Struktur des Raums in der Gahmuret-Handlung

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Im folgenden Artikel soll an Hand der Struktur des Raums in der Gahmuret-Handlung gezeigt werden, dass Gahmurets Streben nach Ehre und Ritterschaft, allein den höfischen Normen folgend, nicht erstrebenswert ist und auf diese Weise kritisiert wird. Lotmans Theorie zur Semantisierung des Raums dient als Grundlage. Struktur des Raums in der Gahmuret-Handlung

Raum und Struktur

Grundsätzlich ist der Raum ein wichtiges Element der erzählten Welt.[Glaser 2004]:S. 16 Oft wird davon ausgegangen, dass der Raum im Mittelalter einer "ad hoc" - Logik folgt und nur als Kulisse dient.[Martinez 200x]:S. 155 Zwar sind Räume in mittelalterlichen Texten oft diskontinuierlich,[Glaser 2004]:S. 24 aber sie haben eine Funktion und deshalb eine Struktur.

Nach Lotman kommt es zu einer Semantisierung des Raums, wenn zu einem topographischen Raum noch ein semantisches Merkmal hinzukommt, das ihn von einem anderen Raum unterscheidet. Diesen Raum nennt Lotman einen topologischen Raum.[Schulz 2012]:S. 177 Wenn der Held eine Grenze zwischen diesen topologischen Räumen überschreitet, findet ein Ereignis im Sinne Lotmans statt.[Schulz 2012]:S. 178 Ein weiterer Artikel beschäftigt sich mit der Raumsemantik im Parzival.

Gahmuret-Handlung

Um einen topologischen Raum in der Gahmuret-Handlung zu finden, braucht es einen bedeutungstragenden Unterschied, der zwei Räume der erzählten Welt voneinander trennt. Dieser Gegensatz ist in der Gegenüberstellung des christlichen und des heidnischen Raums zu finden. Beide Räume unterscheiden sich nur in diesem Merkmal, wobei der heidnische Raum sich nochmals unterteilt, da im Königreich Zazamanc noch ein weiteres Merkmal, nämlich das der Hautfarbe hinzukommt. Abgesehen von der Unterscheidung christlich/heidnisch funktionieren beide Räume nach den gleichen "Spielregeln". In der heidnischen Welt hat der Herrscher Bâruc die gleiche Stellung wie in der christlichen Welt der Papst (13,20-30)[1]. Ehre wird nach dem gleichen Muster wie in der christlichen Welt erworben:

15,15-16
diu seit, sîn manlîchiu kraft Die aber, die Geschichte, sagt, dass seine gewaltige Kraft
behielt den prîs in heidenschaft, bei den Heiden den höchsten Ruhm behielt.

Der heidnische Raum

Die Handlung spielt zunächst in der christlichen Welt, aus der Gahmuret aufbricht, da das Land seines Vaters nach dessen Tod an seinen Bruder fällt. Eine detaillierte Beschreibung der Handlung findet sich unter Gahmuret als Ritter. Dass Gahmuret eine Grenze überschreitet, wird durch die Annahme des Solddienstes bei dem Bâruc deutlich gemacht. Gahmuret reist in einen Raum, der außerhalb des Machtbereichs des Papstes liegt und damit außerhalb der christlichen Welt. Innerhalb des heidnischen Raums reist Gahmuret umher und stellt seine ritterschaft unter Beweis(15,15-23).

Dann unternimmt Gahmuret eine Fahrt übers Meer, die eine "kleine" Grenzüberschreitung innerhalb der heidnischen Welt darstellt. Wie eingangs erwähnt kommt jetzt das Merkmal der schwarzen Hautfarbe der Einwohner hinzu (17,24: liute vinster sô diu naht). Doch ist der Ablauf des Minnedienstes wie in der christlichen Welt: Gahmuret befreit die belagerte Burg der Königin Belacane und gelangt so zu Frau und Königreich. Auffällig erscheint die passive Haltung, die Gahmuret, abgesehen von den Kämpfen, einnimmt. Dies wird an mehreren Textstellen, in denen Belacane ihn an die Hand nimmt, anschaulich (I. 44,3; I. 45,25). Gahmuret sagt selber:

49,22
mich vienc die künegîn mit ir hant Mich packte die Hand der Königin

Dadurch erscheint der Wille Gahmurets schwach, auf Dauer die Rolle des Landesherrn einzunehmen.[Baisch 2009]:S. 128 Nachdem Gahmuret für Frieden und Versöhnung im Königreich Zazamanc gesorgt hatte, überfällt ihn ein vaste senen (54,18). Die Königin war sittsam und erfüllte alle Eigenschaften, die eine Frau haben sollte, auch wenn sie schwarz war (54,21-27). Der Erzähler führt fehlende rîterschefte als Grund für Gahmurets Unzufriedenheit an(45,19). Obwohl doch Gahmurets Streben nach Ritterschaft und Ehre einerseits und das Streben nach Minnedienst andererseits in der heidnischen Welt erfüllt wurde, kehrt Gahmuret in die christliche Welt zurück. In dem Artikel Gahmuret und Belacane wird die Beziehung eingehend analysiert.

Rückkehr in den christlichen Raum

Die Grenzüberschreitung vom heidnischen Raum in den christlichen wird durch eine mehrere Monate dauernde Überfahrt über das Meer markiert (57,29-30). Das Meer hält ihn auf:

58, 3-4
dennoch swebter ûf dem sê: Und immer noch schwamm er auf dem Meer;
die snellen winde im tâten wê. die Winde, die ihn so wild forttrieben, taten ihm weh.

Hinzu kommt die unwahrscheinliche Begegnung auf offener See mit seinen ehemaligen Widersachern im Königreich Zazamanc, den Boten aus Schottland, die ihm als Wiedergutmachung Ausrüstung schenken. Schließlich trägt ihn das Meer nach Sevilla (58,21-22). Von Spanien aus macht er sich auf den Weg nach Wâleis. Wenn man davon ausgehen darf, dass mit Wâleis Wales gemeint ist, so müsste Gahmuret den Ärmelkanal überqueren. Da er aber innerhalb der christlichen Welt bleibt, erscheint es nicht nötig, die Fahrt über das Meer zu beschreiben. Er befindet sich strukturell im gleichen Raum. Durch ritterliche Großtaten gelangt Gahmuret am Vorabend des Turniers von Kanvoleis zu Frau und Königreich. Doch Gahmuret hat Einwände gegen diese Verbindung. Er trägt vor, dass er schon verheiratat sei (94, 10-11), dass sein Bruder gerade gestorben sei (95,6-9) und dass die Königin von Frankreich, Ampflise, einen Anspruch auf ihn habe (94, 23-30). Weiterhin trägt er vor, dass aus dem Turnier nichts geworden sei und er höchstens ein Kompliment verdient hätte (95, 13-24). Erst als ein Richter darüber entscheidet und dem Urteil zugestimmt wird, lässt er sich auf die Ehe ein (96, 1-30). Allerdings stellt Gahmuret die Bedingung, weiterhin an Turnieren teilnehmen zu dürfen (97, 7-10). Dies alles zeigt, dass Gahmuret nicht in Frieden als Landesherr leben kann, auch wenn er als äußeres Zeichen sein Wappen verändert und statt des Ankers zum Panther-Zeichen seines Vaters zurückkehrt (99, 8-16).

Tod im heidnischen Raum

Gahmuret findet keine Ruhe und geht in seiner neuen Rolle nicht auf. Deshalb ist es folgerichtig, wenn er nun wieder in die heidnische Welt aufbricht, als er hört, dass der Bâruc in Bedrängnis geraten ist(101, 25-27). Diesmal wird die Überschreitung der Raumgrenze durch eine Schiffahrt dargestellt:

102, 19-20
dô schift er sich über mer Da fuhr er mit einem Schiff über das Meer zum Bâruc,
und vant den Bâruc mit wer. den fand er mitten im Krieg

Gahmuret wird im Kampf schwer verletzt und schafft es noch, die Beichte bei seinem Kaplan abzulegen (106, 18-25).

Fazit

Nach Lotman endet eine Geschichte da, wo der Held in seinem Raum aufgeht, wo er in seinem Umfeld heimisch wird.[Schulz 2012]:S. 181 Kehrt er von einem Raum in einen anderen wieder zurück, so kehrt er verändert zurück und gelangt dadurch an sein Ziel. In der Gahmuret-Handlung ist aber zu erkennen, dass der Held nie an ein Ziel gelangt. Dadurch hat die Handlung kein wirkliches Ende, auch wenn durch den Tod Gahmurets dieser Handlungsstrang abgeschlossen wird. Diese Struktur hat zwei Folgen: zum einen eignet sie sich durch ihre Unvollendetheit erzähltechnisch gut als Ausgangspunkt für die Parzival-Handlung. Zum anderen wird Kritik an Gahmurets Einstellung geübt. Als er von seinem Elternhaus aufbricht, begründet Gahmuret den Aufbruch, der durch das großzügige Angebot seines Bruders unnötig geworden ist, mit seinem Streben nach prîs (7, 23)und nach lop (7, 29). Und ein unbestimmtes Sehnen erfüllt ihn:

9, 23-25
mîn herze iedoch nach hoehe strebet: Mein Herz aber strebt immer weiter nach dem Hohen.
ine weiz war umbes alsus lebet, Ich weiß nicht, warum es sich gar so lebendig regt,
daz mir swillet sus mîn winster brust dass mir die linke Brust so schwillt.

Aus diesem Stadium scheint Gahmuret nicht herauszukommen. Dies ist auch in der Kreisbewegung im Raum erkennbar. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch der Artikel: Die Darstellung des Orients. Das unreflektierte Streben nach rîterschaft führt dazu, dass Gahmuret zwar ein Leben nach den höfischen Regeln führt, aber dennoch kein wirklich erfülltes Leben findet. Diese Vorgeschichte lässt die Geschichte Parzivals mit der Erwartung beginnen, ob er, der Sohn, eine andere Lösung in seinem Leben findet. Gahmurets Rittertum ist durch eine "vor-arthurische"[Przybilski 2005]:S. 131 Wertevorstellung geprägt, in der noch Chaos und Gewalt überwiegen. Dadurch, dass Parzival als Held ohne Vater aufwächst und seine Mutter ihn von der Mutter ihn von der höfischen Welt fernhält, ist Parzival gezwungen nach und nach Wertvorstellungen zu erlernen und sich anzueignen.

Literaturverzeichnis

[Baisch 2009] ^ Baisch, Martin: Gahmuret und Belacane. In: Amsterdamer Beiträgezur älteren Germanistok 65, 2009. S.117-138
[Glaser 2004] ^ 1 2 Glaser, Andrea: Der Held und sein Raum. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften. Frankfurt am Main, 2004
[Martinez 200x] ^ Martinez, Matias; Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. Verlag CH Beck. München, 2012
[Przybilski 2005] ^ Przybilski, Martin: Verwandschaft als Schlüssel zur Erzählten Welt. In: Zeitschrift für Germanistik, Vol.15, N.1, 2005. S. 122-137

[Schulz 2012] ^ 1 2 3 Schulz, Arnim: Erzähltheorien mediävistischer Perspektive.Walter de Gruyter. Berlin, Boston, 2012
  1. Alle Textangaben und Übersetzungen beziehen sich auf: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe, 2. Auflage. Walter de Gruyter. Berlin, New York, 2003.