Parzivals Begegnung mit den Rittern (Wolfram von Eschenbach, Parzival)

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In diesem Artikel soll die Begegnung von Parzival mit den Rittern genauer betrachtet werden, da diese zentrale Szene eine Wandlung in Parzivals bisherigen Leben hervorruft. Eine Darstellung des Rittertums soll eine Basis zu dieser Betrachtung geben. Die darauffolgende kurze Zusammenfassung der Szene soll dazu dienen, sie im Folgenden, in Bezug auf verschiedene Aspekte, zu ergründen. Hierbei soll ein besonderes Augenmerk auf Herzeloydes Erziehung in Soltane gelegt werden, da diese eine Kenntnis über das Rittertum untersagt. Lediglich das zufällige, oder eher schicksalhafte Aufeinandertreffen mit den Rittern, gibt Parzival die Möglichkeit, die Welt außerhalb von Soltane kennenzulernen und seine Sehnsucht nach dem Abenteuer ausleben zu können.

Das Rittertum

Der Ritterbegriff ist sehr komplex gestaltet. So wird er unterschiedlich geprägt und erhält weitläufige Bedeutungen. Hartmann von Aue bezieht sich beispielsweise im Armen Heinrich auf ein Zusammenspiel zwischen rîter und dienstman.[Weddige 2008]:172 Das Rittertum ist zu dieser Zeit weder geburts- noch standesabhängig, der Ritter beruht sich auf "ein Erziehungs - und Bildungsideal, das nicht fraglos mit der mit der Realität gleichgesetzt werden kann".[Weddige 2008]:172 Der Ritter bekundet sich also nicht automatisch durch die Geburt zum Ritter, "sondern durch eigene Leistung".[Weddige 2008]:173 Im Parzival selbst finden wir ebenfalls eine Aufklärung, wie ein Ritter zum Ritter wird. Auf Parzivals Frage, von wem man die Ritterschaft bekommen kann, antwortet der Fürst Karnahkarnanz:

‘daz tuot der künec Artûs. "Die gibt der König Artûs. Junger
junchêrre, komt ir in des hûs, Herr, wo der daheim ist, dahin müßt Ihr
der bringet iuch an ritters namn, kommen, dann hilft Euch der zu Ritters
daz irs iuch nimmer durfet schamn. Namen, und zwar so, daß Ihr Euch nicht
ir mugt wol sîn von ritters art.’ dafür zu schämen braucht. Ihr seid gewiß
adelig genug für einen Ritter."

123, 7-11

Die Schlüsselszene

Parzivals Aufeinandertreffen mit den Rittern (120,13 – 124,26)

Parzival ist eines Tages auf Jagd, als er Pferde kommen hört. Da er zuerst denkt, es handelt sich hierbei um den wütenden Teufel, von dem er durch seine Mutter viel Böses hörte, macht er sich bereit zum Kampf. Als er jedoch die Ritter sieht, denkt er, aufgrund der glänzenden Erscheinung, dass jeder von ihnen Gott wäre. So spricht er kniend zu ihnen „`hilf, got: du maht wol helfe hân`“ (121,2). Zorn breitet sich, aufgrund Parzivals Verhalten, auf Seiten der Ritter aus. Schließlich kommt ihr Fürst Karnahkarnanz hinzu – „`den dûhter als ein got getân“ (121,30). Parzival spricht auch zu ihm „`nu hilf mir, hilferîcher got.´“(122,26). Dieser klärt den jungen Knaben Parzival auf, dass sie allesamt Ritter seien. Allerdings hat Parzival keinerlei Vorstellung darüber, was ein Ritter überhaupt ist. So erhält er von Karnahkarnanz viele Eindrücke über das Ritterwesen und setzt sich im Folgenden zum Ziel, ebenfalls ein Ritter zu werden.

Die Schlüsselszene in Bezug auf verschiedene Aspekte

Königin Herzeloydes Erziehung

Anhand dieser Szene lässt sich erkennen, welch großen Einfluss Herzeloydes Erziehung auf Parzival hat. Durch ihre sehr isolierte Erziehung fernab des Hofes erhält er einen falschen Einblick in das Leben, sodass er lediglich Soltane kennt und außerhalb dessen keinerlei Lebenserfahrung hat. Aufgrund Herzeloydes Gotteslehre, hat er eine gänzlich falsche Vorstellung von Gott und dem Teufel, was fatale Folgen mit sich bringt. In der dargelegten Szene, denkt er folglich, dass alle Ritter auf die er hier trifft, aufgrund ihrer glänzenden und schönen Erscheinung, Gott seien.


Der knappe wânde, swaz er sprach, Der Knabe glaubte, als jener so zu ihm
ez wære got, als im verjach sprach, er wäre Gott, weil ja alles so war,
frou Herzeloyd diu künegîn, wie die edle Herzeloyde, die Königin, es
do sim underschiet den liehten schîn. ihm in ihrer Lehrer vom hellen Licht
dargestellt hatte.

(122,21-24)



Aufgrund der vorenthaltenen Wissenslehre durch Herzeloyde und dem Verschweigen des Rittertums wird Parzival vorsätzlich mit tumpheit aufgezogen. Durch dieses mangelnde Wissen und der Unbeholfenheit seiner Art erscheint Parzival bei Fremden sehr unklug und dumm. So werden die Ritter zornig, als der Fürst sich „bî dem knappen der vil tumpheit wielt“ (124,16) solange aufhält - für sie ist es verschwendete Zeit, bei einem Knaben mit so viel Dummheit zu verweilen. Jedoch fällt er bei dem Fürsten durch sein wundervolles und prachtvolles äußeres Erscheinungsbild positiv auf. So ist der Fürst von Parzivals Äußerlichkeit gänzlich fasziniert. Allerdings bleibt auch ihm nicht verborgen, dass der Knabe nicht viel Verstand besitzt.


Dir hete got den wunsch gegebn, Dir hat Gott die Fülle
ob du mit witzen soldest lebn. dessen was ein Mensch nur wünschen
kann, geschenkt – wenn nur deinem Wesen
auch Verstand gegeben wäre.

(124,21-24)


Trotz seines auffallendem Äußeren, wirkt Parzival auf andere, aufgrund der zurückgezogenen Erziehung durch Herzeloyde, dumm und ohne Verstand. Das Fehlen von bestimmten Kenntnissen und Fertigkeiten werden sehr deutlich und führt zu einer enormen Herausforderung in seinem weiteren Lebenslauf. Parzival wächst jedoch ohne das Bewusstsein, dass er mit tumpheit gezeichnet ist, auf, denn er wird von Herzeloyde zu diesem Wesen bewusst herangezogen. Da er die Welt außerhalb von Soltane nicht kennt, hat er keinerlei Bezug zur realen Außenwelt. Sowohl Bildung als auch jegliche Verhaltensformen in der Außenwelt bleiben ihm vorenthalten. Er weiß es folglich nicht besser, als sich bei den Rittern so zu verhalten, wie er es tut. Herzeloydes Intention hierbei ist, ihn zu schützen, aber auch ihn an sich zu binden, denn er soll sie nicht, wie sein Vater, durch das ritterliche Abenteuer verlassen und zu Tode kommen. Lediglich dadurch, dass Parzival zufällig auf die Ritter trifft und der Fürst, aufgrund der Faszination seiner Erscheinung, bei ihm verweilt, lernt er das Rittertum überhaupt erst kennen. Er ist von dem Ritterwesen so fasziniert und begeistert, dass er sich zum Ziel setzt, bei König Artus um das Rittertum zu werben. Parzivals Leben nimmt an dieser Stelle eine Wendung. Die Erziehungsmßnahme in Soltane durch Herzeloyde findet hier aprupt ein Ende. Trotz der noch folgenden Listen ihrerseits, schafft es Parzival außerhalb von Soltane sich wahrlich durchzuschlagen.


Fazit

Lediglich auf Grund Parzivals wundervollen Erscheinungsbild, bekommt er von Fürst Karnahkarnanz die Möglichkeit, das Ritterwesen kennen zu lernen. Schicksalhaft bildet diese Begegnung einen Einschnitt in sein bisheriges isoliertes Leben. Ohne das Aufeinandertreffen mit den Rittern, wäre dieses Leben in Soltane weiter gegangen. Parzival kann nun endlich seiner Sehnsucht folgen, die er wohl durch seinen Vater hat.

Literaturnachweise

[Weddige 2008] ^ 1 2 3 Weddige, Hilkert. "Einführung in die germanistische Mediävistik." 7. durchgesehene Auflage. Verlag C.H. Beck, 2008. München.

Anmerkungen

[1]
  1. alle angegebenen Versangaben beziehen sich auf folgende Ausgabe: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Text und Übersetzung. Studienausgabe. 2. Auflage. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2003