Stoffgeschichte des Tristanromans

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"Die Bedeutung der Geschichte von Tristan und Isolde für die europäischen Literaturen des Mittelalters ist kaum zu überschätzen."[Henkel 1990]:77 Unter Einfluss einer adligen Führungsschicht, die sich zunehmend an ritterlichen Leitbildern orientiert und Interesse an Literatur zeigt, entsteht im 12.Jahrhundert neben dem "Artus"- auch der "Tristan"-Stoff. Während sich in den Artusgeschichten ein politisches Thema erkennen lässt, haben die Überlieferungen von Tristan und Isolde eine Liebesgeschichte im Mittelpunkt. Zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert breitet sich die Tristan-Geschichte in ganz Europa aus und Dichtungen in fast allen Volkssprachen entstehen.[Henkel 1990]:ebd. Im Folgenden wird nun die Entwicklung des Tristanstoffes untersucht.

Die Einflüsse

Am Beginn aller Tristan-Romane steht vermutlich ein Werk: der Ur-Tristan, auch Estoire genannt. Das narrative Kernelement des Werkes ist der zwanghafte Liebeszauber, der die Hauptfigur Tristan gegen die geheiligten Ordnungen von Ehe und Vasallität kämpfen lässt. Die Einzelheiten weisen auf keltische, klassisch-antike und orientalische Quellen hin.

Keltische Elemente

Der Name des Helden ist keltischer Herkunft. Bereits seit dem 6. Jahrhundert hat man piktische Belege für einen König Drust(an) (Trist(an)), Sohn des Talorc. Die anderen Namen verteilen sich auf Cornwall, Wales, Irland und Bretagne (die französische Westküste), welche auch den Raum der Erzählung darstellen.[Stein 2001]

Irische Sage

Parallelen gibt es auch zu irischen Sagen, die bis ins 18. Jahrhundert mündlich überliefert wurden, aber auf eine Sage von Diarmaid und Grainne (11. Jahrhundert?) zurückgehen. Grainne, die in Diarmaid verliebt ist, bindet diesen durch einen Liebeszauber an sich und beide fliehen gemeinsam in den Wald. Diarmaid bleibt allerdings seinem Lehnsherrn, dem König Finn, welcher wiederum der Gatte Grainnes ist, treu, indem er Grainne die körperliche Liebe verweigert und mit dem blanken Schwert zwischen den Körpern schläft.[Huber 2000]:16 Man findet hier verwandte Motive mit Gottfrieds Tristan. Am Ende der irischen Sage werden jedoch die Ehe und Vasallentreue über die Liebe gestellt.

Der Ur-Tristan (Estoire)

Alle Tristan-Romane gehen vermutlich direkt oder indirekt auf ein nicht überliefertes, vermutlich in altfranzösischer Sprache verfasstes Werk zurück: den Ur-Tristan, Estoire genannt. Als Beleg für diese Annahme gilt die Erwähnung einer Quelle bei Béroul (V. 1789f.).[Wolf 1989]:56 Wahrscheinlich wurde das Werk um 1158 am Hofe Alienors von Auqitanien und Heinrichs II. verfasst, möglicherweise aber auch in England.[Buschinger/Spiewok 1993]:VII. Als Autor kommt ein gewisser Li Kièvres aus Nordfrankreich infrage.[Schröder/Wolf 1980]:413. Denkbar wäre jedoch auch, dass es sich bei der Estoire nicht um ein, sondern um eine Gruppe von Werken handelt.[Wehrli 1997]:257 Vom Ur-Tristan können vermutlich folgende Werke unmittelbar abgeleitet werden: In französischer Sprache erhalten sind die Romane Bérouls und Thomas' von England, ein Prosaroman sowie Episodengedichte (die sog. "Folie Tristan"), in deutscher Sprache der Versroman "Tristrant und Isalde" Eilharts von Oberg.

Durch vergleichende Gegenüberstellung dieser fünf Versionen lässt sich die Handlung des ursprünglichen Tristan in etwa rekonstruieren.[Wehrli 1997]:ebd[1]
Übersicht über die Bearbeitungen des Tristan-Stoffes

Tristan Versionen

Die Versromane werden von der Forschung meist in zwei Grundtypen differenziert: Auf der einen Seite Béroul und Eilhart, auf der anderen Thomas und der ihm folgende Gottfried. Während sich die Sprache bei Ersteren in Konzeption, Stil und Sprache der Mündlichkeit näher steht, sind die Romane Thomas' und Gottfrieds rhetorisch ausgefeilter und insgesamt kunstvoller verschriftlicht. Auch inhaltlich unterscheiden sich beide Typen.[Wolf 1989]:56ff. Ulrich von Türheim und Heinrich von Freiberg versuchen sprachlich an Gottfried anzuknüpfen, folgen inhaltlich aber Eilhart. Im Weiteren werden sie daher der Grafik folgend der Gruppe Béroul/Eilhart zugeordnet.
Zum Vergleich der Versionen mit Gottfrieds Tristan siehe Vergleich der Tristanversionen


Thomas/Gottfried


Thomas von England - Tristan

Der Tristan des Thomas von England ist in anglonormannischer Sprache und vermutlich zwischen 1155 und 1170 geschrieben. Diese Fassung dient Gottfried von Straßburg als Vorlage, der er sich auch anschließt. Leider sind nur wenige Bruchstücke davon erhalten (die Entdeckungs- und Abschiedsszene und Tristans Monolog nach der Heirat mit Isolde Weißhand). Aber dank der Bearbeitung der Thomas Dichtung, die für den norwegischen König Haakon Haakonson von einem Mönch namens Robert 1226 angefertigt wurde, lässt sich die Fassung rekonstruieren. [Huber 2000]:20

Gottfried von Straßburg

Der Tristan Gottfrieds von Straßburg geht vermutlich nicht direkt auf den Ur-Tristan zurück, sondern richtet sich eher nach der späteren Version Thomas' von England.

Gottfried verfasst seine Geschichte um 1210, aber sie bleibt unvollendet. Der Autor bricht den Roman an einer Stelle ab, an der Tristan sich innerlich von der Geliebten entfernt und der anderen Isolde zuwendet. Der von Gottfried gekannte Schluss der Liebesgeschichte mit der Heirat mit Isolde Weißhand und der weiteren Handlungsentwicklung bis zum Ende wurde von ihm nicht mehr bearbeitet. Der Roman wurde noch vor dem Ende des 13. Jahrhunderts von zwei Fortsetzern, Ulrich von Türheim und Heinrich von Freiberg, ergänzt.

Das Fragment von Carlisle

Das Fragment von Carlisle wurde 1995 entdeckt und bedeutete eine Sensation. Die zwei Doppelblätter enthalten die Beschreibung der Folgen des Minnetranks bis zum Brautunterschub Brangänes in der Hochzeitsnacht Isoldes mit Marke aus der Fassung Thomas'. Die aufgefundene Handschrift unterstützt die Rekonstruktion der Tristangeschichte einerseits und hilft auch die Erzähltechnik und Vorlagentreue der altnordischen Prosa zu untersuchen. [Huber 2000]:21

Das niederfränkische Tristanfragment

Das niederfränkische Tristanfragment wird von der Forschung überwiegend als Fortsetzung Gottfrieds mit Rückführung auf Thomas gesehen. Möglicher-, aber unwahrscheinlicherweise, könnte es sich bei dem Fragment aber auch um eine selbständige Bearbeitung des Tristanstoffes handeln. Für Weiteres siehe: Hauptartikel.

Gottfried-Fortsetzung von Ulrich von Türheim

Die Fortsetzung von Ulrich von Türheim ist in sechs erhaltenen und einer verschollenen Handschrift(en) überliefert. Die Geschichte wird in 3730 Versen erzählt.

Inhaltlich folgt Ulrich Eilhart. Er berichtet von Tristans Hochzeit und Tristans und Kaedins Besuch in Cornwall. Das Besuchabenteuer wird bei Ulrich zu einem, das alle Elemente enthält, zusammengezogen. Beim Todesbericht folgt Ulrich Eilhart wieder genauer. Am Schluss lässt er Marke nach Bretagne kommen, die beiden Särge abholen und in Cornwall in einem neu gegründeten Kloster beisetzen. Dort ereignet sich auch das Pflanzenwunder. [Stein 2001]:217

Béroul/Eilhart

Béroul

Von Bérouls Roman ist nur eine fragmentarische Handschrift aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erhalten, der Text selber stammt vermutlich aus dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts.[Keck 1998]:48 Eine genaue Datierung ist jedoch nicht möglich.[Keck 1998]:ebd. Der erhaltene Text berichtet von einigen Listepisoden an Markes Hof, der Flucht in den Wald und der Rückgabe Isoldes an ihren Mann. Der letzte Teil des Textes thematisiert Tristans Rache an seinen Verrätern. Da einzelne Episoden teilweise stark ausgeprägte Eigenarten aufweisen, wurde die Existenz mehrerer Verfasser in Erwägung gezogen.[Wolf 1989]:57f.


Eilhart von Oberg - Tristrant und Isalde

Eilhart von Oberg entwarf die erste deutsche Version des Tristanstoffes. Er hatte vermutlich die französische Fassung vor Augen (Ur-Tristan), auf die er sich beruft. [Huber 2000]:17 "Tristrant und Isalde" ist außerdem der einzige vollständig erhaltene Tristantext aus der frühen Zeit. Für Weiteres siehe:Hauptartikel


Fazit

Der Tristan-Stoff, der seinen Helden um die verbotene Liebe kämpfen lässt, war im Mittelalter sehr populär und wurde in unterschiedlichen Versionen bearbeitet. Die Liebesgeschichte zwischen Tristan und Isolde wurde auch im Spätmittelalter immer wieder aufgegriffen und neu erzählt.



Anmerkungen

  1. Derartige Rekonstruktionen finden sich etwa bei [Golther 1907:37-75] und [Wehrli 1997]:257ff..

Literatur

  • [Buschinger/Spiewok 1993] ^ Buschinger, Danielle/ Spiewok, Wolfgang: Einleitung zu Eilhart von Oberberg: Tristrant und Isalde. Greifswald 1993, VII-XXIII.
  • [Buschinger 2004] Buschinger, Danielle: Einleitung zu Eilhart von Oberberg: Tristrant und Isalde. Berlin 2004 (Berliner sprachwissenschaftliche Studien 4),IX-XXX.
  • [Golther] Golther, Wolfgang: Tristan und Isolde in den Dichtungen des Mittelalters und der neuen Zeit. Leipzig 1907.
  • [Henkel 1990] ^ 1 2 Henkel, Gerhard: Die Geschichte Tristan und Isolde im deutschen Mittelalter. In: Bungert, Hans (Hrsg): Hauptwerke der Literatur. Vortragsreihe der Universität Regensburg. Regensburg 1990 (Schriftenreihe der Universität Regensburg 17), S. 71-96.
  • [Huber 2000] ^ 1 2 3 4 Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg: Tristan Berlin 2000.
  • [Keck 1998] ^ 1 2 Keck, Anna: Die Liebeskonzeption der mittelalterlichen Tristanromane. Zur Erzähllogik der Werke Bérouls, Eilharts, Thomas‘ und Gottfrieds. München 1998 (Beihefte zur Poetica, 22).
  • [Schröder/Wolf 1980] ^Schröder Werner/ Wolf Ludwig: Art.: Eilhart von Olberg. In: VL. Bd. 2 (1980), SP- 410-418.
  • [Stein 2001] ^ 1 2 Stein, Peter K.: Tristan-Studien, hg. von Ingrid Bennewitz, Stuttgart/Leipzig, 2001.
  • [Wehrli 1997] ^ 1 2 3 Wehrli, Max: Geschichte der deutschen Literatur im Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Stuttgart 1997.
  • [Wolf 1989] ^ 1 2 3 Wolf, Alois: Gottfried von Strassburg und die Mythe von Tristan und Isolde, Darmstadt 1989.