Der Königinnenstreit (Nibelungenlied)

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Kurze Zusammenfassung des Königinnenstreits

Der Streit der Königinnen wird in der 14. Aventiure des Nibelungenlieds ausgetragen. Kriemhild und Brünhild geraten, während sie bei einem Turnier zusehen, in einen Streit über den Rang ihrer Ehemänner, der seinerseits aus der Schemaüberkreuzung der Brautwerbung und der damit verbundenen Zeichenhaftigkeit resultiert. Für den weiteren Verlauf der Handlung stellt der Königinnenstreit ein richtungsweisendes und bedeutungsträchtiges Element dar.


Allgemeine Informationen zu den Königinnen

Figur der Brünhild

Brünhild von Isenstein wird als beinah unmenschlich anmutende Frau eingeführt, welche hauptsächlich durch ihre enorme physische Stärke, aber auch durch ihre beindruckende Schönheit, charakterisiert wird: „ir gelîche enheine man wesse ninder mê, / diu was unmâzen schœne. vil michel was ir kraft.“ (Str. 324[1]). Die Kombination der Eigenschaften Kraft und Schönheit zeichnet Brünhild zu einem einzigartigen Frauenbild aus. Damit steht sie im Kontrast zu ihrer Rivalin Kriemhild, welche ausschließlich durch ihre überragende Schönheit definiert wird und einer männlichen Autoritätsperson bedarf, um agieren zu können. Brünhild hingegen wird als Alleinherrscherin über ihr Königreich in Island eingeführt und repräsentiert Unabhängigkeit, Autonomie und Selbstbewusstsein. Ihr kämpferisches und politisches Auftreten bricht mit dem vorherrschenden Stereotyp der Frau, was ihre Bezeichnung als Teufelsweib zur Folge hat („die ist des tîvels wîp.“ (Str. 436)). Brünhild schreckt nicht vor Gewalt zurück, um ihren Willen durchzusetzen. Sie widerspricht den höfischen Konventionen der Minne, als sie ihren Ehegatten eigens wählt: Da sie unbestrittenermaßen die stärkste Frau weit und breit ist, möchte sie sich ausschließlich mit jemandem Ebenbürtigen vermählen. Das Kriterium der Brautwerbung muss im Kampf bestanden werden: Besiegt der Werbende Brünhild, darf er sie zur Frau nehmen. Verliert er jedoch, droht ihm der Tod.

Brünhilds Aktionsbereich beschränkt sich ausschließlich auf den Hof: Eingeführt in ihrem eigenen Hof auf Isenstein, verbringt sie ihr Leben nach der Heirat auf dem Hof der Burgunden in Worms. Während Brünhild den Konventionen einer Frau im höfischen Kontext in Isenstein widerspricht, indem sie dort als alleinstehende Alleinherrscherin regiert und als gewaltbereite Kriegerin auftritt, entspricht sie diesen Konventionen als Gattin König Gunthers auf seinem Hof in Worms: Dort gibt sie ihre politische und soziale Autonomie auf und besitzt nur beschränkt Macht. Zudem ist sie wehrlos in dem Netz aus Lügen gefangen, welches ihr Gatte und Siegfried spinnen. Dieses Lügennetz beinhaltet die sogenannte Dienstmannslüge und Brünhilds gemeinschaftliche Vergewaltigung. Mit beiden Taten soll Brünhild die Überlegenheit Gunthers vor Siegfried und dessen Kraft bewiesen werden.

Als es zum Königinnenstreit zwischen Brünhild und Kriemhild kommt, wird ersichtlich, dass sich Brünhild nach ihrer Heirat nicht mehr durch ihre eigene physische sowie mentale Stärke und Autonomie definiert, sondern durch die hierarchische Stellung ihres Mannes. Durch diese bestimmt sie ihren eigenen Selbstwert, wie es den damaligen sozioökonomischen Normen entspricht.

Vor dem Streit nimmt Brünhild eine aktive Rolle im Handlungsverlauf der Sage ein und wirkt ausschlaggebend auf das Geschehen ein. Nach Siegfrieds Tod tritt sie in den Hintergrund und verhält sich passiv.


Figur der Kriemhild

Bei Kriemhild handelt es sich um die Tochter der Königin Ute und des verstorbenen Dankrats (vgl. Str. 5) und die Schwester von Gunther, Gernot und Giselher (vgl. Str. 2). Zusammen mit ihrer Familie lebt sie im Burgundenland (vgl. Str. 1). Kriemhild wird als Frau beschrieben, welche durch ihre unendliche Schönheit gekennzeichnet ist (Vgl. Str. 1). Zunächst nimmt sie sich vor sich nie zu verlieben, um niemals Leid durch einen Mann zu erfahren (vgl. Str. 13). Doch dann trifft sie auf Siegfried und verliebt sich in ihn (vgl. Str. 291). Bereits zu Beginn des Nibelungenlieds verweist der Falkentraum Kriemhilds auf eine tragische Entwicklung dieser Liebesgeschichte (vgl. Str. 7). Später wird Kriemhild die Ehefrau von Siegfried. Somit weiß sie von der Standeslüge, welche Siegfried und Gunther Brünhild aufgetischt hatten, um Gunther mit Brünhild vermählen zu können.

In dem Gespräch mit Brünhild beginnt sie das Thema auf ihre ruhmreichen Ehemänner zu lenken. Dadurch entsteht ein Konflikt der beiden Frauen, welcher der Ehemänner mehr Macht habe. Kriemhild beharrt darauf, dass beide Männer gleichgestellt seien, während Brünhild aufgrund der Standeslüge glaubt, dass Siegfried ein Leibeigener Gunthers sei. Durch Brünhilds Anschuldigungen wird Kriemhild zornig. Daraufhin geht sie strategisch vor und argumentiert für ihre Stellung. Sie merkt an, dass Siegfried als Leibeigener Gunthers Abgaben hätte tätigen müssen, was er allerdings nicht getan hat. Kriemhild treibt den Streit weiter und droht Brünhild an, vor ihr in das Münster einzutreten. So kommt es dazu, dass beide Frauen sich vor dem Münster antreffen und ihren Streit dort in aller Öffentlichkeit weiterführen. Kriemhild bezeichnet ihre Gegenspielerin als „kebse“ (Str. 835), woraufhin diese einen Beweis für diese Anschuldigung fordert. Daraufhin verweist Kriemhild auf Ring und Gürtel, die sie trägt. Diese Besitztümer hatten zuvor Brünhild gehört. Als Siegfried Brünhild im Bett überwältigt hat, nahm er diese Gegenstände mit. Somit dienen diese als Beweis, für Kriemhilds Anschuldigungen. Brünhild fängt an zu weinen. Durch die Aussagen Kriemhilds, dass ihr Ehemann mit Gunther gleichgestellt sei entfacht der Streit der beiden Königinnen erst. Sie führt den Streit immer weiter und stellt Brünhild in der Öffentlichkeit bloß, sodass der Streit eskaliert. Durch die Folgen des Streits verliert Kriemhild ihren Ehemann und wird daraufhin zur trauernden Witwe. Ihren Brüdern scheint sie die Ermordung Siegfrieds zu verzeihen, an Hagen übt sie allerdings Rache aus.

Ablauf des Streits

Entscheidend für die Darstellung des Streits ist die Unterscheidung zwischen Direktheit (Gesagtes benötigt keine Interpretation) und Indirektheit (Gesagtes benötigt Interpretation durch den Hörer). Indirektheit verweist auf die stärkere Position innerhalb des Konflikts, während die schwächere Position sich entweder durch den Versuch auszeichnet, durch Verstärkung der Indirektheit die Oberhand zurückzugewinnen oder durch Direktheit die untergeordnete Position akzeptiert.[Bryan 2012]:349

Kriemhild wird zur auslösenden Instanz des Streits: „ich hân einen man, / daz elliu disiu rîche ze sînen handen solden stân.“ (Str. 812). Brünhild fasst ihre Aussage als Bedrohung auf und antwortet gleichermaßen aggressiv und indirekt, dass dies niemals geschehen könne, solange Gunther lebe (Vgl. Str. 813). Ihr Versuch, in der Auseinandersetzung die Überhand zu gewinnen, schlägt fehl, da Kriemhild ihre Indirektheit auf eine neue Ebene hebt, indem sie sich so verhält, als habe Brünhild überhaupt nicht gesprochen.[Bryan 2012]:360 Die Implikation, dass Siegfried besser sei als Gunther, drängt Brünhild in eine defensive Position. Kriemhild hält ihre indirekte Position aufrecht und drängt Brünhild in zwei volle Strophen direkter Rede. In diesen Strophen erklärt Brünhild, dass sie Siegfried als Leibeigenen Gunthers sieht, weil Siegfried selbst gesagt habe, er wäre es (Vgl. Str. 818). Durch den Streit der Königinnen steht die Struktur, aus der heraus die Königinnen ihre und die Stellung ihrer Ehemänner legitimieren, auf dem Spiel.[Bryan 2012]:361 Gefolgt von Brünhilds Direktheit behält Kriemhild ihre Indirektheit bei. Sie fragt, warum, wenn Siegfried Gunthers Leibeigener sei, sie nie Abgaben entrichten mussten (Vgl. Str. 822). Eine Frage, die Brünhild sich selbst bereits gestellt hat (Vgl. Str. 721).

Der Königinnenstreit findet seinen Höhepunkt, als Kriemhild verkündet, dass sie die Kirche vor Brünhild betreten wird, eine Geste, die Kriemhilds höheren Status unterstreichen würde. Dadurch zwingt Kriemhild Brünhild vollständig in die Defensive. Wenn sie die Kirche betritt, ohne Kriemhild die Chance zu geben, die Kirche zuerst zu betreten, würde sie Kriemhild die Chance nehmen, einzulenken. Daraus resultierend kann Brünhild lediglich abwarten. Kriemhild nutzt die Gelegenheit und wendet sich mit einer indirekten und aggressiven Frage an Brünhild: „kundestu noch geswîgen, daz wære dir guot. / du hâst geschendet selbe den dînen schœnen lîp. / wi mohte mannes kebse werden immer küniges wîp?“ (Str. 836). Brünhild ruft ihre eigene, wenn nicht aggressive, zumindest aber empörte Indirektheit auf, wenn sie fragt: „Wen hâstu hie verkebset?“ (Str. 837). Das darf nicht als Widerspruch dazu verstanden werden, dass die schwächere Position innerhalb des Konflikts sich auf Direktheit beruft, viel eher wurde Brünhild in höchstem Maße in die Defensive gedrängt, sodass sie zu verzweifelten Mitteln greift.[Bryan 2012]:362 Kriemhild spricht daraufhin direkt aus, was sie zuvor nur angedeutet hat: „den dînen schœnen lîp, / den minnet êrste Sîfrit, der mîn vil lieber man. / jâne was ez niht mîn bruoder, der dir den magetuom angewan.“ (Str. 837). Brünhild ist nun vollständig entwaffnet und Kriemhild betritt die Kirche vor ihr.

Nach dem Gottesdienst unternimmt Brünhild einen letzten verzweifelten Versuch, ihren verlorenen sozialen Status zu retten. In direkter Rede fordert sie von Kriemhild Beweise für ihre zuvor getroffenen Aussagen (Vgl. Str. 843). Kriemhild behält ihre indirekte Aggression bei, wenn sie ihre Attacke mit einem indirekten einleitenden Element versieht, ehe sie den Ring und den Gürtel physisch präsentiert: „ir mohtet mich lâzen gân.“ (Str. 844). Brünhild ist besiegt, aber ihre Niederlage ist weitreichender, als es zunächst den Anschein hat. Die gesamte Sozialstruktur, auf der das Königreich fußt, ist ins Wanken geraten. Wenn sie bewahrt werden soll, muss Siegfried den Tod finden.[Bryan 2012]:363 Für Gunther ist die Angelegenheit erledigt, als Siegfried schwört, Kriemhild gegenüber nie behauptet zu haben, Brünhild sei seine „kebse“ (Str. 836). Doch nicht für alle Untertanen ist die Kränkung der Königin bereinigt. Hagen will sich dafür rächen und bedrängt Gunther, Siegfried zu töten.

Stellung der Zeichen im Königinnenstreit

Der Höhepunkt des Königinnenstreits zwischen Brünhild und Kriemhild wird durch die öffentliche zur Schaustellung der Zeichen - Gürtel und Ring - erreicht. Letztere nehmen eine wichtige Stellung ein und führen schlussendlich zur Zerrüttung des Verhältnisses der beiden Königinnen. Der Gürtel und der Ring sind ein Symbol des Sieges und der Überlegenheit Siegfrieds und somit auch Kriemhilds. Diese Information wird Brünhild in einem öffentlichen Raum demonstriert, indem Kriemhild den Ring und den Gürtel unter aller Augen beim Einzug in die Kirche trägt. Diese Situation führt schlussendlich zu einem Widerspruch, da die wahrgenommene Realität und Überzeugung der Machtstellung Brünhilds und somit auch Gunthers mit der zur Schaustellung der Zeichen kollidiert. [Müller 1998]:272

Seit der Brautwerbung Brünhilds in Isenstein wird Gunther als oberster Machthaber und Siegfried als dessen Untergebener inszeniert. Das bedeutet, dass für die Gesellschaft Isensteins und somit für die Realität Brünhilds ein fester Rahmen mit bestimmten Zeichen Geltung findet. Damit in Worms Brünhilds Realität bestehen bleibt, wird Siegfrieds Ergebenheit mehrfach vorgetäuscht. [Müller 1998]:270 An dieser Stelle wird deutlich, dass die Wormser Realität manipuliert wird, damit Brünhild nicht auf den Betrug aufmerksam wird. Erst durch das Miteinbeziehen des öffentlichen Raumes werden die Zeichen – Gürtel und Ring - rechtskräftig, weshalb sie von Brünhild nicht weiter fehlgedeutet werden können. [Müller 1998]:272 Demnach funktionieren die „Zeichen […] immer nur in einem bestimmten sozialen Rahmen mit bestimmten Konventionen […]“. [Müller 1998]:271

Die Zeichen und Worte, die Brünhild in Isenstein kennengelernt hat und Geltung haben, stimmen nicht mit den Zeichen in Worms/ Xanten überein, bzw. sind diesen entgegengesetzt: Siegfried herrscht als König vs. Siegfried ist Gunthers Dienstmann. [Müller 1998]:272 Diese beiden Realitäten werden immer wieder einander gegenübergestellt und Brünhild sucht bis zuletzt herauszufinden, welche der beiden wahr ist. Brünhild kann durch Worte keine Wahrheit finden, weshalb sie sich auf Zeichen verlassen muss, die wiederum keine Verlässlichkeit bieten und für Verwirrung sorgen. [Müller 1998]:271 Im Königinnenstreit stellt sich letztendlich diejenige Realität für die Allgemeinheit als wahr heraus, in der Siegfried als König und Kriemhild als Königin gelten. Die ebenbürtigen Machtverhältnisse werden vor aller Augen offengelegt und finden somit Rechtskräftigkeit, weshalb der Königinnenstreit einen Wendepunkt darstellt und als Konsequenz tragische Handlungen nach sich zieht.


Literaturverzeichnis

  • [Bryan 2012] ^ 1 2 3 4 5 Bryan, Eric Shane: Indirekt Aggression: A Pragmatic Analysis of the Quarrel of the Queens in Völsungasaga, Þiðreks Saga, and Das Nibelungenlied. In: Neophilologus 97 (2013), S. 349-365.
  • [Müller 1998] ^ 1 2 3 4 5 6 Müller, Jan-Dirk: Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes, Tübingen 1998.

Textausgaben

  • Dieser Artikel zitiert das Nibelungenlied in Strophenform nach der Textausgabe hg. von Ursula Schulze, die von Siegfried Grosse ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert wurde, vgl. hierzu [Nibelungenlied 2004].