Die Beziehung zwischen Gahmuret und Belacane (Wolfram von Eschenbach, Parzival)

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Dieser Artikel wird sich mit der Beziehung zwischen Gahmuret und Belacane beschäftigen. Dabei wird es zunächst einen Einstieg geben, indem geschildert wird, wie sich die beiden kennengelernt haben. Daraufhin wird die Person Belacane und ihr Verhältnis zu Gahmuret näher beleuchtet, um zum Abschluss den Abschied von Gahmuret und die Rolle ihres Sohnes Feirefiz näher zu beleuchten.


Einstieg

(Diebold Lauber Belakane bewirtet Gahmuret und dessen Gefolge HeidICON. Die Heidelberger Bilddatenbank)

Nach dem Tod seines Vaters König Gandin von Aschouwe zieht Gahmuret in den Orient (siehe: Gahmuret als Ritter (Wolfram von Eschenbach, Parzival)). Er kämpft in vielen Ländern und es verschlägt ihn nach Zazamanc, in die Stadt Patelamunt, wo die schwarze Königin Belacane sich kaum noch ihrer Feinde erwehren kann. Sie wird beschuldigt, den Tod von Isenhart zu verschuldet zu haben. Dieser hat in Diensten von Belacane sein Leben in einer Tjost verloren (27, 25 - 28, 5) und seine Verwandten tragen nun einen Rachefeldzug gegen die Schuldige aus. An dieser Stelle tritt Gahmuret zum Geschehen und bietet der Königin seine Hilfe für Geld an (17, 9- 12). Gahmuret wird von Belacane so empfangen, dass gleich bei der ersten Begegnung eine Zuneigung zu der Königin in ihm erwacht. Bald schon besiegt Gahmuret ihre Feinde und bringt so Frieden in das Reich. Er kehrt in die Stadt zurück und wird sogleich von Belacane zum Vermählungslager geführt. Er heiratet sie nach dem Hand-und-Landprinzip und wird so anerkannter König von Zazamanc. [Dallapiazza 2009]:S. 35 Doch nur wenige Monate später bricht Gahmuret erneut auf um sein Ritterleben fortzuführen. Er verlässt seine Frau heimlich, indem er ihr lediglich einen Abschiedsbrief hinterlässt. Belacane bringt nach einigen Monaten ein schwarz-weiß geschecktes Kind, Feirefiz, auf die Welt.

Belacane

Für Gahmuret ist der Umgang mit Andersgläubigen, und damit auch der Umgang mit Belacane, eine Selbstverständlichkeit. Auf der Seite der Orientalen auch gegen Christen im Kampf anzutreten, stellt für ihn offenbar kein Problem dar ("vür die andern ähte uns suochet noch des stolzen Friedebrandes her, die getouften von über mer." 31, 14ff. [1] ) und auch Wolfram kommentiert diese Umstände nicht. Auch die Orientalen von Patelamunt legen wenig Wert auf die Religion des fremden Ritters. Belacane ist insgesamt auffallend vorteilhaft geschildert (positiver, als man es von einem christlichen Autor der Zeit erwarten würde). Die schwarze Königin wird als schön und tugendhaft beschrieben, als sei die Heidin innerlich eine Christin:


Gahmuret duhte san, Da kam es Gahmuret so vor,
swie si waere ein heidenin, als wäre nie - obwohl sie doch eine Heidin war -
mit triwen wiplicher sin eine Seele mit so viel wahrer Frauentreue
in wibes herze nie geslouf. in ein Herz geschlüpft wie hier.
ir kiusche was ein reiner touf, Ihre Unschuld war ein reines Taufwasser
und ouch der regen der si gegoz, und dazu der Regen, der sie begoss, jener Strom,
der wac der von ir ougen floz der von den Augen floss
uf ir zobel und an ir brust. auf den Zobelfell und an ihre Brust.

28, 10- 17


Wolfram deutet an, dass sich die schöne Königin und Gahmuret sofort ineinander verlieben („alda wart undr in beiden ein viö getriulichiu ger: si sach dar, und er sach her.“ 29, 6ff):


der küneginne riche Der Königin, der großen Dame,
ir ougen fuogten hohen pin, brachten ihre Augen hohen Schmerz,
do si gesach den Anschevin. als sie den Anschevin erblickte.
der was so minnecliche gevar, Man musste ihn lieben, wenn man ihn sah,
daz er entsloz ir herze gar, und also schloss er ihr Herz ganz auf -
ez waere ir lip oder leit: ob es ihr süß war oder weh,
daz besloz da vor ir wipheit. sie konnte nicht anders.

23, 22-28


Belacane entscheidet sich wahrscheinlich deshalb so rasch, sich Gahmuret hinzugeben, weil sie sich ihrem ebenso geliebten Freund König Isenhart vón Azagouc wegen ihrer „schamndiu wipheit“ (27, 9) so lange verweigert hat, bis er seines Liebesleides überdrüssig geworden ohne Rüstung den Tod im Kampf gesucht hat (vgl.: Parallelen zum Schicksal von Sigune). Am Ende soll diese schnell eingegangene Liebesbeziehung mit Gahmuret Belacane ihrerseits das Leben kosten. Mit verursacht wird ihr Tod durch die Umstände der heimlichen Abreise Gahmurets, der für Erklärungen lediglich einen Abschiedsbrief hinterlässt.

Der Abschiedsbrief

Gleich nach der Hochzeit mit Belacane wird deutlich, dass Gahmuret weiter nach ritterlichen Abenteuern sucht, die er in ihrem Land nicht finden kann. („daz er niht riterschefte vant, des was sin freude sorgen phant.“ 54, 18f.) Nach nur drei Monaten Ehe lässt er seine Schätze heimlich an Bord bringen und stiehlt sich nachts aus dem Land. Er hinterlässt seiner Gattin einen Brief, indem er seine Abreise mit dem Unterschied der Konfessionen der beiden Eheleute zu begründen sucht:


frouwe, in mac dich niht verheln, Meine Dame, das kann ich dir nicht verschweigen:
waer din ordn in miner e, Wäre nur dein Glauben in Ordnung meiner Religion,
so waer mir immer nach dir we: so müsste ich mich immer nach dir sehnen -
und han doch immer nach dir pin. und auch so wie es ist, werde ich dich immer mit Schmerzen vermissen.

55, 24 – 27


frouwe, wiltu touren dich, Meine Dame, wenn du dich taufen lässt,
du macht ouch noch erwerben mich. vielleicht kannst du mich dann noch wiedergewinnen.

56, 25f


Es scheint, dass Gahmuret bei der Abreise vergessen hat, dass er Belacane seine Dienste versprochen hatte, ebenso, dass er die schwarze, in Tränen aufgelöste jungfräuliche Königin bei ihrer ersten Begegnung in ihrer Unschuld und auf Grund ihres vertrauensvollen Erzählens ihrer Geschichte wie getauft empfunden hatte (28, 14-17). Das Argument auf Reisen zu gehen und sein Handwerk des Ritters wieder ausführen zu wollen („da was der stolze küene man, unz er sich vaste senen began. Daz er niht riterschefte vant, des was sin freude sorgen phant.“ 54, 17-20) bringt er gegenüber Balacane nie vor. Davon sowie auch von der großen Liebe, die Gahmuret gegenüber der Königin empfindet („Doch was im daz swarze wip lieber dan sin selbes lip“ 54, 21f), weiß nur der Erzähler. Wie fadenscheinig die Begründung für die Abreise ist, zeigt Belacanes Versicherung, dass sie jederzeit willens gewesen wäre, Christin zu werden. Dem Wunsch ihres Gatten sich taufen zu lassen begegnet Balacane mit eifriger Bereitschaft


Des engere se keinen wandel niht. Dagegen hatte sie nicht das geringste einzuwenden.
´owe, wie balde daz geschieht! "Ach wie schnell ist das getan!
wil er wieder wenden, Wenn er nur wiederkommen will -
schiere sol ichz enden. sofort kann das geschehen sein.

(56, 27-30).


Man mag die Ausrede für bequem oder gelogen halten, von fehlender Liebe zu seiner Frau, schlechten Angewohnheiten dieser oder einem eventuellen krampfhaften Festhalten-Wollen des geliebten Ritters ist zumindest nie die Rede und schon gar nicht davon, dass die verschiedenen Konfessionen problematisch geworden wären. Der Erzähler liefert insofern keinen triftigen Grund für den Aufbruch Gahmurets. [Hatheyer 2004: S.226] Der Abschiedsbrief allein hinterlässt somit in Bezug auf das Wesen Gahmurets ein sehr hässliches Bild, das im Gegensatz zu den sonstigen Beschreibungen des schönen und vortrefflichen Ritters steht.

Die Rolle Feirefiz

Feirefiz, der schwarz-weiß gescheckte Sohn, der aus der Ehe Gahmurets mit Balacane hervorgegangen ist, bringt das Thema der Geschehnisse und Auswirkungen von Gahmurets Fernbleiben im Finale des Werks wieder an. Belacane stirbt, wie ihr Sohn seinem Halbbruder Parzival erzählt, unter folgenden Umständen:


gein minem vater der gericht Was ich an meinem Vater zu rechen habe,
ist minhalp noch unverkorn. ist noch nicht vergessen.
sin wip, von der ich wart geborn, Seine Frau, die mich gebar,
durch minne ein sterben nach im kos, sehnte sich, als sie seine Liebe verloren hatte,
do si minne an im verlos. aus Liebe nach ihm in den Tod.

750 22-26


Belacane starb also aus übergroßem seelischen Schmerz und gebrochenem Herzen, wahrscheinlich von eigener Hand. An diesem Motiv des Nachsterbens der Frau, nachdem sie einen oder mehrere geliebte Menschen verloren hat, zeichnet sich die Intensität der Gefühlsbindung sehr deutlich ab.

Literatur


Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach, in: Sammlung Metzler. Realien zur Literatur, 6 Bde., J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, Stuttgart 1991.


Hatheyer, Bettina: Gahmuret und Belacane. Gescheiterte Liebe wegen verschiedener Konfessionen?, in: Müller, Ulrich; Springet, Margarete (Hrsg.): Paare und Paarungen. Festschrift für Werner Wunderlich zum 60. Geburtstag, Verlag Hans-Dieter Heinz Akademischer Verlag Stuttgart 2004, S. 219-229.


[Dallapiazza 2009] ^ Dallapiazza, Michael: Wolfram von Eschenbach: Parzival, Berlin 2009


Masser, Achim: Gahmuret und Belakane. Bemerkungen zur Problematik von Ehehschließung und Minnebziehung in der höfischen Literatur. In: Paola Schulze-Belli und Michael Dallapiazza (Hrsg), Liebe und Aventiure im Artusroman des Mittelalters. Beiträge der Triester Tagung 1988.


  1. Alle Zitate folgen der Ausgabe: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann, übers. von Dieter Kühn, 2 Bde., Frankfurt a. M. 2006