Tristan im Bade (Gottfried von Straßburg, Tristan)

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Als sich Tristan in Irland zum Bade begibt überrascht ihn Isolde und will ihn töten.

Inhalt

Tristan befindet sich in Irland und verweilt am Königshof hinter der Maske des Spielmanns Tantris. Nach dem Kampf mit dem Drachen, bei dem Tristan diesen besiegen und töten konnte und der Entlarvung des Truchsessen als Lügner, steht er in der Gunst der beiden Isolden ziemlich hoch. Vor allem bei der jüngeren Isolde trifft er auf Bewunderung seiner Person. Als Isolde aber die Waffen und die Rüstung von Tristan säubern will, entdeckt sie, dass in seinem Schwert ein Stück fehlt und erkennt, dass es sich bei diesem um den Splitter handelt, der Morold, ihren Onkel getötet hat. Als sie in diesem Zusammenhang näher über Tristan nachdenkt, erkennt sie, dass es sich bei Tristan und Tantris um die selbe Person handelt. Aus dem Schmerz heraus, den sie bei diesen Entdeckungen empfindet, schwört sie auf Rache und beschließt, Tristan im Bad zu töten.

Die Begegnung im Bad

Während dieser Szene sind Isolde und Tristan vollkommen allein in dem Bad und Tristan ist in dem Moment Isolde ausgeliefert und völlig wehrlos. [1]. Erst als die Königin hinzukommt, wird Tristan aus der Gefahr befreit, die ihn durch Isolde bedroht.

Isolde erkennt die Identität Tristans

Wenn Tristan sich im Bad befindet erkennt Isolde durch den Schwertsplitter seine wahre Identität:

"jâ" sprach si "Tristan, bistu daz?"
"nein vrouwe, ich bin´z Tantris."
"sô bistu, des bin ich gewis,
Tantris unde Tristan. (V.10147-10149)
"Ja", sagte sie, "bist du Tristan?" / "Nein, Herrin, ich bin Tantris." / "Dann bin ich sicher, du bist / Tantris und Tristan
zugleich.

Schon die ganze Irlandepisode steht unter dem Einfluss der Identitätsverschleierung von Tristan, denn auch nach dem Drachenkampf spricht ihn Isolde als Ritter an und erkennt in ihm nicht den Spielmann, als der er sich ausgibt:â ritter, mahtu sprechen? sprich! (V.9464) ("Ach Ritter, kannst du sprechen? Sprich!"). Diese Maskerade hat dann in der Szene, als sich Tristan im Bad befindet ihren Höhepunkt und birgt damit auch das meiste Konfliktpotenzial. Interessant ist dabei vor allem, dass sich Tristan auf der einen Seite durch seine Identitäten in Gefahr bringt, auf der anderen Seite retten ihm diese ihm das Leben. Denn die Königin hat ihm (Tantris) Schutz zugesichert und diesen Eid kann sie nicht brechen. [2]. Denn wenn Tristan nicht als Tantris aufgetreten wäre, hätte er sein Leben in diesem Moment verwirkt gehabt. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass er auch seine Identität als Ritter verschweigt und sich als ein Spielmann ausgibt. Dies ist für ihn ein wichtiger Schritt, denn für den mittelalterlichen Ritter zählt nichts so viel wie seine Ehre als solcher.

Isolde erkennt seine Identität allerdings genau genommen nicht auf einen Schlag, sondern stufenweise. Als erstes wird ihr eben bewusst, dass es sich bei Tantris eigentlich um einen Ritter handeln muss, hat er doch viele höfische Eigenschaften: got hêrre, dû hâst ime gegeben / dem lîbe ein ungelîchez leben". (V.10031f.)Dann entdeckt Isolde, dass es sich bei diesem Mann um den Spielmann handelt, den sie in den letzten Wochen kennen gelernt hat. Erst ganz am Schluss kann sie die Verbindung zwischen Ritter und Spielmann, Tristan und Tantris herstellen. [3]

Isolde schwört Rache

Als Isolde erkennt, dass es sich bei Tristan/Tantris um den gesuchten Mörder ihres Onkels handelt, schwört sie auf Rache. Dabei verhält sie sich in einer Weise, die man von einer Frau im Mittelalter eigentlich nicht erwarten würde: sie will selbst zur Tat schreiten und Tristan im Gegenzug umbringen:

"die zwêne sint ein veiger man.
daz mir Tristan hât getân,
daz muoz ûf Tantrîsen gân.
du giltest mînen oehein!" (V.10150-10153)
"Beide sind todgeweiht. / Was Tristan mir angetan hat, / trifft jetzt Tantris. / Du büßt für meinen Onkel."

Hierbei handelt es sich auch einmal nicht um eine List, mit der das Ziel erreicht werden soll, sondern Isolde spricht offen aus, was sie beabsichtigt zu tun. Dies widerspricht eigentlich dem Heimlichkeits-Konzept bei Gottfried, sieht man eine so offen zur Schau gesellte Absicht des Handelns im Roman sonst nicht mehr. Alles andere geschieht heimlich: die Liebesbeziehung von Tristan und Isolde, Markes Listen, die Gegenlisten der Liebenden, die Verabreichung des Minnetrankes durch Brangäne. Gerade diese Offenheit kann als offene Abwendung von den höfischen Konventionen gelten, erwartet man von einer Frau solch eine Reaktion nicht. Dies lässt sich auch an den heftigen Reaktionen von Tristan und der älteren Isolde erkennen:

"nein süeziu juncvrouwe, nein!
durch gotes willen, waz tuot ir?
gedenket iuwers namen an mir.
ir sît ein vrouwe unde ein maget.
swâ man den mort von iu gesaget,
dâ ist diu wunneclîche Îsôt
iemer an den êren tôt." (V.10154-10160)
"Nein, liebliche junge Dame, nein! / Um Gottes willen, was tut Ihr? / Bedenkt doch, wer Ihr seid! / Ihr seid ein vornehmes
Mädchen. / Wo man von Eurer Mordtat erfährt, / ist die reizende Isolde / auf ewig ehrlos."
"sint diz schoene vrouwen site?
hâstu dînen sin verlorn?
weder ist diz schimpf oder zorn?" (V.10170-10172)
"Ist das das Benehmen einer feinen Dame? / Bist du von Sinnen? / Scherzt du oder bist du zornig?"

Beide weisen Isolde darauf hin, dass sie durch ihr Benehmen ihre Ehre verlieren wird und von der Gesellschaft nicht mehr anerkannt sien wird. Diese Sorge ist gewichtig, bedenkt man, wie stark die gesellschaftlichen Zwänge das Leben bei Hof im Mittelalter bestimmen. Das Schlimme dabei ist nicht so sehr die Tatsache, dass Isolde Tristan töten will, sondern dass sie dies als Frau tun will. Das ideale Frauenbild der mittelalterlichen Kultur sieht eine junge Dame vor, die sich streng an die Tugendlehre hält und somit auf ihre Moral, ihre Keuschheit, ihre guten Taten, ihre Aufrichtigkeit, ihren guten Ruf, ihre Vornehmheit und ihre Tugend mit besonderer Sorgfalt achten muss [4]. Aber genau dies ist Isolde in diesem Moment egal und sie vergisst die gesellschaftlichen Konventionen, was wahrscheinlich durch den Handlungsort mitbedingt wird. In dem Bad befinden sich schließlich nur Tristan und Isolde und durch Tristans Nacktheit sind auch hier die Normen aufgelockert und er ist nicht mehr als der höfische Spielmann oder Ritter zu erkennen.

Fazit

In dieser Szene zeigt sich deutlich, dass Isolde versucht, aus der Gesellschaft auszubrechen, oder besser gesagt, dass es ihr egal ist, welche gesellschaftlichen Konsequenzen ihr Handeln haben kann. In diesem Zusammenhang kann man die Kritik erkennen, die Gottfried an der höfischen Welt übt, denn die erst so sittsam beschriebene Isolde bricht plötzlich aus ihren Konventionen aus und blendet die Tugenden, die das Leben einer Frau im Mittelalter bestimmen aus. Die höfische Welt wird in der Szene generell ausgeblendet, findet sie doch in einem Bad statt und Tristan ist vollkommen nackt, was ihn auch seiner gesellschaftlichen Stellung enthebt. Jetzt kann er sich nicht repräsentieren durch sein Schwert oder seine Harfe. Gottfried löst somit alle gesellschaftlichen Zwänge erst einmal auf. Allerdings treten diese bald wieder in Form der alten Isolde auf, die zusammen mit Tristan die junge Isolde an ihre Stellung erinnert.

In den gesamten Tristan-Stoff eingeordnet sticht die Bade-Szene heraus, da sie viele Elemente beinhaltet, die nur hier so stattfinden. Zum einen wäre da das bereits erwähnte Ausbrechen Isoldes und die Auflösung der gesellschaftlichen Konventionen insgesamt. Weiterhin lässt sich feststellen, dass hier nicht das Motiv der List angewendet wird, das bis dahin nur von Tristan bekannt ist. Isolde handelt hier vollkommen offen und nichts verbergend. Dies kann dahingehend gedeutet werden, dass sie bis dahin noch nie etwas Verbotenes getan hat und sich deshalb auch nicht damit auskennt. Erst durch die Liebe zu Tristan wird das heimliche und verborgene Handeln zur Gewohnheit.

Literatur

  1. Sosna, Anette: Fiktionale Identität im höfischen Roman um 1200: Erec, Iwein, Parzival, Tristan, Stuttgart 2003, S.255.
  2. Sosna, Anette: Fiktionale Identität im höfischen Roman um 1200: Erec, Iwein, Parzival, Tristan, Stuttgart 2003, S.255.
  3. Sosna, Anette: Fiktionale Identität im höfischen Roman um 1200: Erec, Iwein, Parzival, Tristan, Stuttgart 2003, S.256.
  4. Bumke, Joachim: Höfsiche Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelaler, München, 81997, S.481
  • Zitierung aller Versangaben nach: Gottfried von Straßburg: Tristan. Nach dem Text von Friedrich Ranke neu herausgegeben, ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn. Bd. 1–3. Stuttgart 1980 (RUB 4471-4473).