Die Rede des Bischofs von Themse (Gottfried von Straßburg, Tristan)

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Abschnitt der Verse 15342 bis 15517. Hier erläutert der Bischof von Themse, im Rahmen des von Marke einberufenen Konzils, seine Ansichten zum Umgang mit den vermeintlichen Ehebrechern Tristan und Isolde.

Der Bischof von Themse

Der Erzähler widmet sich in einem kurzen Abschnitt der Beschreibung des Bischofs von Themse:

an witzen unde an jâren
ze guotem râte wol gestalt,
des lîbes edelîch und alt,
beidiu grîse unde wîse.

Er war an Verstand und Alter
für klugen Rat gut geeignet,
von vornehmem, bejahrtem Äußeren,
sowohl weißhaarig als auch erfahren.
(V. 15344-15347)[1]

Hier wird deutlich gemacht, dass sich der Bischof von Themse von den anderen Bischöfen abhebt. Er wird als besonders klug und vornehm beschrieben. Bereits an diesem Punkt ist für den Leser erkennbar, dass Tristan und Isolde es nun mit einem härteren Gegenspieler zu tun haben als zuvor. Der alte Bischof lässt sich nicht ebenso leicht täuschen wie Marke und seine Gefolgsleute. Nur mit Hilfe der List des Gottesurteils ist es den beiden möglich, ihre Liebe geheim zu halten.

Die erste Rede (bis V. 15418)

In seiner ersten Rede spricht der Bischof vor dem versammelten Konzil und wendet sich direkt an Marke. Er gibt zu bedenken, dass die Vorwürfe gegenüber Tristan und Isolde zu diesem Zeitpunkt ausschließlich auf Gerüchte zurückzuführen seien. Jedoch macht er auch deutlich, dass die Unschuld der beiden nicht erwiesen ist, und schlägt deswegen vor, Isolde rufen zu lassen. Er möchte, dass sowohl die Anklage gegen Isolde wie auch ihre Verteidigung öffentlich vorgetragen werden um dem Gerede ein Ende zu setzen:

nu râte ich, hêrre, und ist mîn rât,
mîn vrouwe diu künigîn
sît sî besprochen sol sîn
umbe solhe missewende,
daz man sî her besende
z´unser aller gegenwürte,
iuwer ansprache, ir antwürte
daz man diu beide alsô verneme,
als ez dem hove wol gezeme.

Nun rate ich, Herr, und das ist mein Vorschlag:
Da meine Herrin, die Königin,
beschuldigt wird
solcher schändlichen Tat,
soll man sie herrufen
zu uns,
damit man Eure Anklage und ihre Antworten
so hören kann,
wie es dem Hofe zusteht.
(V. 15410-15418)

Markes Reaktion (bis V. 15421)

Marke befindet die Idee des Bischofs für gut und befiehlt Isolde rufen zu lassen.

Der künec sprach:"hêrre, des volge ich.
diu rede und der rât dunket mich
gevüege unde gevallesam."

Der König antwortete:"Das will ich tun, Herr.
Der Vorschlag und Rat scheint mir
angemessen und gut."
(V. 15419-15421)

Die zweite Rede/Anklage Isoldes(bis V.15468)

In seiner zweiten Rede wendet sich der Bischof an Isolde und erläutert zu Beginn auch ihr, dass er die Vorwürfe zum gegebenen Zeitpunkt als Gerüchte ansieht. Er möchte diesen jedoch nachgehen, damit der Ruf Markes keinen Schaden nimmt. Er begründet auch die öffentliche Anklage mit dem Bestreben das Gerede beenden zu können. Isolde wird nun gebeten zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen.


Isoldes Verteidigung (bis V. 15517)

Isolde begründet die Verdächtigungen indem sie erklärt, dass es unter Menschen immer Gerede gibt, und es folglich nicht verwunderlich sei, dass sie als die Königin ebenfalls ins Zentrum solcher Intrigen geraten ist. Jedoch versichert sie ihr Interesse daran, den Ruf ihres Mannes wieder herzustellen.

swâ sô ich versprechen sol
mînes hêrren laster unde mich,
entriuwen daz verspriche ich
beidiu nû und alle stunt.

Wann immer ich einstehen soll
für die Schande meines Gemahls und für mich,
dann will ich das gewiß tun
jetzt und immer.
(V.15476-15479)


iu ist aber allen wol erkant,
daz nieman alse saelic ist,
der al der werlde und alle vrist
sô wol ze willen müge geleben,
im enwerde âlaster gegeben.

Ihr alle aber wißt genau,
daß niemand so glücklich ist,
daß er der ganzen Welt und immer
so zu gefallen lebt,
daß ihm nicht irgendein Makel angehängt wird.
(V.15484-15488)

Deutung

Die Rede des Bischofs von Themse kann als Versuch Gottfrieds gesehen werden, Gottes Gesetze kontrastiv den weltlichen gegenüber zu stellen. Begründung hierfür wäre beispielsweise die Tatsache, dass Gottfried den Bischof von Themse als Verteidiger von Isoldes Ehre darstellt. Er ist nicht von vornherein auf eine Wertung festgelegt, sondern will die Wahrheit herausfinden, um das Ansehen Isoldes und Markes zu schützen. Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass sich in der damaligen Zeit der Geistliche auf die Seite des Herrschers begäbe und die Frau verurteilt würde. Allerdings zeigt Gottfried durch seinen kritischen Bischof, dass Gottes Gesetze nicht immer eindeutig mit den weltlichen Vorstellungen der Herrschenden übereinstimmen. Die Tatsache, dass weltliches Recht zu dieser Zeit durch die Herrschenden bestimmt war, wird an dieser Stelle deutlich kritisiert. Ronald Perlwitz erkennt in diesem Zusammenhang abschließend die Verurteilung Markes durch Gottfried, der die Liebe zwischen Isolde und Tristan als ethisch nicht verwerflicher sieht als die Lüsternheit Markes, der Isolde erst heiraten will, nachdem er von ihrer Schönheit gehört hat.[2]

Literatur

  1. Zitationen aus dem Tristan-Text sind zu finden in: Gottfried von Straßburg: Tristan. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Friedrich Ranke neu hg., ins Neuhochdeutsche übers., mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn, Bd. 1 u. 2: Text, Bd. 3: Kommentar, 8./9./12. Aufl., Stuttgart 2007-2008 (RUB 4471-4473)
  2. Ronald Perlwitz, Tristan bis Tristesse:Transgression von Liebesnormen im Spiegel der Tristan-Thematik, IABLIS Jahrbuch für Europäische Prozesse, 2004