Die Positivierung des Mythos (nach Röcke)

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Zusammenfassung

Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeit über die Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters erörtert Röcke die sogenannte Positivierung des Mythos, indem er die Mytheme, die den Kern der Strukturen vieler mythologischer Erzählungen bilden, und den Aspekt des zu gewinnenden Gewissens darstellt. Das zentrale Thema seiner literarischen Untersuchung ist das Unheilvolle, ja Bedrohliche als unmittelbare Bedingung für das ersehnte Heil. Auf diese Weise wird der Mythos „positiviert“: Aus einer negativen Erfahrung wird letztendlich eine Positive gemacht.


Einleitung

In puncto Lebensformen (lat. vitae forma) habe im Mittelalter eine Pluralisierung dieser stattgefunden; ein Aspekt, der im Werk Hartmanns von Aue „Gregorius“ verstärkt zum Ausdruck kommt. Man denke an das Leben Gregorius' in einem Inselkloster, seine Erfolge als Ritter und gar Herrscher des Landes seiner Mutter bis hin zu seiner Ernennung zum Papst[1]. „Gregorius“ sei außerdem ein Paradebeispiel für die Lebensform einer vita eremitica[2]. Doch wie kommt es, dass der guote sündære aus seiner ursprünglichen Lebensform ausbricht und schließlich die, laut Platon, „richtige“ theologische Lebensform auswählt, um somit sein Glück zu finden?


Argumentation: Mytheme im Vergleich. Elemente der Positivierung des Mythos

In seiner Interpretation unterscheidet Röcke zwischen zwei Erzählebenen: Der mythologischen[3], die insbesondere die Inzestlegenden des Mittelalters in den Vordergrund stellt, und der theologischen[4], die beispielsweise im Prolog des „Gregorius'“ als eine Art Appell vorkommt und für die Positivierung des Mythos die entscheidende sei.
Hier stellt sich die Frage, was die Positivierung des Mythos überhaupt ist – laut Röcke sei es die „Verschiebung des Bedrohlichen zur Voraussetzung des Heils“[5]. Konkret: Durch die Reue und die Buße auf Grund des doppelten Inzests gelangt Gregorius zum ewigen Heil – ein bedeutender Unterschied zu den vergleichbaren Werken „Ödipus“, „Judas“ und „Albanus“. Röcke entdeckt dennoch viele identische Mytheme in den Erzählungen über Gregorius, Judas' Vorgeschichte und Albanus[6], die als „Einheiten des Geschehens“[7] betrachtet werden können:
1. Die unschuldige Schuld
Alle drei Figuren werden „unschuldig schuldig“[8]; sie begehen schwere Sünden, ohne sich dessen bewusst zu sein.
2. Gewalt und Angst
Auf Grund der mehrfachen Blutschande kehren sie zu ihrem Ausgangspunkt zurück, haben Angst (insbesondere von der persönlichen Schuld) und verzweifeln. Dies macht sie gleichzeitig auch gewalttätig, wenn auch in verschiedenem Maße – in „Gregorius“ handelt es sich hauptsächlich um Gewalt gegen sich selbst.[9] Außerdem bereut Gregorius augenblicklich seine Tat, als er den Jungen des Fischers schlägt. Somit liegt auch hier eine Positivierung des Mythos vor.
3. Isolation und Einsamkeit
Die Isolation von der restlichen Welt scheint der einzig akzeptable Weg nach den schlimmen Verfehlungen der drei Figuren[10]. Sie unterliegen einem scheinbar unwiderstehlichem Zwang, das Unheil zu wiederholen. Laut Röcke sei auch die Isolation eine Bedingung des Heils; hier argumentiert er mit der Tatsache, dass durch die Isolation Gregorius erneut in die „Gemeinschaft der christlichen Gemeinde“[11] integriert wird. Auch dies kann als Positivierung des Mythos verstanden werden.
Ein Erzählmuster wird deutlich, das Grundlage für viele mythologische Erzählungen sei: „Schuld und Gewalt, Isolation und Heimkehr, Zufall und Zwang“[12]. Hartmann aber entscheidet sich gegen diese simple Erzählmethode und verkompliziert seine Geschichte, indem er seinen Helden emanzipiert[13]. Gregorius' „Geburt des Gewissens“[14] sei „eine Funktion der Positivierung des Mythos“[15], die durch die Reue, die entscheidend sei[16], und den Wechsel in der Mentalitätsgeschichte zustande komme. Aufgrund seiner „sollicituda“ (Unruhe, Sorge, Kummer)[17] und wegen seiner Isolation werde er schließlich zum Papst ernannt und erneut in die Gesellschaft integriert; sein Leben wird somit zur „felix culpa“ (glückliche Schuld)[18] „verschoben“. Wichtig dabei ist ebenfalls die Selbsterkenntnis Gregorius': Er ist derjenige, der sich dafür entscheidet zu büßen, indem er jede Qual „mit lachendem muote“ (V. 2815) auf sich nimmt. Die Zwanghaftigkeit, die die vergleichbaren Figuren prägt, wird in „Gregorius“ mehr oder weniger also entzogen, da er einen freien Entscheidungswillen hat.

Fazit

Röcke kommt zum Ergebnis, dass Hartmann von Aue „die Hoffnung auf Gottes Gnade“ erwecken will[19]. Keine Sünde sei so gravierend, dass sie nicht zur felix culpa verschoben werden kann[20]. Da Gregorius gewissermaßen durch einen Wechsel seiner Lebensform zu einem glücklichen Ende kommt, zielt Hartmann von Aue auch auf die „Versöhnung der Lebensformen“ – er zeigt, dass sie miteinander verbunden sind und sogar voneinander abhängen.


Bibliographie

  1. Vgl. "Matthias Meyer und Hans-Jochen Schiewer: Literarische Leben, Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters, S.628.
  2. Ebd., S.629
  3. Ebd., S.630
  4. Ebd., S.630
  5. Ebd., S.630
  6. Ebd., S.633
  7. Ebd., S.634
  8. Ebd., S.633 u. S.634ff
  9. Ebd., S.634
  10. Ebd., S.634
  11. Ebd., S.644
  12. Ebd., S.634
  13. Ebd., S.635
  14. Ebd., S.635
  15. Ebd., S.653
  16. Ebd., S.642
  17. Ebd., S.639
  18. Ebd., S.636
  19. Ebd., S.646
  20. Ebd., S.634