Situation – Anlehnung – Autonomie: zum Status der Sangspruchdichtung (nach M. Braun)

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Erste Betrachtungen

Die mittelalterliche Literatur steht unter dem ständigen Verdacht der Heteronomie[1]. Besonders die Abhängigkeit der jeweiligen Sänger von ihren Gönnern legt diese These nahe. Davon ist nicht allein die Panegyrik[2] betroffen, sondern auch Literatur, die Moral und Religion thematisiert, kann kaum als autonome Kunst angesprochen werden, da auch hier ein klar abgesteckter Wertehorizont vorgegeben ist. Zumindest das Autonomiekonzept des 18. Jahrhunderts, welches Freiheit von Zwecken und mäzenischer Abhängigkeit proklamiert, außerdem das Vermögen der Sprache, sich auf sich selbst zu beziehen und die eigene Verwendung mitzuthematisieren, scheint mit den mittelalterlichen Werken unvereinbar.

Braun[3] spricht sich gegen ein globales Heteronomie/Autonomie-Verhältnis aus. So wenig wie heute alle Texte autonom sind, so wenig waren im Mittelalter alle heteronom. Denn bereits in Anbetracht der antiken Werke würde ein solches Verlaufsmodell destruiert. Statt dessen sollte man anhand der konkreten Texte das jeweilige Autonomie-Potenzial zu bestimmen versuchen, da es sich bei der Autonomie nicht um eine fixe Eigenschaft handelt.

Die vier Sangspruchtypen

  1. Sprüche, die klar in eine konkrete Situation hineingesprochen sind. Es sind Äußerungen, die nur schwer aus der bestimmten Situation herausgelöst werden können.
  2. Sprüche, die sehr eng an gegebenen Ordnungen – Religion, Moral, Politik – anschließen.
  3. Texte, die wie Lügenstrophen, ein hohes Autonomie-Potential aufweisen.
  4. Sprüche, die in eine konkrete Situation, einen konkreten Diskurs eingebettet sind, jedoch auch über sie hinausdeuten.


Typ 1

Hier entwirft der Spruch eine Situation, in die er hineingesprochen ist. Ein Beispiel hierfür wäre Walthers von der Vogelweide „Kaiserbegrüßung“ aus dem Ottenton. Offensichtlich wird ein Kaiser angesprochen, jedoch ist heute nicht mehr absolut klar, welcher damit gemeint wurde. Die Protagonisten werden nämlich nicht namentlich genannt und doch wird in der Aufführungssituation jeder Zuhörer gewusst haben, wer gemeint ist. Man könnte nun meinen, dass ein deutliches Indiz für Unabhängigkeit gefunden wurde, doch das Gegenteil ist der Fall. Die Einbindung in die Situation ist so stark, dass die namentliche Nennung gar nicht mehr nötig war. Dass eine Überlieferung trotzdem stattgefunden hat, mag dann nur noch an der ästhetischen Gestaltung, der Prominenz des Autors oder dem Rang des Angesprochenen liegen.

Typ 2

Im Zentrum dieses Typs stehen die festetablierten Diskurse. Man denke dabei besonders an religiöse Sprüche: frei formulierte Gebete, Nacherzählungen biblischer Geschichten, Verkündungen christlicher Dogmen usw. Darunter sind auch zum Teil politische Schriften, die sich jedoch oft nicht klar von religiösen und moralischen Färbungen trennen lassen. All diese Sprüche sind naturgemäß unter Heteronomie-Verdacht, da sie nicht für sich stehen.

Typ 3

Man findet unter diesem Typ Sprüche, die auf den ersten Blick als sehr autonom identifiziert werden müssen. Beispielsweise finden sich Rätselstrophen oder Lügendichtungen, die mit der heutigen Unsinnspoesie eines Ringelnatz, oder Robert Gernhardt verglichen werden können. So z.B. der Spruch Reinmars von Zweter „Ich quam geriten in ein lant“. Hier wird eine Fabelwelt beschrieben, in der die Hackordnung des Tierreichs aufgehoben und Tiere vermenschlicht werden. Zum Ende des Spruches wird der Text sogar direkt als Lüge angesprochen. Prinzipiell steigert die Ausbildung von Traditionsreihen, in denen sich Sprüche auf andere beziehen, die das selbe Thema behandeln, das Autonomie-Level der Sangsprüche. So beispielsweise bei Sprüchen, die sich auf den Minnesang beziehen und diese Thematik diskutieren.

Typ 4

Hierunter zählen Texte, die sehr unterschiedlich ausgelegt werden können. Die unterschiedlichen Arten der Rezeption kann so z.B. den Fokus vom gelobten Herrscher auf das Loben per se wechseln. Die inhaltliche Ebene rutscht hinter elaborierte Rhetorik, so wird aus einem Herrscherlob, das doch eigentlich als das Beispiel par excellence für Gebundenheit und Heteronomie stehen müsste, zum autonomen Text. In dieser Weise können auch manche religiösen Texte ein erhöhtes Autonomie-Potential aufweisen. Hier versuchen die Sänger immer wieder das Unsagbare zu vertexten, es wird der Kunstcharakter in den Vordergrund gedrängt und somit gleichzeitig die starke Gebundenheit verdrängt. Dieses Phänomen kann besonders oft innerhalb des Wettbewerbs zwischen verschiedenen Autoren auftreten.


Fazit

Selbst die Sangspruchdichtung des 13. Jahrhunderts ist nicht auf reine Heteronomie festzulegen. Es kann auch hier das volle Spektrum von Autonomie bis Heteronomie in Augenschein genommen werden. Braun schließt seine Überlegungen mit der Evaluierung, dass vielleicht der Anteil an autonomer Literatur seit dem 18. Jahrhundert ansteigt, jedoch ist selbst diese Einschätzung sehr vorsichtig formuliert und Braun beendet seine Ausführungen mit der Empfehlung, "dass sich die Faszination fremder Literarizität nur dann adäquat erschließt, wenn man sich die Stube der Alterität nicht zu heimelig einrichtet".



  1. Bezeichnet die Abhängigkeit von fremden Einflüssen; somit das Gegenteil von Autonomie
  2. Herrscherlob
  3. Braun, Manuel: Situation - Anlehnung - Autonomie. Zum Status der Sangspruchdichtung, in: Germanistik in und für Europa. Faszination - Wissen. Texte des Münchener Germanistentages 2004, hg. von Konrad Ehlich, Bielefeld 2006, S. 411-421.