Märtyrer in Legenden

Aus MediaeWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Begriffsklärung

Definition

Der Begriff „Märtyrer“ leitet sich von dem griech. martuv ab und Bedeutet „Zeuge“. Die Märtyrer sind sog. Blutzeugen, die für ihren Glauben gestorben sind.


Etymologie

Der Gedanke des Martyriums geht aus dem antiken Totengedanken hervor und vertritt den Gedanken, dass die Personen, die als Märtyrer sterben, sofort heilig werden. Diese Vorstellung ist noch bis heute vertreten. An die verstorbenen Märtyrer wird an ihrem Todestag an den Gräbern gedenkt, dies führte nach und nach zu einem Erinnerungsritual in literarischer Form, der Einzug in den Gottesdienst fand. So ermöglichen die Märtyrerlegenden durch ihre literarische Form die Erinnerungsritualisierung nicht nur vor Ort am Grab, sondern delokalisiert auch in anderen Kirchen. Die ersten literarischen Formen festgehaltenen erzählten Märtyrerlebens wurden in den Märtyrerakten gesehen. Diese hatten ursprünglich die Funktion von Verhörprotokollen der Märtyrerprozesse, welche nachträglich narrativ aufbereitet wurden. Die erste narrativ aufbereitete Märtyrerlegende war die Legende von Polykarb von Syrna. Die Märtyrerlegenden zeigten sich das gesamte Mittelalter über, insbesondere zur Christenverfolgungszeit, großer Beliebtheit und konnte nicht durch andere Heiligentexte verdrängt werden.


Das Erzählen von Märtyrerlegenden

Grundlagen

Durch die Märtyrerlegenden werden Geschichten von Blutzeugen, die für ihren Glauben gestorben sind, narrativ aufbereitet. Dabei gibt es zwei wichtige Merkmale, die die Märtyrerlegenden auszeichnen: Der Basis Nexus und die Körperkonzeption der Märtyrer.


Der Basis Nexus

Der Basis Nexus ist eines der wichtigsten Merkmale der Märtyrerlegenden. Es beinhaltet die Kernelemente Verhör, Haft und Hinrichtung, welche eine syntagmatische Reihung in der Legende aufweisen. Dies bedeutet, dass die Reihenfolge bei den Märtyrerlegende nicht variiert und das Verhör vor der Haft und zuletzt der Hinrichtung kommt. Insbesondere das Verhör ist meistens mit Folter begleitet und weist eine Spannweite von „Schlägen über Verstümmelungen aller Art bis zum Kochen oder Rösten [auf], ohne daß der sadistischen Phatasie Grenzen gesetzt wären“.[1] Neben der Folter werden die Kernelemente des Basis Nexus auch durch Wunder oder Bekehrung angereichert. Allerdings stehen Elemente wie Folter und Wunder hierarchisch gesehen nicht auf der gleichen Stufe wie die Elemente des Basis Nexus. Dadurch können sie in ihrer Häufigkeit und Intensität variiert werden und folgen keiner bestimmten syntagmatischen Reihung. Die Märtyrerlegende läuft stets auf den Tod des Märtyrers hinaus.


Die Körperkonzeption von Märtyrern

Ein weiteres zentrales Merkmal stellt die Körperkonzeption der Märtyrer dar. Dabei wird zwischen zwei Körpermodellen unterschieden: Dem stigmatisierten Körper und dem Körper unzerstörbaren Lebens. Bei Letzterem kann ihr Körper zahlreiche Foltern ohne großen Schaden überstehen, scheint unzerstörbar und dient der imitatio des Leidens Christi. Bei dem Modell des stigmatisierten Körpers dient der Körper des Märtyrers als demonstrative Schrifttafel. Diese Schrifttafel wird häufig von den Folterern selbst verwendet, um ihre verletzte Souveränität wiederherzustellen und hat in den Legenden die Funktion, dass das Publikum eine empathische Anteilnahme empfindet.Seitentext.[2] Diese Grausamkeit der Folterer „ist im Sinne eine Visualisierungstechnik notwendige Bedingung für die Versinnlichung des metaphysisch Göttlichen“ [3]


Funktionen der Märtyrerlegenden

Für Legenden im Allgemeinen steht die imitatio als Wirkungsfunktion bei ihren Rezipienten stark im Vordergrund. Die Legende soll ihre Leser anregen, bestimmte christliche Tugenden nachzuahmen, um das religiöse Leben vorbildlich auszuleben. Die Märtyrerlegende möchte zeigen, wie die christlichen Glaubensüberzeugungen und die Opferbereitschaft bis zur äußersten Konsequenz auszuleben sind. Weiterhin stellt die Märtyrerlegende ein religionspädagogisches Literaturkonstrukt dar, welches die Grundlagen des christlichen Glaubens pädagogisch vermittelt und so die imitatio dieser christlichen Glaubensgrundlagen unterstützen kann.


Literatur

Feistner, Edith: Historische Typologie der deutschen Heiligenlegende des Mittelalters von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zur Reformation. Wiesbaden, 1995.

Jürgen Bachorski, Judith Klinger: Körper-Fraktur und heilige Marter. in: Koerperinszeierungen in mittelalterlicher Literatur: Kolloquium am Zentrum für interdiszipliaere, 2002. S. 309-333.

Franziska Hammer: Grausamkeit als Modus der Unterhaltung. Zur Funktionalisierung von Grausamkeit in den Folterszenen spätmittelalterlicher Passionsspiele und Heiligenlegende
  1. [Feistner: Historische Typologie, S. 27], zusätzlicher Text.
  2. [Jürgen Bachorski, Judith Klinger: Körper-Fraktur und heilige Marter. S. 316], zusätzlicher Text.
  3. [Franziska Hammer: Grausamkeit, S. 119], zusätzlicher Text.