Heinrichs von Veldeke Eneasroman im Kontext der Antikenrezeption im Mittelalter

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Der Eneasroman wurde als erster deutschsprachiger höfischer Roman zwischen 1170 und 1188 von Heinrich von Veldeke verfasst und stellt neben dem altfranzösischen Roman d'Enéas die einzige umfangreiche Verarbeitung des antiken Aeneas-Stoffes in der mittelalterlichen Literatur dar.


Antikenroman und Antikenrezeption

Antikenromane sind mittelalterliche Romane, deren stoffliche Tradition in der Antike wurzelt. Es wurden historische oder pseudohistorische Stoffe aus dem antiken Epos (Troja- und Eneasroman), der antiken Geschichte (Alexanderroman) und dem hellenistischen Abenteuer- und Liebesroman (Apolloniusroman) verarbeitet. Obwohl der direkte Bezug zur Antike offensichtlich ist, bedarf der Begriff "Antikenroman" doch einer eingehenden Betrachtung, da die Antikenrezeption im Mittelalter immer auch mit Mediaevalisierung, d. h. mit Assimilation des antiken Stoffes an die mittelalterliche Lebensweise, Gesellschaftsordnung und den christlichen Glauben, einherging. Merkmale der eigenen höfisch-mittelalterlichen Zeit wurden in die Antike zurückprojiziert, sodass sich die Hauptthemen des Antikenromans auf "militia et amor, minne und âventiure" belaufen.

Eneasroman

Inhalt

Am Beginn der Handlung steht der Untergang Trojas, welcher gleichzeitig den Anfangspunkt der langen Suche des trojanischen Helden Eneas, Sohn der Venus, nach der "Urheimat" des Stammvaters Dardanus markiert. Die Götter befehlen Eneas, an diesem Ort ein neues Troja zu gründen, von dem aus in Zukunft die Welt beherrscht werden solle. Nach 7 Jahren des Umherirrens gelangt Aeneas nach Karthago, wo er auf die schöne Königin Dido trifft. Durch Venus' Einfluss verlieben sich die beiden ineinander, wobei vor allem anhand der Dido-Figur typische Minne-Merkmale aufgezeigt werden. Im Götterauftrag zieht Eneas jedoch bald weiter, woraufhin die verlassene Dido Selbstmord begeht. Bevor Aeneas Latium erreicht, erscheint ihm sein toter Vater Anchises und trägt ihm auf, ihn in der Unterwelt zu treffen. Mithilfe der Seherin Sibylle kann Eneas auf Cumae in die Unterwelt herabsteigen, wo er neben Dido und vielen anderen seinem Vater begegnet, welcher ihm den Ort für seine zukünftige Stadt nennt und dieser eine glorreiche Zukunft vorraussagt. Nach seinem Gang in die Unterwelt segelt er weiter nach dem an der Tibermündung gelegenen Latium, über welches der König Latinus herrscht. Dieser erkennt Eneas' göttliche Bestimmung und sagt ihm die - eigentlich dem Rutuler Turnus versprochene - Hand seiner Tochter Lavinia und die damit verbundene Herrschaftsnachfolge zu. Daraufhin entbrennt ein gewaltiger Krieg zwischen den Parteien, auf der einen Seite kämpft Turnus mit seinen verbündeten einheimischen Fürsten, auf der anderen Eneas mit seinen Bundesgenossen. Dieser äußere Konflikt spiegelt sich am Verhältnis zwischen Lavinia und ihrer Mutter wider: diese möchte ihre Tochter mit Turnus vermählt sehen und erklärt ihr zu diesem Zwecke, was es mit der Minne auf sich habe, jene dagegen begreift gerade nach dem sogenannten "Minne-Gespräch" mit ihrer Mutter, dass sie Aeneas liebt. Der Krieg zwischen Turnus, Aeneas und deren Bundesgenossen entscheidet sich schließlich im Zweikampf der beiden Rivalen, welchen Eneas für sich entscheiden kann und somit nicht nur Lavinia als Ehefrau, sondern auch die Herrschaft über Latium gewinnt.

Formales

Wenn sich auf inhaltlicher Ebene noch viele Parallelen zwischen antiker Vorlage und mittelhochdeutscher Verarbeitung ziehen lassen, so beschreitet Heinrich von Veldeke in formaler Hinsicht einen neuen Weg: Statt der vergilischen Hexameter verwendet er vierhebige Paarreime und führt somit seinen Roman vom pathetisch stilisierten Heldenepos auf eine mittlere Stilebene. Auch die klare Zweigeteiltheit der antiken Aeneis wird zugunsten einer inhaltlichen Erweiterung der Lavinia-Handlung aufgegeben. Während sich Vergil zwei in sich geschlossenen Erzählkomplexen - Aeneas' Irrfahrten auf der einen, der Latiner-Handlung auf der anderen Seite - in ungefähr gleichem Umfang widmet, so lässt sich bei Heinrich von Veldeke (auf Basis der altfranzösischen Bearbeitung) schon fast eine Dreiteiligkeit feststellen, da er 1. den Irrfahrten und der Dido-Handlung, 2. der Ankunft und dem Krieg in Latium und 3. der Lavinia-Handlung eine in etwa gleiche Gewichtung der Erzählinhalte zukommen lässt.

Vergleich mit der Aeneis

Leitmotive im Vergleich

Geschichte und Heilsgeschichte

Vergils Aeneis fungierte als nationalrömisches Epos in erster Linie als ein Legitimationsmittel für die Herrschaft des Augustus. Mithilfe eines Rückgriffs auf die mythische Vorgeschichte wurde die Größe Roms zu dieser Zeit als ein notwendiges, da gottgewolltes Ziel allen früheren Geschehens dargestellt. Für Veldeke ist die nationalrömische Perspektive weniger interessant, stattdessen fügt er seinem Roman einen Ausblick bis in die Zeit des Augustus und eine Anbindung an die Zeitgeschichte durch die "Stauferpartien" bei. Durch den Ausblick auf Christi Geburt stellt er den Roman in einen heilsgeschichtlichen Kontext, bzw. demonstriert, wie sich der gemäß der aus biblischer Überlieferung hergeleiteten Weltreichslehre göttliche Weltplan heilsgeschichtlich erfüllte.

Genealogie und Legitimation von Herrschaft

Veldeke greift ein Moment der in der Aeneis zentralen "pietas" auf, indem er die genealogisch-dynastische Ordnung des Mittelalters an der- von der "pietas" geforderten- patriarchalisch determinierten Treue gegenüber den "maiores" spiegelt. Genauso wie sich der antike Aeneas von den Ratschlägen seines Vaters Anchises leiten lässt und dabei auf den Spuren seines Stammesvaters Dardanus wandelt, so war auch allgemein für die aristokratischen Schichten des Mittelalters die Zugehörigkeit zu einer Familie bzw. zu einem Geschlecht sehr bedeutend. Im Zuge des "translatio-imperii-Konzeptes", welches auf der biblischen "4-Weltreiche-Lehre" basiert, versuchte man sich in die direkte Nachfolge der römischen Herrscher zu stellen bzw. sich als legitimen Nachfolger des römischen Weltreiches zu stilisieren. Es herrschte außerdem die Vorstellung von einem gottgegebenen "Geblütsadel", welcher bestimmte Qualitäten wie z. B. die Fähigkeit, über andere zu herrschen mit sich brachte, jedoch immer wieder durch Taten, die êre einbrachten, bestätigt werden musste.

"amor" und "minne"

Bei diesem Themenkomplex lassen sich nicht nur quantitativ - Veldeke räumt der "minne"-Thematik einen deutlich größeren Raum als Vergil ein - sondern auch qualitativ, indem die Liebesszenen in einen vom mittelalterlichen "minne"-Diskurs geprägten Kontext gestellt werden, große Differenzen feststellen. Während die Liebe im antiken Vorbild eindeutig eine sekundäre Rolle einnimmt, da sie stets dem Götterauftrag untergeordnet ist, wie sich z. B. in der Dido-Episode am Ende des 3. Buches feststellen lässt, tritt sie bei Veldeke in den Vordergrund und weist sogar noch insofern über ihre antike Rahmenhandlung hinaus, als sie Ausgangsbasis für die sowohl in der Dido- als auch in der Lavinia-Erzählung auftretenden "minne-Phänomenologien" ist: Veldeke stellt die Liebe als eine Krankheit dar, die mit Erröten, Erblassen, fiebrigen Zuständen, Schlaf- und Appetitlosigkeit einhergeht, wobei er sich als Kenner der ovidischen Liebesmetaphorik (z. B. in "Ars Amatoria", "Heroides", "Remedia Amoris", "Amores" und den "Metamorphosen" zu finden) erweist. Eine signifikante Abweichung vom antiken Original findet sich am Anfang der Schilderung des Liebesverhältnisses zwischen Eneas und Dido: Eneas scheint anders als bei Vergil Dido nicht wirklich zu lieben und entehrt, indem er sich einerseits zügellos der Affäre hingibt und andererseits Dido am Ende im Stich lässt, nicht nur Dido, sondern verliert in dieser Passage selbst seine "êre", wird also zu einem defizienten Helden. Während der antike Aeneas durch das "fatum" bzw. seinen Götterauftrag gewissermaßen entschuldigt ist, kann sich Veldekes Eneas erst durch seine "richtige Liebe" zu Lavinia moralisch wieder rehabilitieren.


Quellen

Brunner, Horst (Hg.): Interpretationen. Mittelhochdeutsche Romane und Heldenepen. Stuttgart 2004 (= RUB 8914).

Lienert, Elisabeth : Deutsche Antikenromane des Mittelalters, Berlin 2001