gold (5949). Ab dem vierten Jahr fordert Gurmun dreisig Kinder (5958 - 5965). Gurmun schickt seinen Schwager Morold, um die Zinsfoderung durchzusetzen, die einzige Befreiung von dem Joch wäre durch einen Zweikampf mit dem übermächtigen Morold oder durch Krieg:

und ensolte dirre schande

nieman anders widerstân,

es enmüese mit einwîge ergân

oder aber mit lantvehte.(5966-5969)


Tristan und Morold

Zu diesem Zeitpunkt tritt Tristan in Erscheinung, der das Unrecht gegenüber Marke erkennt und einschreiten möchte. Tristans Argumentation in der Erzählung beruft sich hauptsächlich auf Gott. Er beschuldigt die Adligen in Markes Reich, gottlos zu handeln, wenn sie ihre Kinder ohne Gegenwehr als Tribut an Morold abgeben, um selbst in Freiheit leben zu können:

jâ suln vetre vür ir kint,

wan sî mit in ein leben sint,

ir leben geben: deist mit gote.

ez ist gâr wider gotes gebote,

der sîner kinde vrîheit

der eigenschefte vür leit,

daz er sî ze schalken gebe

und er mit vrîheite lebe. (6103 - 6110)

Tristan ist davon überzeugt, Gott auf seiner Seite zu haben. Wenn er den Kampf gegen Morold gewinnen kann, so ist das seiner Meinung nach der Wille Gottes. Er lässt sich auch durch Markes versuchte Intervention nicht davon abhalten, in den Kampf zu ziehen.

"sît daz ez danne an dise vrist

und her ze mir behalten ist,

wil's danne got geruochen,

sô wil ich versuochen,

ob iu got habe ûf geleit

an mir dekeine saelekeit

und ob ich selbe iht saelden habe." (6235 - 6241)

Daraufhin zieht Tristan tatsächlich in den Kampf gegen Morold. Im Zweikampf wird Tristan durch die vergiftete Lanze seines Widersachers verwundet, er sieht seine Niederlage allerdings nicht ein und schafft es letztendlich Morold zu töten.

Rechtliche Auslegung des Zweikampfes

Zunächst steht die Frage im Raum, warum Tristan einen solchen Einsatz zeigt, Markes Reich von der Zinslast zu befreien. Rosemary Norah Combridge zufolge liegt die Begründung darin, "Tristans Anspruch auf das Königtum dichterisch ins Bewußtsein des Lesers einzuprägen"[2] Die Szene zeigt ein "Zusammentreffen von Recht und Macht:"[3]

wan Môrolt lac billîche tôt.

der was niwan an sîner craft

und niht an gote gemuothaft

und vuorte z'allen zîten

ze allen sînen strîten

gewalt unde hôhvart,

in den er ouch gevellet wart. (7224 - 7230)

Aus der breiten Ausmalung der Morold Szene lässt sich die starke moralische Beteiligung Gottfrieds an der Situation erkennen. Tristans ständiger Bezug auf Gott ist kein Zufall: Der Konflikt zwischen Marke und Gurmun ist kein Konflikt auf nationaler Ebene. Eine Schlichtung vor einem Gericht an Markes oder Gurmuns Hof hätte also rechtlich keinen Bestand. Das Einschreiten Tristans als übernationaler Akteur kommt also einem Urteil von außen gleich. Tristan ist lediglich ein Instrument, das eigentliche Urteil wird Tristans eigener Aussage zufolge von Gott gesprochen. Ein Vergleich hierzu wäre Isoldes Gottesurteil am Ende der Erzählung. Im Unterschied zur Gottesurteilsszene mit Isolde spielt hier allerdings der internationale Konflikt die entscheidende Rolle: "Man könnte also dahin definieren, der Zweikampf sei nicht nur ein Gottesurteil, sondern er finde im eigentlichsten Sinn vor einem Gottesgericht statt.[4]

Literaturangaben

  1. Gottfried von Straßburg; Ranke, Friedrich (Übers.); Tristan, Band 1 und 2; Reclam; Stuttgart; 2007
  2. Combridge, Rosemary N.: Das Recht im "Tristan" Gottfrieds von Straßburg, 2 Aufl., Münster 1959 (Philologische Studien und Quellen) S. 48
  3. ebd.
  4. Combridge, Rosemary N.: Das Recht im "Tristan" Gottfrieds von Straßburg, 2 Aufl., Münster 1959 (Philologische Studien und Quellen) S. 52