Parzivals Gotteszweifel (Wolfram von Eschenbach, Parzival)

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Parzivals Gotteszweifel

Gründe für Parzivals Abkehr von Gott

Als Parzival zur Gralsburg Munsalvaesche kommt, behandeln ihn die Bewohner der Burg wie den König, den sie schon lange erwartet haben. Man macht ihm Geschenke, die einem König zustehen, und hofft, dass er durch die erlösende Frage den letzten König Anfortas befreit. Es wird sogar die Lanze hereingetragen, die an Anfortas' Verletzung erinnert. Parzival, der dadurch zum Fragen bewegt werden soll, kann die Lanze jedoch nicht deuten. Obwohl er durch die Gnade des Grals an die Burg berufen war, versagt er dort letztendlich unwissend. Als Parzival von seiner Cousine Sigune erfährt, dass er Anfortas hätte erlösen können, ist Parzival gekränkt und enttäuscht. Er sucht die Schuld bei der unvollständigen Lehre des Gurnemanz. Als er nach einigen Kämpfen endlich in die Artusgesellschaft aufgenommen wird, erfährt er bei einem Fest durch Cundrie, der Gralsbotin, seine Herkunft und sie hält ihm ebenfalls vor, dass er versagt habe und nun verflucht sei. Parzival hadert mit sich selbst und mit Gott. Gott stand ihm nicht zur Seite, als er ihn gebraucht habe und er habe ihn und sich selbst "zum Gespött" (332,3)[1] gemacht. Parzival fragt sich: "we waz ist got?" (332,1). Diese Frage erinnert an die, die er seiner Mutter stellte, als er noch ein Kind war. Hier hat offensichtlich keine Entwicklung in Parzivals Gottesverständnis stattgefunden. Er wirft Gott vor, kein gerechter und großer "Herr" (332,2) zu sein und fühlt sich ungerecht behandelt, da er ihm "immer treu gedient" (332,5) habe. Parzival sagt sich aus Enttäuschung über die mangelnde Führung durch Gott "los von ihm" (332,7) und fürchtet dadurch auch keinen Hass. Allerdings gibt Parzival nicht auf, den Gral zu suchen. Erst recht versucht er jetzt, ihn sich zu erkämpfen und ohne Gottes Gnaden an sein Ziel zu kommen. Er verzichtet so lange auf die höfischen Freuden, bis er den Gral wiedergefunden hat. Er macht sich also auf eine lange und einsame Reise ohne Gott. Sein Ehrgeiz und das Mitleid für Anfortas treiben ihn voran.


Herzeloydes Lehren über Gott

Eine wichtige Rolle für Parzivals Abkehr von Gott wurzelt in seinem Verständnis der religiösen Lehre seiner Mutter. Diese hat ihm einst unter anderem vermittelt, dass die "Treue [Gottes] [...] noch nie den Menschen Hilfe verweigert hat" (119, 25), sie hebt also seine unbedingte Hilfsbereitschaft hervor. [Bumke 2004]:56 Als Parzival dann erfahren muss, dass ihm Gott nicht hilft, ist er desillusioniert, weil er an die Versicherung seiner Mutter geglaubt hat, dass man immer mit Gottes Beistand rechnen kann. Die "fragmentarische Religionsunterweisung" Herzeloydes gibt nicht nur "Anlass zu späteren Missverständnissen" [Dallapiazza 2009: 39], sondern ist folglich auch ein entscheidender Punkt, der zu Parzivals Zweifel an Gott führt.

Konsequenzen des Gotteszweifels

Parzival rückt nach seiner Abkehr in den Hintergrund der Erzählung. Warum der Erzähler Parzival im Hintergrund hält, könnte in einer mittelalterlichen Art, Buße zu tun, gründen. Nach dieser muss man sich so lange von seinem Herrn fernhalten und darf nicht mit ihm sprechen, bis dieser einem verziehen hat. Ob das von dem Erzähler gewollt ist und Parzival so schon (gezwungenermaßen) Buße tut, ist fraglich. Dass Parzival voller Sünde ist und vielleicht genau deswegen auf der Gralsburg versagt hat, weiß er selbst bis dorthin noch nicht. Nach langen, beschwerlichen Reisen, tifft Parzival erneut auf das Lager Sigunes und ist somit wieder in der Nähe der Gralsburg. Sigune will ihm diesmal verzeihen, da er ihrer Meinung nach durch das Versäumnis, die Mitleidsfrage zu stellen, schon Schaden genug habe. Sie weist ihm den Weg der Gralsbotin Cundrie und Parzival, in der Hoffnung dem Gral ganz nah zu sein, reitet der Spur sofort nach. Allerdings verliert er sie erneut und ist noch verzweifelter als zuvor. Nachdem er einen Gralsritter besiegt, der ihm rät, nicht so nah an die Gralsburg zu reiten, begegnet Parzival einem grauen Ritter sowie dessen Frau und Töchtern. Diese sind auf dem Weg zu dem Einsiedler Trevrizent, um Buße zu tun. Da Karfreitag ist und Parzival an einem solchen Tag Waffen trägt, rät der graue Ritter ihm, mitzukommen und ebenfalls Buße zu tun. Obwohl Parzival noch immer in Gotteszweifel lebt und auch diesem heiligen Tag keine rechte Beachtung schenkt, treibt ihn eine innere Kraft zu Trevrizent. Noch weiß er nicht, dass er damit den ersten Schritt macht, wieder zu Gott zu finden und damit dem Gral näher zu kommen.

Parzivals innere Umkehr und Annährung an Gott

Bei Trevrizent angekommen, beichtet Parzival, dass er nun schon seit viereinhalb Jahren in keiner Kirche mehr gewesen wäre und nur nach Kämpfen Ausschau gehalten habe. Er erzählt von seinem "schweren Hass" (461,9) gegenüber Gott und dass er gerade "Krieg mit ihm" (461,9) führe. Auch erklärt er, dass er von Gott enttäuscht worden wäre und sich im Stich gelassen fühle. Außerdem klagt Parzival ihm sein Leid wegen des verlorenen Grals und der Sehnsucht nach seiner Frau. Die Reaktion Trevirents darauf ist, dass er die Frau preist und Parzivals Liebeskummer versteht, doch von der Suche nach dem Gral rät er ihm strikt ab, da man ihn nur finden könne, wenn man dazu berufen sei. Trevrizent hält darauf eine Lehrrede über das Wesen Gottes und den Sündenfall der Menschen. Er beschreibt Gott mit den Worten "triuwe" (462,19) und "warheit" (462,25) und als wahrhaft liebender (466,1). Die Empörung Parzivals über Gott bewertet er mit den Beispielen von Luzifer (463,4) und Kain (464,21-22), die nur Hass über die Menschen gebracht hätten. Parzival erfährt in diesem Gespräch auch sehr viel über sich selbst, seine Herkunft und Gott. Das Wichtigste, was er wohl aber erkennt, sind seine Sünden und seine Schuld. Er bekennt den Mord an Ither, sein eigen Fleisch und Blut, erfährt, dass seine Mutter aus Schmerz von seiner Trennung gestorben ist und dass er versäumt hatte, Anfortas von seinen Leiden zu befreien. Trevrizents Sicht ist, dass Parzival nicht der Gralskönig sein könne, da er seit seinem Aufbruch mit Sünden beladen sei. Nach mittelalterlicher Theologie gibt es eine Sündenfolge, was bedeutet, es kann im Zustand der Sünde nur noch weiter gesündigt werden. Eine Zeit lang lebt Parzival mit seinem Onkel ein asketisches Leben. Aber außer dass er sich seine Fehler eingesteht, leistet er nicht viel mehr, um sich von seiner Schuld zu befreien. Es kann allerdings von einer inneren Umkehr gesprochen werden, da er von seinen "Sünden gelöst" (501,18) wurde und wieder "fest auf Gott" (741,25) vertraut, seit er Trevrizent verlassen hat. Parzival hat allerdings im Gespräch mit Trevrizent einen geringen Redeanteil. Man kann nicht sicher deuten, wie er zu dem Gesagten steht. Außerdem widersetzt er sich Trevrizent im wichtigsten Punkt: Er begibt sich weiterhin auf die Suche nach dem Gral. Einmal hat ihn der Gral schon berufen, doch weil Parzival voller Sünde war, was seinen Höhepunkt in der Abkehr von Gott hatte, war es ihm verwehrt, Gralskönig zu werden. Da er jedoch unbewusst schuldig war und erst mit seiner Lossagung von Gott eine bewusste Sünde beging, gab es für ihn mit dem Besuch bei seinem Onkel wohl noch eine Chance, dem Gral wieder näher zu kommen und sich von seinen Sünden zu lösen.


Interessant ist auch folgender Ansatz Heinz Rupps: Für ihn ist das 9. Buch, in dem Parzival bei Trevrizent ist, ein Wendepunkt bezüglich Parzivals tumpheit. Durch die Lehren von Trevrizent wird Parzivals unvollständiges Gottesverständnis entscheidend erweitert, sodass er zu diesem Zeitpunkt seine „geistlich-religiöse tumpheit[Rupp 1957]:105 ablegen kann. Davor war Parzival lediglich im weltlichen Bereich wis, aber um dem Gral würdig zu sein, muss man in beiden Bereichen die tumpheit abgelegt haben. [Rupp 1957]:105 Dies kann als Grund dafür gesehen werden, warum Parzival nicht beim ersten Mal, sondern erst nach seinem Besuch bei Trevrizent Gralskönig werden kann.

Literaturnachweise


[Bumke 2004] ^ Bumke, Joachim. Wolfram von Eschenbach. Sammlung Metzler, Band 36. 8., völlig neu bearbeitete Auflage 2004.

[Rupp 1957] ^ 1 2 Rupp, Heinz: „Die Bedeutung des Wortes tump im ‚Parzival‘ Wolframs von Eschenbach“, in: Germanisch-Romanische Monatsschrift. Hrsg. von Franz Rolf Schröder, Heidelberg: Winter, 1957, Band 7, S. 97-106.


  1. Alle Zitate und Seitenangaben stammen aus: Wolfram von Eschenbach, Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text. Nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. 2. Auflage De Gruyter. Berlin/New York 2003