Konstruktion der Tierfiguren (Reinhart Fuchs)

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Der Reinhart Fuchs erzählt eine lange Literatur von Textgattungen fort, die Fragen menschlicher Moral und Gesellschaft im Spiegel von Tierfiguren verhandeln (Fabel, Tierepos, Physiologus u.a.m.). Diese Reflexionsbeziehung erweist sich bei näherem Blick als diffiziler, als sie zunächst scheint:

  • Wozu von Tieren erzählen, wenn Menschliches gemeint ist?
  • Welcher Art ist die Relation von Menschlichem und Tierischem genau?
  • Wo verläuft die Grenze, bleibt sie innerhalb eines Textes konstant gewahrt und reproduziert?
  • Wo wird sie überschritten? Und welche Funktion haben solche Überschreitungen und Transformationen?



Nicht nur die historischen Erzähltraditionen der Tierepik als Textgegenstand sondern auch moderne Theorieansätze der Animal Studies können dazu Denkanstöße liefern:

  • "Hier kommt der Begriff des Anthropomorphismus […] zum Tragen, womit die Übertragung von menschlichen Eigenschaften auf Tiere […] gemeint ist." [Kompatscher-Gufler u.a. 2017]:36
  • "(...) Indem wir Tieren zu einem gewissen Grad an menschlichen Emotionen, Motive und Intentionen zusprechen, können wir Analogien ziehen und auf diese Weise einen Einblick in ihre Welt und ihr Erleben erhalten." (2x)
  • "[...] othering [ist] ein Prozess, der eine Aufwertung und Normalisierung des Eigenen und der eigenen kulturellen Praktiken durch die Abwertung des Anderen bzw. des Fremden vornimmt. Dies ist eng mit Macht- und Herrschaftsstrukturen verknüpft, da die Abwertung des Anderen - das nicht der herrschenden Norm [...] entspricht - Ausgrenzung und Ausbeutung bis hin zu Tötung legitimiert."
  • "Bei einigen Tierarten handelt es sich zweifelsfrei um mitfühlende, selbstbewusste Individuen mit einer Vorstellung von Raum und Zeit und der Fähigkeit zu strategischem Denken und planvollem Handeln." [Kompatscher-Gufler u.a. 2017]:44
  • "Die Kriterien für die Abgrenzung waren Vernunft, Sprachvermögen, teils auch Moral und Rechtsfähigkeit." "Je mehr Vernunft ein Lebewesen besitzt, desto mehr ist es wert." [Kompatscher-Gufler u.a. 2017]:32f.
  • "Es gibt also folgende zwei Ansätze: den Gleichheitssatz (wenn Tiere bezüglich bestimmter moralisch relevanter Eigenschaften uns gleichen, müssen sie geschützt werden [Egalitarismus]) und einen differenzorientierten Ansatz (Tiere sind anders als wir, aber trotzdem müssen sie geschützt werden)“


Diskussionsfrage zum Reinhart Fuchs: Sind Tierfiguren tendenziell als menschliche Identifikationsfiguren oder Abgrenzungsfiguren entworfen? Sind die tierische Protagonisten verkappte Menschen oder Tiere?

Identifikationsfiguren:

  • zugeschriebene Motive sind spezifisch menschlich: Treue, Habgier, Religiosität
  • menschliche Charakterzüge Reinharts: Klugheit
  • Wolfsfamilie ist höfisch stilisiert (Hersant wird als "vrouwe" tituliert)
  • Reflexion von Recht und Moral
  • Beratungsprozess

Kontrastfiguren:

  • tierische Triebe: Grundbedürfnisse (Fressen), Begierden (Sexualität), z.T. maximal reduziert (Bären-Episode)
  • "Egoismus", Überlebenswille
  • Opposition von Mensch und Tier intradiegetisch vorhanden (Differenz im Text)
  • naive Tiere (fehlendes Lernen)


Literaturverzeichnis


[Kompatscher-Gufler u.a. 2017] ^ 1 2 3 Gabriela Kompatscher, Reingard Spannring, Karin Schachinger: Human-animal studies. Eine Einführung für Studierende und Lehrende. Mit Beiträgen von Reinhard Heuberger und Reinhard Margreiter, Münster/New York 2017.