Der religiöse Leitgedanke (Wolfram von Eschenbach, Parzival)

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Ein immer wiederkehrendes Thema in Wolframs von Eschenbach Parzival ist der Glaube. Vor allem wird der Glaube in Bezug zur Titelfigur, Parzival, oft thematisiert, besonders in der Episode mit Trevrizent, als Parzival seine erste wirkliche religiöse Unterweisung erhält. Allerdings ist es trotz der Glaubensthematik sehr schwierig, einen religiösen Leitgedanken, eine Anweisung zum rechten Leben, im Parzival zu finden und falls es ihn gibt, dann regt sich nun mehr die Frage, inwieweit die Figuren diese Maßstäbe befolgen.[Dallapiazza 2009]:Vgl. S. 86

Cundrie

Die erste Begegnung

Nach Parzivals Versagen auf der Gralsburg gelangt er im Wald wieder an den Artushof und darf dort an der provisorischen Tafelrunde speisen, als plötzlich die Gralsbotin Cundrie erscheint und ihn schwerer Charakterschwächen bezichtigt. Hier klingt zum ersten Mal so etwas wie ein Leitgedanke an, als Cundrie ihm Undankbarkeit und einen gewissen Egoismus vorwirft. (316,1-10) [1] Man kann erkennen, dass Cundrie eine grundlegende Charaktereigenschaft bei Parzival anklagt, welche ihn der Hölle nahe bringt. Dies könnte ein Fingerzeig darauf sein, wie es sich als christlicher Mensch geziemt zu verhalten und dementsprechend zu handeln.

Die zweite Begegnung

Cundries zweiter Auftritt beinhaltet Parzivals Berufung zum Gralskönig und versetzt diesen in ein Gefühl großer Dankbarkeit und Freude. In ihrer Rede erklärt die Gralsbotin, dass Parzival durch den Gral von der ungenuht ("nimmersatte Gier", 782,23) befreit sei und spielt damit indirekt auf eine seiner großen Schwächen, die Gier nach Ruhm, an. Sie gesteht aber in gewisser Weise auch ein, dass sich Parzival diese Position und den damit verbundenen Seelenfrieden auf seine Art erkämpft habe. (Vgl. 782,29-30)

Trevrizent

Die erste Begegnung

Parzival gelangt zu Trevrizent während seiner Suche nach der Gralsburg und einer zweiten Chance. Hier erklärt er dem asketischen Einsiedler, dass er sich von Gott losgesagt hat und einen Groll gegen ihn hegt, da er sich von ihm im Stich gelassen fühlt. (461,9-10) Trevrizent meint, ebenso wie Cundrie, bei Parzival schwere charakterliche Schwächen festzustellen und zeichnet ihm darüber hinaus ein vernünftiges Gottesbild, welches sich von Parzivals übersteigert kindischer Vorstellung unterscheidet. Die Essenz seiner Rede an Parzival gilt der diemüete (Demut), welche er Parzival sehr ans Herz legt, denn der selbstgefällige Titelheld glaubt mit seiner Kampfesgier und seinem Ritterdasein höchsten Respekt verdient zu haben. So merkt Trevrizent eben diese Schwäche Parzivals, die hôchvart (Hochmut), an, da sie Gott missfällt und ihn ungünstig stimmt. Der Einsiedler sagt Parzival gegenüber deutlich, dass Reue und Demut der Weg zu Gott sind und, dass diese Tugenden von ihm immer positiv aufgenommen werden. (466,11-14) Dagegen muss Stolz immer abstürzen und markiert den Weg, welcher sich von Gott entfernt. (472,17) So räumt Trevrizent mit Parzivals Gedanken vom untreuen Gott, welcher seine Anhänger nichts würdigend allein lässt, auf und eröffnet ihm die neue Perspektive der Demut und der Reue, die erst die Basis für eine Vertrauensverhältnis zwischen Gott und dem Gläubigen sein können.[Bumke 2004]:Vgl. S. 134

Die zweite Begegnung

Als Parzival zum zweiten Mal zu Trevrizent gelangt, ist einiges in der Zwischenzeit passiert. Parzival ist mittlerweile Gralskönig, nachdem er seinem Oheim Anfortas endlich die entscheidende Frage gestellt hat und er hat seinen Halbbruder Feirefiz gefunden. Interessant ist aber, dass Parzival sich nicht an Trevrizent Lehre von der Reue und Demut hält, sondern stur weiterhin seinen Weg geht und es am Ende tatsächlich schafft, nach unzähligen Kämpfen, das Gralsrittertum zu erringen. Seinen Hochmut hat er dabei auch kaum verloren, denn noch nach dem Kampf mit Feirefiz lässt er eine Reihe großer Siege verbal vom Stapel. (771,23f.) Der Einsiedler äußert sich dazu, im allgemeinen Freudentaumel über Anfortas‘ Genesung, eher zurückhaltend und meint, dass bei Gott vieles im Verborgenen liege (got vil tougen hât, 797,23).

Fazit

Die Frage nach dem Leitgedanken lässt sich nur schwer klären. Zwar ist der Roman gefüllt mit religiösen Thematiken und Diskursen zu Charakterfragen, aber ein echter religiöser Leitgedanke, welcher ein rechtes, gottesnahes Leben anleitet, wird noch am ehesten von Trevrizent vermittelt. Trevrizent und Cundrie erkennen Parzivals charakterliche Schwächen, seinen Egoismus, seine Gier nach Ruhm und ritterlichem Kampf und sehen sein erstes Scheitern auf der Gralsburg als direkte Konsequenz davon. Die verpasste Frage hat für beide eine tief religiöse Bedeutung.[Schirok 2011]:Vgl. S. 391 Für Trevrizent ist Parzivals fehlerbehafteter Charakter das Problem bei seiner Beziehung zu Gott. Er formuliert darauf die diemüete als hohe Tugend vor Gott und bringt Parzival eine demütige und dankbare Verhaltensweise nahe.[Bumke 2004]:Vgl. S. 134 Dies wirkt wie ein religiöser Leitgedanke, doch relativiert ihn Wolfram durch den weiteren Verlauf der Handlung. So ändert Parzival kaum etwas an seinem Lebensstil, er versucht immer noch kämpfend zum Gral zu gelangen und sich als bester, ruhmreichster Ritter hervorzutun. Als er am Ende auf eben jene, seine Art, wirklich Gralskönig wird, müssen das Cundrie und Trevrizent demütig eingestehen, so bleiben sie auf jeden Fall ihrem Leitgedanken treu, bei Parzival ist das am Ende immer noch die Frage.

Quellennachweis

  1. Alle Versangaben beziehen sich auf die Ausgabe: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Mit einer Einführung zum Text der Lachmannschen Ausgabe und in Probleme der 'Parzival'-Interpretation von Bernd Schirok, 2. Aufl., Berlin/New York 2003.

Forschungsliteratur

[Bumke 2004] ^ 1 2 Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach, 8. Auflage, Stuttgart/Weimar 2004

[Dallapiazza 2009] ^ Dallapiazza, Michael: Wolfram von Eschenbach: Parzival , Klassiker Lektüren 12, Berlin 2009

[Schirok 2011] ^ Schirok, Bernd: IV. Themen und Motive, 5. Religion, in: Heinzle, Joachim: Wolfram von Eschenbach, Ein Handbuch, Band I, Berlin 2011, S. 388-394