Tristan-Fortsetzung (Heinrich von Freiberg)

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Heinrich von Freiberg bearbeitet wahrscheinlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts den Tristan-Roman Gottfrieds von Straßburg weiter, den dieser nicht vollenden konnte. Die Fortsetzung ist die zweite, nach der von Ulrich von Türheim, von dem sich Heinrich in seiner Version abgrenzt. Heinrich orientiert sich in seiner Version des Schlusses eher an Gottfried selbst.

Entstehungshintergrund

Durch den Tod Gottfrieds von Straßburg konnte dieser seine Erzählung Tristan nicht vollenden, weshalb sie Heinrich von Freiberg weiterführte. Die Frage stellt sich natürlich, ob Gottfried seinen Tristan-Roman mit Absicht unvollendet gelassen hat oder ob er nicht fertig geworden ist. Christoph Huber sagt dazu, dass die Forschungsmeinung, die dahin geht, dass der Fragmentschluss des Tristan bewusst so gewählt wurde, unrecht hat. Das Argument, das er widerlegt ist, dass die Minne einfach nicht vollendet werden konnte und im Laufe des epischen Stückes scheitert. Huber führt aber an, dass dies nicht der Fall ist, da der Tristan-Roman an einer Stelle abbricht, die ein erneutes Aufleben der Minne nicht ausschließt. Somit ist ein Fragmentschluss nicht zwingend notwendig, was es auch Heinrich ermöglicht, seine Fortsetzung zu schreiben [1].

Seine Bearbeitung des Stoffes ist die zweite nach der Fortsetzung von Ulrich von Türheim [2]. Heinrich nennt sich im Prolog selbst [3]: ich Heynrich von Vriberc / vol tichte disen Tristan, (V.82f.)(ich, Heinrich von Freiberg vollende diesen Tristan), aber die Entstehung des Werkes geschah vor allem auf den Wunsch eines Adligen, den Heinrich in seinem Prolog auch erwähnt, nämlich Reinmut von Lichtenburg, ein Böhme [4]:

daz aber ich dise arbeit
hab minem sinne vur geleit
daz machet eines herren tugend;
[...]
in Behemlant ist er geborn,
[...]
und ist ein Luchtenbburgonoys.
von Luchtenburc ist er genant.
und ist genennet er Reymunt. (V.53-77)
Der Grund dafür, dass meinem Geist/ich diese Mühe zugemutet,/ist eines Edelmannes Tugend!/(...)/Im Böhmerland ward er
geboren,/(...),/Er ist ein Herr von Lichtenburg,/so nach dem Stammburg der Familie./und Reinmund ist sein zweiter Name.

Im Mittelalter war es üblich, dass solche Werke von Adligen in Auftrag gegeben wurden, die sie in ihrem Sinne verfassen sollten, was ihnen selbst half, ihr eigenes Ansehen durch die Dichtungen zu steigern, indem sie sich den Dichtern gegenüber durchaus auch als großzügig erwiesen [5]. Durch die Verbindung, die zwischen Heinrich und dem böhmischen Königshaus hergestellt werden kann zeigt sich, dass auch der Dichter in höheren Kreisen verkehrt hat, was die Sprache des Werkes erklärt [6].

Zeitlich lässt sich die Fortsetzung zwar nicht genau datieren, allerdings lässt sich durch urkundliche Erwähnungen des Auftraggebers ungefähr darauf schließen, wann Heinrich seine Fortsetzung verfasst hat. Reinmut von Lichtenburg kann aus Urkunden ungefähr auf die Jahre 1278 bis 1329 nachgewiesen werden. Die Entstehung der Erzählung wird aber auf 1290 - 1300 fest, kann doch davon ausgegangen werden, dass Reinmut ca. 1255 (oder auch später) geboren ist und aus dem Werk Heinrichs hervorgeht, dass der Auftraggeber zwar noch "jugendlich" war, sich aber auch schon durch seine ritterlichen Taten als Mann ausgezeichnet hat [7].

Heinrich erklärt sich zu der Vollendung des Tristanstoffes bereit, da er den Tristan-Stoff im Sinne und Stile Gottfrieds weiterführen will, da dieser durch seinen Tod nicht mehr dazu gekommen ist, allerdings wird seine Version nie an die Sprachgewalt Gottfrieds herankommen:

daz ich zwivele dar an,
ob ich indert vinden kan
in mines sinnes gehuege
red, di wol stende tuege
bi disen spruchen guldin!
nu muege wir nicht gehaben sin: (V.25-30)
dass ich in argem Zweifel lebe,/ob in der Kammer meines Geistes/der Poesie solch Wortgewalt/zu finden, die der Verse
Goldglanz/entfernt nur wiederholen können!/Er ist uns leider nicht geblieben

Nach dieser Aussage wird klar, dass sich Heinrich an den Stil Gottfrieds halten wird.

Inhalt

Tristan heiratet schließlich Isolde Weißhand, vollzieht die eigentliche Hochzeit aber nicht mit der Begründung, dass er einen Schwur abgeleistet hat, als er in Irland mit einem Drachen gekämpft habe, er würde, wenn er jemals heirate, ein Jahr lang keusch bleiben. Ein halbes Jahr leben die beiden als Eheleute zusammen, bis Tristan die Kunde von König Artus und der Tafelrunde erreicht, zu der er mit der Zustimmung Isolde Weißhands aufbricht. Am Hof König Artus´ wird er „herzlich empfangen“, nachdem er auf Gawan getroffen ist und in diesem einen Freund erkannt hat. Gawan setzt sich auch für Tristan ein, dass dieser Isolde wiedersehen kann, indem er eine Jagd in der Nähe der Burg Tintajol, der Burg Markes, veranstaltet. Er versteht es des Weiteren, alles so zu lenken, dass der ganze Hof auf Markes Burg übernachten muss, wodurch Tristan und Isolde sich wiedersehen können. Marke misstraut Tristan aber immer noch und lässt deshalb zwölf Sensen vor der Zimmertür aufstellen, die die Geliebten daran hindern sollen, zueinander zu gelangen. Die beiden tun dies dennoch und Tristan verwundet sich an den Sensen, weshalb Isoldes Kemenate und Bettzeug mit Blut gefärbt werden. Aber ein anderer Ritter aus Artus´ Gefolge schlägt vor, dass sich doch alle Ritter verwunden sollten, um den Verdacht von Tristan abzulenken. Marke erwischt das Paar dennoch in einer späteren Nacht und verurteilt beide zum Tode. Allerdings gelingt es Tristan, sich und Isolde zu befreien, und sie können sich im Wald verstecken, bis Marke Isolde findet, die ihn von ihrer Liebe überzeugen kann. Tristan kehrt daraufhin zu Isolde Weißhand zurück, wo er so weiter lebt wie zuvor. Als Kaedin erfährt, dass Isolde immer noch Jungfrau ist, stellt er Tristan zur Rede und dieser gesteht ihm seine Liebe zu der anderen Isolde. Daraufhin kehren beide nach Britannien zurück, wo sie es wieder schaffen, ein Zusammentreffen von Tristan und Isolde herbeizuführen. Tristan verkleidet sich als Narr und gelangt so auf die Burg Markes ohne erkannt zu werden, und kann sich somit auch Isolde nähern. Da Marke keinen Verdacht schöpft, ist es Tristan möglich, einige Zeit ungestört mit Isolde zu verbringen, wenn der König den Hof verlässt, immer hinter der Maske des Narren. Als seine Tarnung aber auffliegt, kehrt er wieder nach Arundel zu Kaedin und Isolde Weißhand zurück. Kaedin wiederum liebt eine verheiratete Frau, die seine Gefühle aber erwidert und die er nachts heimlich besuchen will. Bei dem Besuch verliert er allerdings seine Kopfbedeckung, die ihn verrät und durch die der Ehemann seine Identität erfährt. Bei einem Kampf wird Kaedin getötet und Tristan tödlich verwundet. Da ihm kein Arzt helfen kann, wird nach Isolde geschickt, die ihn heilen soll. Als Zeichen ihrer Antwort wird vereinbart, dass ein Schiff geschickt wird; wenn dieses weiße Segel führt, komme Isolde, bei schwarzen Segeln nicht. Isolde Weißhands Kummer darüber, dass Tristan nach der anderen Isolde geschickt hat, ist groß und auf die Frage Tristans, welche Farbe das Segel habe, amtwortet sie mit schwarz anstatt mit der richtigen Antwort weiß. Durch seinen großen Kummer stirbt Tristan. Als Isolde vom Tod ihres Geliebten erfährt, legt sie sich zu ihm und stirbt an gebrochenem Herzen. Marke erfährt durch Kurvenal von dem Tod der beiden Geliebten und bereut daraufhin, dass er Isolde nicht Tristan zur Frau gegeben hat. Er tritt deshalb in ein Kloster ein, übergibt Kurvenal die Königreiche und errichtet ein Grab für die beiden Liebenden.

Vergleich mit Gottfrieds Tristandichtung

Obwohl Heinrich von Freiberg versucht, in der Tradition von Gottfried weiterzuschreiben, gelingt ihm das nicht immer und er bringt durchaus auch neue Elemente mit ein. Dabei führt er seinen Schluss in sprachlicher und stilistischer Weise wie Gottfried weiter [8].

Allerdings wird bei genauer Betrachtung deutlich, dass sich Heinrich auch deutlich von Gottfried abhebt, ist es doch seine Meinung, dass sich die Interpretation und die Auslegung des Stoffes nicht unbedingt mit der des "Meisters" decken muss, was eben Spielraum für eigene Deutungen und Darstellungen lässt, was sich bei Heinrich vor allem bei der Minnethematik niederschlägt. Dies gelingt ihm laut Sedlmeyer vor allem deswegen, weil er durch sein Bestreben, Gottfrieds Konzept zu folgen, sich selbst Raum für eine eigene Version des Tristanstoffes schaffen kann [9].

Vor allem im Epilog wird deutlich, dass für Heinrich kein Sinn darin besteht, sich einer Liebe so sehr hinzugeben, wie Isolde und Tristan dies getan haben. Denn letzten Endes hat sie für die beiden zum Tod geführt und ein swaches ende (V.6855) genommen. Heinrich gibt im Epilog den Ratschlag, sich auf die Liebe zu Christus zu konzentrieren und diese in den Vordergrund und über alles andere zu stellen. Für ihn ist diese Liebe die wahre, unvergängliche:

ein iglich christen wende
herze, mut und sinne
hin zu der waren minne,
die unzurgenclich ymmer ist.
wir christen sulen minnen Christ, (V.6856-6860)
So möge denn jeder Christ/sein Herz, die Sinne, die Gedanken/auf jene wahre Liebe richten,/die ewig, unvergänglich ist./Wir
Christen sollen Christus lieben

Es wird deutlich, dass die Liebe, die man anstreben sollte, nicht im Diesseits zu finden ist, sondern eine transzedentale darstellt. Bei Heinrich lässt sich insgesamt die Verbindung nicht finden, die bei Gottfried vorherrscht, nämlich, dass Liebe und Schmerz immer im Einklang miteinander sind und sich gegenseiig bedingen.

Heinrichs Sprache und Aufbau

Ganz in Gottfrieds Tradition vollendet Heinrich das Werk indem er auf die Stilmittel zurückgreift, derer sich auch Gottfried bediehnt, wie zum Beispiel Synonyme, Anaphern, rhetorischen Fragen [10]. Die Sprache der Erzähung entspricht der Literatursprache des höfischen Romans, was darauf schließen lässt, dass sich Heinrich gut in der Literatur auskennt und über eine breite Lektürekenntnis verfügt. [11] .

Die Kapitel sind wie bei Gottfried aufgebaut, sodass das zu behandelnde Thema erst eingeführt und dann gegen Ende des Kapitels zum Höhepunkt geführt wird. So bildet jedes Kapitel eine eigene Einheit, die durch eine schlüssige Argumentationsführung hergestellt wird. Diesen Aufbau führt Heinrich weiter und reiht sich somit in Gottfrieds Dichtungsweise ein. Auch die Verbindung der Abschnitte und die Funktion, die diesen im Handlungsgefüge zugemessen werden kann, stimmen bei Hauptwerk und Fortsetzung weitgehend überein [12].

Heinrich ist bestrebt, die Tradition Gottfrieds weiterzuverfolgen und deshalb baut er seine Fortsetzung auch in der gleichen Weise auf und verwendet auch die gleichen Motive wie die Freundschaft Tristans und Kaedins oder die Liebe zu den beiden Isolden, um somit eine insgesamte Einheit des Werkes herzustellen [13]. Er übernimmt gewisse Merkmale von Gottfried, die er in der gleichen Art auch bei sich umsetzt, wie auch das Misstrauen Markes Tristan und Isolde gegenüber, ein Motiv, das sowohl bei Gottfried, wie auch später bei Heinrich auftritt. Denn bei diesem hat Tristan Bedenken mit Artus´ Gefolge nach Tintajol zu gehen, hat Marke ihn doch von dort verbannt. Letzten Endes kommt es aber doch zu der Begegnung, aber Markes Misstrauen ist nicht erloschen. Somit muss Tristan wieder zu einer List greifen, um sich Isolde nähern zu können. Dies ist eben ein Element, das schon bei Gottfried einen großen Stellenwert einnimmt, und das Heinrich jetzt auch wieder aufgreift, um sich an Gottfrieds Vorlage zu halten und in dessen Tradition weiterzuführen.

Das Motiv der List

Auch bei Heinrich von Freiberg setzt sich das Motiv der List durch, bei dem er die von Gottfried vorgegebene Linie des Erzählens weiterverfolgt. Über diese wird in dem Artikel List ausführlich berichtet. Wieder sind es auch hier Listen, um Tristan und Isolde einer gemeinsamen Liebesbeziehung zu überführen. Die erste ist dabei die von Marke, bei der er zwölf Sensen vor dem Schlafgemach von Isolde aufstellen lässt, um Tristan zu überführen, der sich an den Sensen schneiden muss, wenn er zu Isolde gelangen will. Dazu wird aber wiederum eine Gegenlist erdacht, die dieses Mal von Keie kommt, der vorschlägt, dass sich alle Ritter Artus´ an den Sensen schneiden sollen, damit nicht erkennbar ist, ob Tristan wirklich zu Isolde gegangen ist. Marke wird auch hier wieder als der ewig Misstrauische dargestellt, der an der Ehrlichkeit seiner Frau und seines Neffen zweifelt. Aber den Liebenden gelingt es ein ums andere Mal mehr, sich dennoch zu treffen.

Auch schlüpft Tristan wieder in andere Rollen, dieses Mal in die eines Narren, wie auch schon bei seiner ersten Begegnung mit Isolde in Irland. Auch gibt er sich wieder einen Namen, der auf versteckte Weise seine wahre Identität preisgibt. War es in Irland Tantris, ist es in Tintajol „Peilnetosi“, was rückwärts gelesen „Isoten liep“ bedeutet. Daran erkennt Isolde, dass es sich bei dem Narren nicht nur um einen einfachen Narren handelt, sondern um Tristan. Mithilfe der Listen ist es den beiden Liebenden möglich, sich zu treffen, ohne dass Marke davon erfährt. Aber auch hier ist dies nur durch die Unterstützung von Freunden möglich. Allerdings ist hierbei nicht Brangäne die Hauptperson, sondern andere Freunde, die Tristan kennen gelernt hat.

Elemente des Artus-Romans

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Heinrich und Gottfried ist das Auftreten der Atrusritter und der Tafelrunde. Dieses Element kommt nur in der zu analysierenden Fortsetzung vor. Zurückzuführen ist dies wahrscheinlich auf italienische Tristanversionen, auf die sich Heinrich bei seinem Werk ebenfalls stützt und die das Element des Artus-Romans ebenfalls verarbeiten [14]. Der Tristan-Roman kann generell nicht als Artus-Roman gesehen werden, wie zum Beispiel der Erec. Das Hauptelement in diesen Romanen ist die aventiure-Fahrt, die jeder Ritter machen soll, um zu Ruhm und Ehre zu kommen. Bei Gottfried tritt das Element aventiure nur bedingt auf, und vor allem nicht in der Tradition der Artus-Romane, bei denen die aventiure im Vordergrund steht. Auch bei Heinrich findet man ein Anklingen an dieses Element. Durch dieses kann Tristan als vortrefflicher Ritter dargestellt werden, wie ihn auch Gottfried beschreibt. [15]. Auch das Auftreten von Artus selbst kommt erst in der Fortsetzung vor, bei Gottfried war dies nicht vorgesehen. Allerdings finden sich nur Teile des Artus-Romans bei Heinrich von Freiberg. So wird das Element der Doppelweg-Struktur vollkommen weggelassen, was aber darauf zurückzuführen ist, dass es in Gottfrieds Erzählung von vorne herein nicht vorgesehen war. Stattdessen findet sich im Tristan-Roman das List-Erzählen wider, das im Artus-Roman vollkommen fehlt. Begeht dort der Ritter immer wieder Fehler, die er anschließend auf aventiure-Fahrt ausgleichen muss, greift Tristan zu Listen, die ihn aus einer misslichen Lage befreien können.

Bei Heinrich ist die Artushandlung die einzige Möglichkeit für Tristan, wieder nach Tintajol zurückkehren zu können, ohne etwas von Marke befürchten zu müssen. Das deutet darauf hin, dass sich Heinrich sehr stark bemüht, an die Handlung bei Gottfried anzuschließen und sich an dessen Erzählmuster zu halten [16].

Unterschiede zu Ulrich von Türheims Fortsetzung

Heinrichs Fortsetzung baut zwar auf der Fortsetzung von Ulrich von Türheim auf, unterscheidet sich aber im Wesentlichen auch davon. Ulrich gilt als der Erwecker der deutschen Literatur in Böhmen, da er der erste Autor ist, der von einem böhmischen Adligen finanziert wurde, eine Tradition, die Heinrich weitergeführt hat [17].

Bei Ulrich wird die unvollzogene Ehe zwischen Isolde Weißhand und Tristan durch eine Wasserszene aufgedeckt, in der Isolde mit Wasser bespritzt wird und daraufhin entgegnet, dass das Wasser kühner als Tristan sei. In seiner Fassung bereut Tristan sein Vergehen und bittet Isolde Weißhand um Verzeihung, ein Element, das bei Heinrich später nicht auftritt. Der Aufbau entspricht bei Heinrich aber weitestgehend dem Ulrichs, aber auf der inhaltlichen Ebene gibt es bedeutende Unterschiede.

Die Artus-Episode fehlt bei Ulrich komplett, was zeigt, dass sich Heinrich nicht wirklich an Ulrichs Werk orientiert, sondern eher der italiensichen Tristandichtung folgt, wie oben schon erwähnt wurde. Deshalb ist das Wiedersehen von Tristan und Isolde auch von anderer Beschaffenheit, wollen sich die beiden doch im Wald wieder treffen, was allerdings nicht klappt, da es zu einer Verwechslung kommt, infolge derer Isolde denkt, Tristan sei zu feige und wäre davongeritten. Somit bildet diese Szene einen großen Unterschied in der Fortsetzungsfolge der Tristandichtung, steht bei Ulrich hier der Konflikt der beiden Liebenden im Vordergrund, während sich bei Heinrich der Konflikt auf die beiden Liebenden mit ihren jeweiligen Ehepartnern bezieht. Er reiht sich hier in die Tradition Gottfrieds ein, indem er hervorhebt, dass eigentlich nichts die Einheit und Einigkeit Tristans und Isoldes trennen könne. Vor allem am Schluss, der inhaltlich eigentlich wie bei Heinrich abläuft, lässt sich eine große Abweichung zu diesem und auch zu Gottfried darstellen, verurteilt Ulrich doch die Liebesbezeihung zwischen Tristan und Isolde, was daraus deutlich wird, dass er Isolde Weißhand Recht gibt und Tristans Verhalten und Isolde als Verkörperung der Minne verurteilt [18].

Die Unterschiede können auch einfach aus der Tatsache heraus resultieren, dass Heinrich überhaupt keine andere Tristan-Fortsetzung oder Version als Gottfrieds gelesen hat und somit ist es erklärbar, warum er sich so stark auf Gottfried konzentriert [19].

Fazit

Heinrich von Freiberg schreibt seine Fortsetzung des Tristan-Romans eindeutig in der Tradition von Gottfried von Starßburg. Allerdings ist es nicht so einfach dies zu behaupten, werden doch auch gravierende Unterschiede deutlich, wie zum Beispiel das Element der Tafelrunde und König Artus. Dieses Hinzufügen lässt aber darauf schließen, dass sich Heinrich zwar sprachlich und stilistisch an die Vorlage Gottfrieds gehalten hat und einen ihm würdigen Schluss formulieren wollte, aber seine eigene Version des Tristan geschrieben hat. Es ist Heinrich insofern gelungen, Gottfrieds Tristan zu vollenden, dass er eine Einheit der Handlung angestrebt und auch hergestellt hat. Dabei wird deutlich, dass er sich von seinem Vorgänger Ulrich von Türheim abgrenzt, der ebenfalls eine Tristan-Fortsetzung verfasst hat, allerdings mit größeren Abweichungen von Gotfried und mehr Eigenauslegung. Aber es lässt sich beobachten, dass Heinrich, obwohl er sich so stark an Gottfrieds Vorgabe gehalten hat, die Meinung dessen aber nicht deckt. Denn Heinrich heißt das Minne-Konzept Gottfrieds, dass es eine absolute Liebe gibt, die zwei Menschen erfahren, nicht geben kann. Solch eine Liebe ist für ihn nur in Verbindung mit Christus möglich.

Dies ist ein interessanter Aspekt, denn obwohl sich Heinrich so stark an Gottfrieds Vorgabe hält, ist er aber mit dem, was er schreibt nicht vollständig einverstanden und nimmt den Tod der beiden Liebenden zum Anlass, um dem Leser noch einen Ratschlag auf den Weg mitzugeben, nämlich in der Liebe zu Christus aufzugehen.

Literatur

  • Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976
  • Steinhoff, Hans-Hugo: Heinrich von Freiberg, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hrsg. von: Kurt Ruh, Gundolf Keil, Werner Schröder, Burghart Wachinger, Franz Josef Worstbrock, Bd.3, Berlin/New York, 21981
  • Zitierung nach: Heinrich von Straßburg. Fortsetzung des Tristan-Romans Gottfrieds von Straßburg, hrsg. von Danielle Buschinger und Wolfgang Spiewok, übersetzt von Wolfgang Spiewok, Greifswald, 1993.
  • Die inhaltlichen Angaben beziehen sich auf: Gottfried von Straßburg: Tristan. Nach dem Text von Friedrich Ranke neu herausgegeben, ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn. Bd. 1–3. Stuttgart 1980 (RUB 4471-4473).

Einzelnachweise

  1. Huber, Chistoph: Gottfried von Straßburg. Tristan und Isolde, München, 1986, S.129
  2. Steinhoff, Hans-Hugo: Heinrich von Freiberg, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hrsg. von: Kurt Ruh, Gundolf Keil, Werner Schröder, Burghart Wachinger, Franz Josef Worstbrock, Bd.3, Berlin/New York, 21981, Sp.727
  3. Spiewok, Wolfgang:Einleitung, in: Heinrich von Freiberg: Tristan und Isolde, hrsg. von: Danielle Buschinger und Wolfgang Spiewok, Greifswald, 1993, S.VII
  4. Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976, S.239
  5. Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976, S.240
  6. Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976, S.297
  7. Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976, S.248
  8. Steinhoff, Hans-Hugo: Heinrich von Freiberg, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hrsg. von: Kurt Ruh, Gundolf Keil, Werner Schröder, Burghart Wachinger, Franz Josef Worstbrock, Bd.3, Berlin/New York, 21981, Sp.727
  9. Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976, S.298f.
  10. Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976, S.253
  11. Steinhoff, Hans-Hugo: Heinrich von Freiberg, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hrsg. von: Kurt Ruh, Gundolf Keil, Werner Schröder, Burghart Wachinger, Franz Josef Worstbrock, Bd.3, Berlin/New York, 21981, Sp.727
  12. Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976, S.196f.
  13. Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976, S.203
  14. Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976, S.211
  15. Steinhoff, Hans-Hugo: Heinrich von Freiberg, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hrsg. von: Kurt Ruh, Gundolf Keil, Werner Schröder, Burghart Wachinger, Franz Josef Worstbrock, Bd.3, Berlin/New York, 21981, Sp.727
  16. Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976, S.212f.
  17. Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976, S.238-241
  18. Sedlmeyer, Margarete: Heinrichs von Freiberg Tristanfortsetzung im Vergleich zu anderen Tristandichtungen, Bern/Frankfurt, 1976, S.138ff.
  19. Steinhoff, Hans-Hugo: Heinrich von Freiberg, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hrsg. von: Kurt Ruh, Gundolf Keil, Werner Schröder, Burghart Wachinger, Franz Josef Worstbrock, Bd.3, Berlin/New York, 21981, Sp.727