Die ritterlichen Tugenden im Parzival, (Wolfram von Eschenbach, Parzival)

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Dieser Artikel beschreibt die ritterlichen Tugenden im Parzival. Nach einer allgemeinen Einführung in die Tugenden eines Ritters im Mittelalter wird im Besonderen auf die Belehrungen von Gurnemanz eingegangen und die dort erwähnten Tugenden werden erläutert.

Ritterliche Tugenden im Allgemeinen

Das Leben eines Ritters im höfischen Roman war geprägt von Tugenden. Diese bestanden aus verschiedenen Pflichten und Rechten, die dem Ritter zuteil wurden und die ihn als einen adeligen Mann auszeichneten. Das soziale und das private Leben eines 'edlen' Ritters war geprägt von Treue und Tapferkeit. Die Verherrlichung des vornehmen Standes der Ritterschaft wurde durch die höfische Literatur geprägt und spiegelt ein idealisiertes Bild wider. Besonders im Minnesang wurde der Ritter in seiner Rolle als Liebhaber und Sieger im Kampf um die Frau stilisiert. In den meisten Fällen umwarb ein Ritter eine adelige Dame und konkurrierte dabei mit anderen Rittern um deren Gunst.[Günter 1970] Der folgende Artikel geht auf die ritterlichen Tugenden in Wolframs von Eschenbach Parzival ein und beleuchtet diese aus verschiedenen Perspektiven.


Die Belehrung Gurnemanz

Eine Belehrung zum richtigen Verhalten eines adligen jungen Mannes findet sich im dritten Buch. Dort wird Parzival erstmals vom Gastwirt Gurnemanz über die unterschiedlichen Tugenden aufgeklärt, nach denen er sich zu verhalten hat. Da sich Parzival zu diesem Zeitpunkt noch in seiner Jugend befindet, prägt diese Belehrung sein späteres Verhalten und hat Auswirkungen auf seinen Werdegang als Ritter (beispielsweise sein Versagen in der Gralsburg). In diesem Auszug aus dem "Tugend-Katalog" erwähnt der Wirt folgende Punkte:

Genügsamkeit

Gurnemanz (170, 16-20)[1]

Original Übersetzung
ir sult niemer iuch verschemn.

verschamter lîp, waz touc der mêr?

der wont in der mûze rêr,

dâ im werdekeit entrîset

unde in gein der helle wîset.

Seid niemals unverschämt -

ein Leib, dem das Gefühl von Scham und Schande abgeht, was sollte der noch taugen?

Der ist ein Habicht in Mauser, mit dem geht's abwärts:

Sein Adel fällt ihm aus und deutet ihm den Weg,

den er zur Hölle nehmen wird.


Laut dem Tugend-Katalog des Wirtes Gurnemanz musste ein Ritter gütig und hilfsbereit, arm und reich zugleich, vernünftig und kühn sein (171. 3-8). Des Weiteren sollte er männlich und edel sein, um den Frauen zu gefallen, gleichzeitig jedoch soll er die Frau ehren und ihre Klugheit nicht unterschätzen (172, 7-10).


Erbarmen und Güte

Gurnemanz (170, 23-28)

Original Übersetzung
ist hoch und hoeht sich iwer art,

lât iweren willen des bewart,

iuch sol erbarmen nôtec her:

gein des kumber sît ze wer

mit milte und mit gürte:

vlîzet iuch diemüete

Wenn Euer Adel hoch ist und noch höher werden soll,

so habt acht auf Euren Willen,

dass Ihr Euch der Leute, die in Not leben müssen, erbarmt.

Gegen ihre Leiden müsst ihr kämpfen

mit der Kraft des Schreckens und der Güte;

Ihr müsst Euch bemühen, den Menschen zu helfen.


Sehr wichtig für einen Ritter war das Bild, das er von Frauen und Männern haben sollte. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass Mann und Frau zusammen gehörten und dass diese seit jeher untrennbar eine Einheit bildeten. Auch wird Parzival von Gurnemanz aufgetragen, wie er seine Rüstung zu pflegen hat und wie er sich selbst pflegen muss, um den Frauen am Hof zu gefallen.


Frage und Antwort

Gurnemanz (171, 13-21)

Original Übersetzung
gebt rehter mâze ir orden.

ich pin wol innen worden

daz ir râtes dürfic sît:

nu lât der unfuoge ir strît.

irn sult niht vil gevrâgen:

ouch sol iuch niht betrâgen

bedâhter gegenrede, diu gê

reht als jenes vrâgen stê,

der iuch wil mit worten spehen.

Genau so, wie rechtes Maß es fordert, sollt ihr handeln.

Ich habe wohl gesehen,

dass Ihr Belehrung nötig habt.

Von nun an lasst schlechtes Benehmen seiner Wege gehen.

Ihr sollt nicht viel fragen.

Ihr sollt aber nicht zögern,

vernünftig Antwort zu geben, und zwar so,

dass sie an der Frage nicht vorbeigeht, die der andere stellt:

Der will Euch ja kennenlernen im Gespräch.

Mitleid

Gurnemanz 171, 25-30

Original Übersetzung
lât derbärme bî der vrävel sîn.

sus tout mir râtes volge schîn.

an swem ir strîtes sicherheit

bezalt, ern hab iu sölhiu leit

getân diu herzen kumber wesn,

die nemt, und lâzet in genesn.

Laßt bei aller wilden Kühnheit auch das Mitleid zu.

Zeigt, daß ihr meinem Rat gehorsam seid:

Wenn einer Euch im Kampf, um Schonung zu erkaufen,

sein Ehrenwort anbietet, so nehmt es an und laßt ihn leben,

er hätte Euch denn solche Leiden angetan,

die das Herz ganz tief verwunden.


Die Liste der ritterlichen Tugenden erstreckt sich über weitere vier Seiten des Romans und beinhaltet vom Reiten bis zur richtigen Handhabung der schönen Damen viele verschiedenen Pflichten, die der junge Parzival noch zu lernen hat. Dieser Ausschnitt aus dem "Tugend-Katalog" des Wirtes Gurnemanz macht deutlich, dass ein Ritter, der adeliger Herkunft war und sein Ansehen am Hofe stärken wollte, verschiedenen gesellschaftlichen Normen unterlag und diese erfüllen musste. Gurnemanz' Lehre betont besonders die moralischen Werte und stellt diese in seiner Erziehung vor den Umgang mit Waffen. Ein wichtiger Aspekt der ritterlichen Tugend war auch die Fähigkeit zum Kampf. Voraussetzung dafür war die Beherrschung des Pferdes und die damit verbundene Beziehung zum Reiten. Um einen Zweikampf zu gewinnen, musste der Ritter im Kampf mit Lanze und Schild umgehen können und den Gegner aus dem Sattel stoßen. Parzival ist hierfür prädestiniert, ist er doch durch seine "art" (Erbe) geprägt. Sein Vater Gahmuret war bekannt für seine Manneskraft und seinen Kampfgeist.

Fazit

Diese oben beschriebenen Tugenden sind nur ein Teil dessen, was im Parzival an ritterlichen Tugenden vermittelt wird. Sie sind jedoch prägend für Parzival und verändern den jungen Adeligen. Einen Ritter zeichnete das Privileg einer adeligen Erziehung dadurch aus, dass er die erlernten Fähigkeiten und Tugenden anwendete und damit seinen Stand in der höfischen Gesellschaft festmachte. Des Weiteren finden sich zahlreiche Beispiele für die Erprobung dieser erlernten Fähigkeiten im Parzival wieder, welche auf die ritterlichen Tugenden schließen lassen.


Forschungsliteratur

  • Bautier, Robert-Henri: Lexikon des Mittelalters. München 1999.
  • Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach. 8. Auflage. Stuttgart/Weimar 2004.
  • Dallapiazza, Michael: Wolfram von Eschenbach - Parzival. Berlin 2009.
  • Deinert, Wilhelm: Ritter und Kosmos im Parzival. München 1960.
  • Eifler, Günter: Ritterliches Tugendsystem. Darmstadt 1970.
  • Hafner, Susanne: Maskulinität in der höfischen Erzählliteratur. Frankfurt am Main 2004.
  • Reichert, Hermann: Wolfram von Eschenbach, "Parzival" für Anfänger. Wien 2007.
  • Schulz, Albert: Die Gegensätze des heiligen Grales und von Ritters Orden. Halle 1862.
  • Sieverding, Norbert: Der ritterliche Kampf bei Hartmann und Wolfram. Heidelberg 1985.


Quellenverzeichnis


[Günter 1970] ^ Eifler, Günter: Ritterliches Tugendsystem. Darmstadt 1970.

  1. Alle folgenden Versangaben beziehen sich auf die Ausgabe: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Text und Übersetzung. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Mit einer Einführung zum Text der Lachmannschen Ausgabe und in Probleme der 'Parzival'-Interpretation von Bernd Schirok, 2. Aufl., Berlin/ New York 2003.