Das Zauberhündchen Petitcreiu (Gottfried von Straßburg, Tristan)

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Das Hündchen Petitcreiu ist ein kleines, buntschillerndes Wunderwesen, welches über magische Kräfte verfügt und damit die beiden Protagonisten auf unterschiedliche Weise beeinflusst. Zwar taucht ein solches Tier auch in Thomas' altfranzösischer Tristanfassung auf. Gottfried schmückt die Episode jedoch auf ganz eigene Weise aus und kreiert eine vielschichtige, präfigurierende Metaphorik, wodurch Petitcreiu exemplarisch für das dem Werk zu Grunde liegende Leitmotiv steht.[1]

Das Hündchen Petitcreiu, Holzschnitt aus dem Jahre 1448 von Anton Sorg from Augsbourg


Petitcreiu-Episode

Petitcreiu taucht in Gottfrieds von Straßburg Tristan an drei Stellen der Dichtung auf, die jeweils eine logische Einheit darstellen. Zum ersten Mal begegnet Tristan dem Hündchen am Hofe Gilans, des Herzogs von Swales, wo er seit seiner Flucht aus Cornwall lebt (V. 15796-15914). Von dessen wundersamer, schmerzstillender Wirkung fasziniert, beschließt er, es Gilan mittels einer List abzugewinnen und Isolde zukommen zu lassen, um so auch ihren Liebeskummer zu lindern. Er kämpft daraufhin mit dem Riesen Urgan und fordert nach erfolgreichem Kampf das Zaubertier als rechtmäßige Belohnung ein. Mit Hilfe eines als Boten fungierenden Spielmanns sendet er das Tier schließlich zu Isolde nach Tintajol (V. 16225-16300). Diese wiederum gibt vor, das Hündchen von ihrer Mutter aus Irland geschenkt bekommen zu haben. Im weiteren Verlauf nimmt Isolde Petitcreiu sorgsam bei sich auf und führt ihn immer mit sich (V. 16333-16402). Als sie sich jedoch der die Liebe zu Tristan gefährdenden, weil Erinnerung auslöschenden Zauberkraft Petitcreius bewusst wird, zerreißt sie das ihm umgebundene Glöckchen, um dessen Wirkung irreversibel zu zerstören.
Es ist wahrscheinlich, dass Petitcreiu ebenfalls in Gottfrieds Vorlage, der Saga Thomas', auftaucht, sein eigentümlicher Stellenwert sowie die besondere Gestaltung der Petitcreiu-Episode insgesamt sind jedoch Gottfrieds individuelle Konzeption[Gnaedinger]:S. 26.

Herkunft

Bereits mit der Einführung Petitcreius als herze spil von Avaliu (V.15.798)[2], welcher dem Herzog ûz Avalûn, der feinen lant, von einer gottinne durch libe und durch minne (V. 15.808-15.810) zugesandt worden ist, wird die überirdische, geheimnisvolle Herkunft des Tieres thematisiert und in der folgenden, sehr ausführlichen Darstellung weiter konkretisiert. Seine offensichtliche Zugehörigkeit zur magischen Welt ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Bedeutung Petitcreius symbolisch zu interpretieren ist. Seinen ersten Auftritt hat Petitcreiu in einem Moment, in welchem Tristan aufgrund seiner Entfernung zu Isolde tiefen Liebeskummer empfindet und durch ein unwillkürliches Aufseufzen Gilan auf seine Betrübtheit aufmerksam macht. Daraufhin lässt dieser sich sein Hündchen bringen, welches dank seiner bezaubernden Wunderkraft (vgl craft V.15.813 ; daz was gefeinet V.15.806) unmittelbar dazu in der Lage ist, Tristan von seinem Schmerz zu befreien und ihn seinen Liebeskummer vergessen zu lassen (und nam im sîne triure V.15.873). Dadurch und durch seine Herkunft aus dem Feenreich als Werk einer Göttin ist das Hündchen mitsamt seiner Wirkung eindeutig als Symbol der Minne zu verstehen[Hahn]:S. 91, wobei sich diese auf die beiden Protagonisten in ganz unterschiedlicher Weise auswirkt.

Aussehen und Eigenschaften

Der Erzähler gibt zu Beginn seiner Beschreibungen des wunderlichen äußeren Erscheinungsbildes des Zauberhündchens klar zu erkennen, dass seine Farbe und Zauberkraft so außergewöhnlich sind, daz zunge nie so redehaft, noch herze nie sô wîse wart, daz sîne schoene und sîn art kunde beschrîben oder gesagen. (V. 15814-15817). Durch das Aufgreifen dieses Unsagbarkeitstopos wird das Außerordentliche, das Fremdartige, das Exorbitante des Zauberhündchens in seiner Komplexität noch um ein Vielfaches gesteigert und kristallisiert damit die bedeutungsschwere Symbolhaftigkeit heraus. Schon sein Name Petit Creiu, kleine Kreatur, deutet die Unbeschreiblichkeit dieses Geschöpfs an. "Die fabelhaften Eigenschaften des Zauberhundes entziehen sich menschlicher Beschreibungskraft und Weisheit. Er ist nicht darstellbar und namenlos: der Name >Petit-Criu< - >kleine Kreatur< - ist nur eine Umschreibung (...)."[Philipowski]:S. 31, also lediglich ein Platzhalter für eine Erscheinung, die gemeinhin nicht in Worte zu fassen ist. Nachdem Gottfried diese eigentliche Unbeschreiblichkeit quasi rechtfertigend vorausgestellt hat, wagt er dennoch den Versuch einer detaillierten Präsentation.
Neben der absoluten Bedürfnislosigkeit und anderen extraordinären Verhaltensweisen[3] werden mittels ihrer Deskription zwei konkrete Eigenschaften des Aussehens besonders hervorgehoben, zum einen das einzigartige Farbenspiel des Fells, zum anderen die ihm umgebundene kleine Glocke (vgl. V. 15813).

Die Fellbeschaffenheit

Den optischen Eindruck des farbenprächtigen Fells beschreibt Gottfried mit ausdrucksstarken, beinahe hyperbolischen Vergleichen, benennt detailliert jeden Aspekt der mannigfaltigen Färbung und präzisiert Petitcreiu somit zu einem wunderprächtigen Geschöpf. Das Außergewöhnliche des bunten Fells liegt in dem Zusammenspiel der einzelnen Farbkomponenten, die auf so fremdartig kunstvolle Weise ineinander übergehen und sich vollkommen miteinander vermischen, dass es weder grüene noch rôt noch wîz noch swart noch gel noch blâ und doch ein teil ir aller dâ (V. 15834-15836) erscheint. Zu allem Überfluss schimmert es verschiedenfarbig und rehte purpurbrûn (V.15.837) und erweckt so den Eindruck einer göttlich-sakralen, förmlich erleuchtenden Erscheinung. "Hier ist ästhetisch erreicht, was in der höchsten Form idealer Minne Ereignis wird: ein unlösbares verfließendes Ineinander isolierter Phänomene."[Hahn]:S. 91 Jede der Einzelheiten fügt sich also derart harmonisch in ein vielfältiges Geflecht der intensivsten Farben, dass sie nicht mehr in ihrer jeweiligen Isolation, sondern in ihrem Zusammenspiel nur als vollständige Einheit erkennbar sind. Des Weiteren wird durch die seidig weiche Beschaffenheit des Fells auch die haptische Perzeption angesprochen, welche das Gesamtbild um diese konkret stoffliche Ebene komplettiert.

Das Zauberglöckchen

Analog zu der optischen Aufhebung der "Vereinzelung des Seienden"[Hahn]:S. 91 durch die eigentümliche Fellfarbe, symbolisiert das akustisch wahrnehmbare, süße Geläut des Glöckchens, welches Petitcreiu an einem Kettchen aus Gold um seinen Hals trägt, die aus dieser Aufhebung resultierende, schmerzstillende Kraft, welche Tristan seinen durch die Trennung bedingten Liebeskummer vergessen lässt.


dar an sô hienc ein schelle
sô süeze und sô helle,
dô ez sich rüeren began,
der trûaere tristan
daz er sîner âventiure
an sorge unde an triure
ledic und âne gesaz
unde des leides gar vergaz,
daz in durch Îsote twanc.
(V. 15847-15855)


Dieser helle Klang des Glöckchens ist in seiner Wirksamkeit sogar um einiges intensiver als die lindernde Kraft menschlich erzeugter Musik, die im Tristan einige Male erwähnt wird. Während zweiteres zwar den Rezipienten in eine "vage-melancholische[...] Versunkenheit oder betörte[...] Benommenheit"[Gnaedinger]:S. 73 zu versetzen in der Lage ist, gelingt dem Glöckchenklang darüberhinaus für gewöhnlich die vollständige Befreiung von andauerndem Liebeskummer und schmerzhafter Erinnerung. Allerdings kann dieser Schellenklang nur dann seine volle Wirkung entfalten, solange es unmittelbar anwesend ist. Sobald es sich von Tristan entfernt, überkommt diesen mit der zuvor verdrängten Erinnerung an Isolde wieder die mittlerweile noch verstärkte Traurigkeit. Dem Effekt des Glöckchens wohnt also demnach ein gewisses Suchtpotenzial inne. Dies bezeugt auch Gilan insofern, als dass er Tristan als Belohnung für dessen Sieg über den Riesen zunächst seine Schwester und die Hälfte seines Besitzes anstelle des Zauberhündchens anbietet, da ihm außer seinem eigenen Leben und seiner Ehre nichts so lieb ist, wie dieses (daz beste mîner ougen spil und mînes herzen wunne vil. V. 16261-16262).

Symbolik

Diskrepante Auswirkung auf die Liebenden

Bereits weiter oben wurde die hohe Symbolik angedeutet, welche das Zauberhündchen als allegorischer Inbegriff der Minnebeziehung zwischen Tristan und Isolde besitzt. Obwohl die beiden Protagonisten in diskrepanter Weise auf das Tier reagieren, veranschaulicht gerade diese voneinander abweichende Wahrnehmung den symbolischen Sinngehalt.
Während Tristan durch die bezaubernde Wirkung des Glockenklangs die absolute Erlösung jeglicher Erinnerung an Isolde und damit einhergehend des Liebeskummers erfährt, und es ihr daraufhin in einem klaren Moment zukommen lässt, um auch sie den Genuss des Vergessens spüren zu lassen, fürchtet Isolde vielmehr die Linderung ihres Trennungsschmerzes, da sich analog zu ihrer Unbekümmertheit Tristans Freude in Kummer verkehrt (vgl. V. 16359-16387). Mit ihrer rhetorischen Frage "ohî ohî! und vröuwe ich mich, wie tuon ich ungetriuwe sô?" (V. 16378-16379) bezeichnet sie sich in ihrer monologische Klage bereits selbst als Treulose und verzichtet somit auf die verführerische Wirkung, indem sie Petitcreiu das Glöckchen vom Hals bricht, wodurch die Kette al ir reht und al ir craft (V. 16391) verliert.

Beiden Verhaltensweisen, so unterschiedlich sie auch ausfallen, liegt der gleiche Grundgedanke von Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit zugrunde. Tristan möchte Isolde unter Einsatz seines Lebens die gleiche Freude an dem Zauberhündchen gewähren, die auch ihn all seine Qualen vergessen ließ. Solange er nicht in der Bannkraft des Glöckchens, also in seiner die Erinnerung ausklammernden Isolation verweilt und sich der Liebe zu Isolde entsinnt, handelt er absolut solidarisch und verzichtet ihres Wohlergehens wegen auf die eigene Schmerzlinderung. Bevor Isolde jedoch ihrerseits der vollen Wirkung des Zauberglöckchens erliegen und in der Erinnerungslosigkeit Befreiung des Trennungsschmerzes erfahren kann, beginnt sie eindringlich zu reflektieren und vergrößert dadurch ihren Liebeskummer in ähnlichem Maße, wie es bei Tristan nach dem Einfluss Petitcreius der Fall ist. Da sie sich auch über die Distanz hinweg dermaßen mit Tristan verbunden fühlt, dass sie keine Freude empfinden kann, wenn dieser zur gleichen Zeit leidet, zerstört sie irreversibel die magische Kraft der Glocke. Solange die beiden Liebenden also völlig Herr ihrer Sinne sind und nicht, wie Tristan, zeitweise unter betörendem Einfluss stehen, fühlen sie sich selbst über die Entfernung hinweg miteinander verbunden und manifestieren dies mittels ihrer jeweiligen Gestik: Tristan verzichtet zugunsten Isoldes auf eine Fortsetzung des schmerzbefreiten Zustandes, Isolde bekräftigt die währende Treue, indem sie das Geschenk verschmäht und entsprechend gar nicht erst in den unkontrollierbaren Strudel des Vergessens gerät. "Das Wunderhündchen wird [dadurch] zum Sinnbild nicht nur der gegenseitigen Minne, vielmehr auch zum Inbegriff der beidseitigen Selbstlosigkeit und zu einem Bild der steten Vermischung von Minne und Leid"[Gnaedinger]:S. 27
Wie lässt sich nun aber erklären, dass das Zauberglöckchen überhaupt einen derartigen Effekt auf Tristan ausüben kann, während die Reaktion Isoldes doch eindeutig konsequente Standhaftigkeit als frei wählbare Option vorführt? Offensichtlich kann die gegenseitige Minne, die aufgrund der lokalen Entfernung der Liebenden nur auf gemeinsamen Erinnerungen aneinander beruht, lediglich dann selbstlos und leidvoll sein, wenn beide klaren Verstandes sind. Das Zauberglöckchen jedoch, dessen Erscheinung alle Sinne anspricht, ist "in seiner magischen Präsenz die Ikone einer haptisch-sensorischen Unmittelbarkeit, die alle Abstraktion (und die abstrakteste aller mentalen Leistungen ist Erinnerung) zu verdrängen vermag, also keinen Raum lässt für Ungegenwärtiges, Vermitteltes."[Philipowski]:S. 32 Tristan ist bereit, sich dem durch Petitcreiu ausgelösten Vergessen hinzugeben, während Isolde der unmittelbaren Gegenwärtigkeit mit Reflexion entgegentritt und somit weit rationaler agiert.

Vorausdeutende Symbolik

Obwohl die Petitcreiu-Episode relativ isoliert in den Gesamtzusammenhang eingeschoben und vordergründig nicht konstitutiv an der Handlungsabfolge beteiligt scheint, ist sie auf symbolischer Ebene von umso größerer Bedeutung und kündigt die zentrale Problematik der Liebe zwischen Tristan und Isolde und das daraus zwangsläufig resultierende Scheitern bereits an. Denn nicht etwa personales Versagen oder falsches Verhalten, die generelle Gefahr der Vergänglichkeit der Liebe oder der gesellschaftliche Druck sind letztlich ausschlaggebend für das tragische Ende ihrer Liebesbeziehung, vielmehr ist ihr mittels der jeweils unterschiedlichen Reaktionen auf Petitcreiu bereits indizierten, diesbezüglich grundlegend antagonistisches Wesen dafür verantwortlich. Das Zaubertier verkörpert demnach zwei komplementäre Instanzen, die einerseits Tristan über die Erinnerung und andererseits Isolde über das Vergessen siegen lassen. Tristan ist nicht in der Lage, das mentale Bild von Isolde in seiner Erinnerung zu wahren, da für ihn mit einer räumlichen Distanz zu Isolde auch zugleich eine psychische Entfremdung einhergeht. "Offensichtlich einer steten Rückkoppelung durch physische Begegnung"[Philipowski]:S. 33 bedürfend, stellt demzufolge jeglicher unmittelbare, sinnlich-erfahrbare Einfluss wie der Petitcreius, eine Gefährdung dar, da auf diese Weise sämtliche Erinnerungen an die gegenseitige Liebe ausgelöscht werden. Wie oben bereits dargelegt, gelingt es Isolde hingegen, sich der magischen Macht dank intensiver Reflexion zu entziehen und ihre Treue als von körperlicher Distanz unabhängig zu beweisen.

Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich die "Diskrepanz der Wahrnehmung" als "Indikator einer Brechung in der Tristanminne" interpretieren und nicht mehr eindeutig als "Zeichen von unverbrüchlicher Zweisamkeit"[Philipowski]:S. 29, als welches das Geschenk an Isolde in der Forschung vorrangig gedeutet wird. Demnach ist die Petitcreiu-Episode ein Vorgriff auf das schicksalhafte und somit zwangsläufige/unabwendbare Scheitern der Minne Tristan und Isoldes, wenn Tristan auch am Ende das Vergessen wählt und Isolde Weißhand heiratet. Indem sie an die Stelle Isoldes tritt, füllt sie deren Leerstelle mit ihrer physischen Präsenz zwar aus. Allerdings erinnert sie Tristan trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer offensichtlichen Differenz zu Isolde an diese, wodurch ihm eine Heirat unmöglich scheint. Gleichsam verhält es sich mit den zum Abschied zwischen Tristan und Isolde ausgetauschten Treuebekundungen und Ringen, die der "undinglichen Erinnerung [dienen], der sie einen gegenständlichen Körper geben sollen"[Philipowski]:S 34.

Fazit

Bereits mit der direkten Zuordnung Petitcreius zu der magischen Feenwelt[4], seinem prächtigen Äußeren und der extraordinären Bedürfnislosigkeit, offenbart sich seine besondere symbolische Bedeutung. Erst durch dieses zauberhafte Geschöpf wird das spezifische Merkmal der Minne zwischen Tristan und Isolde sinnfällig erkenntlich[Gnaedinger]:S. 26: Die ewig währende Vermischung von Glück und Leid sowie die Gefahr des Vergessens in der physischen Abwesenheit des Partners.
Während Tristan unter Einsatz seines Lebens das Hündchen für Isolde erringt, um sie an dem süßen Genuss der leidstillenden Wirkung teilhaben zu lassen, kann Isolde wiederum nicht ertragen, dass ihre Freude nur mit dem gleichzeitigen Kummer Tristans einhergeht und zerstört demzufolge die wundersame Macht des Glöckchens irreversibel. So enthüllt sich anhand der zwar aus ähnlich altruistischer, Loyalität bekundender Motivation herrührender, aber in deren jeweiliger Realisierung gänzlich unterschiedlicher Reaktion auf die schmerzstillende Kraft des Zauberglöckchens auch die diesbezüglich diskrepante Attitüde der beiden Liebenden. Zwar bekunden sowohl Tristan als auch Isolde mit ihrer selbstlosen Leidbereitschaft ihre gegenseitige Treue, allerdings erschöpft sich die Bedeutung Petitcreius nicht einzig in der Versinnbildlichung dieses Aspekts. Bezeichnenderweise setzt der Schellenklang nämlich überhaupt erst das schmerzstillende Vergessen in Gang, was bei Tristan auf Erfolg, bei Isolde auf Ablehnung stößt. Somit ist Petitcreiu nur vordergründig die Inkarnation der über alle Entfernung hinweg beständigen Treue. Vielmehr verkörpert es die von der körperlichen Distanz ausgehende Gefahr des Vergessens und - hauptsächlich im Hinblick auf Tristans leichte Verführbarkeit durch die magische Kraft des Glöckchens - die an physische Unmittelbarkeit geknüpfte Erinnerung der gegenseitigen Liebe. In Anbetracht dessen kann die dem Zauberhündchen inhärente Symbolik als vorausdeutend für die gesamte weitere Handlung betrachtet werden.

Einzelnachweise

  1. Bereits in V. 204-207 proklamiert der Erzähler den prägnanten Grundgedanken: "Wer nie um der Liebe willen gelitten hat, der hat auch nie Glück durch sie erfahren. Freude und Leid waren schon immer mit dem Begriff der Liebe untrennbar."
  2. Sämtliche in diesem Artikel zitierte Textangaben aus dem Tristan entstammen dieser Ausgabe: Gottfried von Straßburg: Tristan. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Friedrich Ranke neu hg., ins Neuhochdeutsche übers., mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn. Band 1-3. Stuttgart 1980.
  3. So benötigt Petitcreiu weder Nahrung noch Wasser und ist auch sonst derart wohlerzogen, ruhig und nicht reizbar, dass er in seiner ganzen Anmut wenig "tierisch", sondern vielmehr unwirklich, extraterrestrisch, als undefinierbare Mischung aus Tier und Zauberwesen erscheint.
  4. Tax hingegen deutet das Hündchen als "Inbegriff der bloßen Freude" und somit als eine "typisch höfische Erscheinung", die Tristan selbstlos an Isolde verschenkt und die von Isolde darüber hinaus sogar gänzlich gebrochen wird[Tax]:S. 115. Außer acht lässt er dabei jedoch die konkret angegebene Herkunft des Hündchens aus der feinen lant (V. 15808), wodurch seine Bedeutung viel eher in der Versinnbildlichung der von den problematischen Umständen ausgehenden Gefahr liegt.

Literatur

  • Gottfried von Straßburg: Tristan. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Friedrich Ranke neu hg., ins Neuhochdeutsche übers., mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn. Band 1-3. Stuttgart 1980.
  • [Hahn] ^ 1 2 3 Hahn, Ingrid: Raum und Landschaft in Gottfrieds Tristan. Hrsg. von Friedrich Ohly, Kurt Ruh, Werner Schröder. Eidos Verlag München. 1963.
  • [Philipowski] ^ 1 2 3 4 5 Philipowski, Katharina-Silke (1998): Mittelbare und unmittelbare Gegenwärtigkeit oder: Erinnern und Vergessen in der Petitcriu-Episode des Tristan Gottfrieds von Straßburg. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur (120), S. 29–35.
  • [Gnaedinger] ^ 1 2 3 4 Gnaedinger, Louise: Musik und Minne im Tristan Gotfrids von Strassburg. Pädagogischer Verlag Schwann. Düsseldorf 1967.
  • [Tax] ^ Tax, Petrus W.: Wort, Sinnbild, Zahl im Tristanroman, Studien zum Denken und Werten Gottfrieds von Straßburg. Philologische Studien und Quellen, Heft 8. Berlin 1961.