Brangäne (Gottfried von Straßburg, Tristan)

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Brangäne, die Vertraute Isoldes, spielt eine wichtige Rolle in Gottfrieds von Straßburg Tristan. Erst durch ihre Unaufmerksamkeit kommt es dazu, dass Tristan und Isolde gemeinsam den Minnetrank trinken. In der weiteren Handlung besteht ihre Funktion darin, dem Liebespaar Treffen zu ermöglichen und gleichzeitig ihr Verhältnis durch List zu schützen und zu verheimlichen.


Charakterisierung

Brangäne ist eine niftel (V. 9421)[1] der Königin Isolde. Niftel bedeutet jedoch nicht nur „Nichte“, sondern bezeichnet ganz allgemein eine nahe weibliche Verwandte.[Krohn 1980]:158 Das genaue Verwandtschaftsverhältnis zwischen Brangäne und den beiden Isolden kann somit nicht genau geklärt werden. Fest steht jedoch, dass sie zur Familie des irischen Königshofes gehört und somit eine gehobene Stellung inne hat. Tomasek schreibt, dass Brangäne „die Rolle einer Confidante zukommt“.[Tomasek 2007]:102 Brangäne werden daher auch all diejenigen Eigenschaften zugeschrieben, die einer Dame von Stand eigen sind[Hollandt 1966]:41 So wird sie häufig als schoene (u.a. V. 11082) beschrieben und neben Isolde, der liehte[n] sunne (V. 9456), und ihrer Mutter, dem vrôlîche[n] morgenrôt (V. 9458), als schoene volmaene (V. 9460) bezeichnet, was zum einen im Mittelalter für außergewöhnliche Schönheit stand[Krohn 1980]:159 und zum anderen die Zusammengehörigkeit der drei Damen nochmals verdeutlicht. Neben ihrem äußeren Erscheinungsbild wird jedoch besonders ihre Wesensart hervorgehoben. Sie ist höfsch (V. 9421), werde (V. 12773), stolz (V. 11089), wol gesite (V. 10778), wise (V. 10359) und staete (V. 12937). [D]iu stolze (V. 9459), wie sie mehrfach genannt wird, ist liutsaelic uzer maze, ir muotes stolz unde vri (V. 11088f.).[Hollandt 1966]:41 Durch diese Eigenschaftszuschreibungen und vor allem durch ihr Handeln, das im Folgenden noch genauer beschrieben wird, lässt Gottfried das Bild einer durch Klugheit, Überlegung und Erfahrung geleiteten und zielstrebig, pragmatisch und unabhängig auftretenden Frau entstehen. Darüber hinaus wird Brangäne als eine Frau mit ausgeprägtem höfischem Gespür dargestellt. Neben der häufigen Verwendung von höfsch für ihre Beschreibung, wird dies zum Beispiel auch an ihrer Reaktion auf den Fußfall Tristans vor den Königinnen deutlich, indem sie mit dem Ausspruch ‘vrouwe [… ] der ritter lit ze lange da.‘(V. 10478-10479) auf die Überschreitung der höfisch anständigen Dauer des Fußfalls aufmerksam macht.[Deist 1986]:19 Aufgrund ihrer Klugheit und pragmatischen Sichtweise fungiert Brangäne zuerst als Beraterin der älteren Isolde und später als Vertraute und Ratgeberin der jüngeren Isolde.

Tomasek [Tomasek 2007]:101sieht Gemeinsamkeiten zwischen Brangäne und Curvenal: „Curvenal und Brangäne sind Inbegriffe höfischer Tugend und aufrechter triuwe [...]. Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass ihnen bei der Sorge um ihre Schutzbefohlenen vereinzelt Fehler unterlaufen: [...] Curvenals [...] Unaufmerksamkeit (V. 2311) bildet eine Parallele zu Brangänes Nachlässigkeit in der Minnetrankszene [...]“.

Auftreten und Funktion Brangänes innerhalb der Handlung

Einführung und Drachentötersuche

Brangäne wird durch die Aufforderung der Königin Isolde „Brangaene, stant ûf lîse“ (9317) ohne jegliche weitere Vorstellung in die Handlung eingeführt. Dadurch, dass sie auf die Suche nach dem Drachentöter mitgenommen wird, wird jedoch ihr Status als enge Vertraute der Königin ersichtlich.

Badszene

Nachdem Isolde Tristans Lüge aufdeckt und, im Beisein ihrer Mutter, schwankt, ihn aus Rache für den Mord an ihrem Onkel mit seinem eigenen Schwert umzubringen, kommt Brangäne herein. Sie erkennt sofort die Gefahr der Situation und versucht zu beruhigen und eine Lösung zu finden. Sie rät davon ab, Tristan zu töten, und begründet dies damit, dass Isolde ihm Schutz zugesagt habe, dass Blutrache einer Frau nicht zustehe und zum Verlust der Ehre führe und dass sie erst abwarten sollten, mit welchen Absichten, für die er sich so in Lebensgefahr begibt, Tristan gekommen sei. Die beiden Isolden erhören Brangänes Rat und lassen Tristan seine Absichten vortragen.

Minnetrank

Isolde übergibt Brangäne den Minnetrank mit der Anweisung, Tristan und Isolde nach Cornwall zu begleiten. Sie weist Brangäne eindringlich darauf hin, den Trank sorgsam zu bewahren und keinen davon trinken zu lassen, außer Marke und Isolde nach deren Hochzeitsnacht. Darüber hinaus gibt Isolde ihre Tochter in den Schutz Brangänes, die auf ihre Ehre und ihre Angelegenheiten aufpassen soll. Brangäne lässt den Trank auf der Überfahrt nach Cornwall jedoch kurzzeitig unbeaufsichtigt stehen, sodass Tristan und Isolde, in der Annahme, es sei Wein, gemeinsam davon trinken. Als Brangäne hinzukommt und bemerkt, was geschehen ist, weicht alles Leben aus ihr (sie erschrac sô sêre unde erkam, daz ez ir ale ir craf benam und wart reht alse ein tôte var. (V. 11689)). Sie wirft das Trankgefäß über Bord und macht sich schwerste Selbstvorwürfe und verflucht ihren Fehler, dessen Tragweite sie sofort erkennt: ouwê Tristan unde Isôt, diz tranc ist iuwer beider tôt! (V. 11705).

Brautnachtbetrug

Der Minnetrank jedoch tut seine Wirkung und bald schon hat Isolde ihre Jungfräulichkeit verloren. Das ist nun ein echtes Problem, denn wenn sich am Hofe Markes herausstellt, dass die zukünftige Königin keine einwandfrei keusche Vergangenheit hat, so ist ihre Ehre dahin und eine Heirat mit Marke ganz ausgeschlossen.
In ihrer Not bittet Isolde Brangäne um Hilfe: Sie, die noch Jungfrau ist, soll sich in der Hochzeitsnacht zu Marke legen und keinen Ton von sich geben, damit er glaube, Isolde zu entjungfern. Sie, die sich schwere Vorwürfe ob ihres Versäumnisses mit dem Minnetrank macht, verspricht mit maneger nôt, also unter Schaudern, auf das eindringliche Flehen der Liebenden hin, ihnen bei dem Betrug beizustehen.

In der Hochzeitsnacht legt sich Marke zu Bett. Tristan bringt Brangäne, die Isoldes Kleider angelegt hat zu ihm (zum Kleidertausch als Identitätsbetrug vgl. auch andere Werke, z. B. Rotkäppchen, Le nozze di Figaro,...); Isolde löscht das Licht. Marke zieht Brangäne an sich und beginnt, sich mit ihr zu vergnügen; nach Überwindung ihrer jungfräulichen Scheu findet auch Brangäne bald Gefallen an dem bettespil, wenn sie auch ihre Pflicht treu befolgt und keinen verräterischen Ton von sich gibt.
So sehr gibt sie sich dem neuentdeckten Vergnügen hin, dass Isolde bald befürchtet, Brangäne könne die Zeit vergessen und bis zum Morgen bleiben. Das wäre fatal, denn mit dem Morgenlicht würde auch der Brautbetrug offenbar:

trîbet sî diz bettespil
iht ze lange und iht ze vil,
ich vürhte ez ir sô wol behage,
daz sî vil lîhte dâ betage.
sô werde wir alle
ze spotte und ze schalle.
(V. 12623-12628)
Wenn sie dieses Liebesspiel zu lange und zu ausgiebig treibt, befürchte ich, dass es ihr so gut gefällt, dass sie möglicherweise bis zum Morgen dableibt. Dann werden wir alle zum Gespött und kommen ins Gerede.[2]

Doch Brangäne wäre nicht die Brangäne "nach dem Minnetrank", der Inbegriff der Treue und Lauterkeit, wenn sie nicht darauf bedacht wäre, die ihr anvertraute Aufgabe so gewissenhaft wie möglich zu erfüllen und über die Ehre der Liebenden mehr zu wachen als über ihre eigene Lust:

nein, ir gedanke unde ir muot
die wâren lûter unde guot.
V. 12629-12630
Nein, ihre Absichten und Gedanken waren rein und aufrichtig.

So steht Brangäne nach einer Weile auf und sofort ist Isolde zur Stelle, um ihren Platz einzunehmen. Marke verlangt nach Wein, denn der Erzähler teilt uns mit, so sei die Sitte: Nachdem jemand einer Jungfrau den bluomen abe genam, sie also zur Frau gemacht habe, werde einer gerufen, der den beiden Liebenden einen Kelch mit Wein brächte, aus dem sie gemeinsam trinken. Dies hätte der Moment sein sollen, in dem der Liebestrank von Isolde der Älteren hätte gereicht werden sollen.
In der Forschung findet sich die Meinung, diese Sitte sei vom Erzähler fingiert worden, "um die Ablösung im Bett durchführbar zu machen" [Okken 1996]:505

Anschließend legt sich Isolde zu Marke. Es findet sich für ihren Gemütszustand dabei dieselbe Formulierung, mit der einige Verse zuvor Brangänes Entsetzen beschrieben worden war: mit maneger nôt. Marke jedoch merkt von alledem nichts, auch nicht, dass es nun eine andere Frau ist, die er in den Armen hält: Der Betrug ist gelungen.

im dûhte wîp alse wîp.
V. 12666

(Ihm schien Frau gleich Frau.)

Man darf trotz allem aber nicht vergessen, in welchen moralischen Kategorien die höfische Gesellschaft, die Gesellschaft an sich, zu dieser Zeit, denkt. Brangäne erfüllt ihre Pflicht. Aber welcher Abgrund muss sich vor ihr auftun. Indem sie sich von Marke entjungfern lässt, katapultiert sie sich ins gesellschaftliche Aus und entscheidet ihre Zukunft als "alte Jungfer". Gottfried geht auf dieses unermessliche Opfer überhaupt nicht ein. Lediglich "und lobete ez ouch mit maneger nôt" (V. 12459) verrät in Ansätzen, was diese Tat von Brangäne abverlangt. Und bis hierher habe ich noch nicht berücksichtigt, dass sie bereit ist, sich für Isolde und Tristan zu erniedrigen. Sie schläft mit einem fremden Mann, den sie nicht liebt, nur um ihrer "Freundin" einen Gefallen zu tun, bzw. deren gesellschaftliches Ansehen zu bewahren. Die Entjungferung Isoldens, welche Brangäne entsetzt, weil sie die sozialen Konsequenzen erkennt, wiederholt sich in gewisser Weise, nur dass Brangäne die sozialen Konsequenzen wissentlich in Kauf nimmt. Natürlich ist sie von Gewissensbissen geplagt, weil sie nicht besser auf den Trank aufgepasst hat, aber diese Tatsache lässt ihr Opfer in keinem geringeren Licht da stehen. Die soziale Ächtung und die Heiratsunfähigkeit und somit der Mangel an jeglicher sozialer Absicherung (außer durch Isolde) bleibt. Bezeichnend, dass dieser Plan Isolde als "einen list, den allerbesten zuo der vrist" (V. 12437 f.)erschien. Wie es Brangäne ergehen wird, klammert auch Isolde völlig aus. Es stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis diese beiden Frauen tatsächlich zueinander stehen. Auf der einen Seite ist Brangäne wohl Vertraute, aber beinahe gezwungen die skurrilsten und erniedrigsten Aufgaben für Isolde zu erfüllen. Pflicht und Bringschuld spielt in dieser Konstellation eine ganz wesentliche Rolle, denn Brangäne hat den Auftrag (erhalten von der Königin Isolde, als eine ihrer Untertanen) erhalten, Isolde vor jedem Leid zu bewahren. Ein freundschaftlich gesinnter freier Wille sieht anders aus.

Mordanschlag Isoldes

Mit dem gelungenen Brautnachtbetrug ist die größte Bedrohung für die heimliche Liebesbeziehung zwischen Tristan und Isolde beseitigt. Isolde befürchtet jedoch, dass sich Brangäne in Marke verlieben könnte und ihm dann den ganzen Betrug offenbaren würde. Hier wird ein alter Aberglaube deutlich, dass eine Frau den Mann, von dem sie entjungfert wurde, gezwungenermaßen lieben müsste. Brangäne wird somit für Isolde zur gefährlichsten Mitwisserin und Isolde überlegt:

sît nieman ir haelinc
unde ir trügeliste
niwan Brangaene wiste,
enwaere sî danne eine,
sô dörfte s’iemer cleine
gesorgen umbe ir êre.
(V. 12696-12701)
Da niemand ihr Geheimnis und ihren Betrug kannte außer Brangäne, brauchte sie, wenn jene nicht wäre, sich nicht mehr um ihr Ansehen zu sorgen.

Isolde, die laster unde spot mêre vürhtet danne got (V. 12711-12712), beschließt daher Brangäne umbringen zu lassen. Hierfür beauftragt sie zwei knehte (V. 12713) mit Brangäne in den Wald zu reiten und ihr dort den Kopf abzuschlagen. Der Zusatz ir zungen bringet mir her dan (V. 12735) wurde erst von Gottfried hinzugefügt. Hierbei scheint womöglich noch archaisches Rechts- und Rachebrauchtum durch, bei denen dasjenige Körperteil, das symbolisch mit der Sünde in Verbindung gebracht wird, abgehackt wird. Brangäne, deren Reden Isolde befürchtet, soll daher die Zunge herausgeschnitten werden, womit ihre endgültige Verschwiegenheit symbolisch bestätigt werden würde.

Die unter einem Vorwand von Isolde in den Wald gelockte Brangäne, die angesichts der plötzlichen Bedrohung ihres Lebens sô sêre erschrac, daz si an der erden gelac (V. 12777-12778), fügt sich ihrem Schicksal, als sie erfährt, dass Isolde die Auftraggeberin der Mordtat ist. Sie bittet einzig darum, Isolde noch eine letzte Botschaft ihrer Unschuld und Treue zu überbringen:

ir sult mîner vrouwen sagen
und wizzet selbe, daz ich nie
wider ir hulden niht begie,
dar an ich mich versaehe,
daz ir leit geschaehe,
ezn waere danne alse vil,
des ich doch niht getrûwen wil:
dô wir zwô vuoren von Irlant,
dô haeten wir zwô zwei gewant.
diu haeten wir uns beiden
erwelt und ûz gescheiden
von anderm gewande.
diu vourten wir von lande:
zwei hemede wîz alsam ein snê.
dô wir dô kâmen ûf den sê
her wider lant ûf unser vart,
sô heiz ir von der sunnen wart,
daz sî vil selten in den tagen
an ir iht kunde vertragen
niwan ir hemede al eine,
daz wîze, daz reine.
sus liebete ir daz hemede an.
dô sî ez üeben began,
biz daz si’z über üebete,
sîne wîze gar betrüebete,
dô haete aber ich daz mîne
heinlîche in mînem schrîne
in reinen wîzen valten
verborgen unde behalten.
und als mîn vrouwe her kam,
den künec ir hêrren genam
und zuo z’im slâfen sollte gân,
nune was ir hemede niht getân
sô schône, alse ez sollte
und als sie gerne wollte.
da ich ir dô daz mîne lêch
und ir’s et eines verzêch
und mich sô vil an ir vergaz,
ir enwerre danne daz,
sô wizze got wol, daz ich nie
ze keinen zîten übergie
weder ir bete noch ir gebot.
(V. 12798-12839)
Sagt meiner Herrin und erfahrt selbst, dass ich niemals gegen ihren Willen etwas getan habe, wovon ich annahm, dass es sie bekümmern könnte, es sei denn das eine, das ich aber nicht glauben will: Als wir von Irland wegfuhren, da hatten wir beide je ein Gewand. Die hatten wir uns ausgewählt und getrennt gehalten von den übrigen Kleidern. Die nahmen wir mit: zwei schneeweiße Hemden. Als wir auf dem Meer waren auf der Reise hierher, da wurde ihr von der Sonne so heiß, dass sie damals kaum etwas an sich vertragen konnte außer allein ihrem Hemd, dem sauberen, weißen. So gewann sie es lieb. Da begann sie es zu benutzen, bis sie es durch übermäßigen Gebrauch abnutzte und das Weiß beschmutze. Ich hatte aber das meine noch heimlich in meiner Truhe in sauberen weißen Einschlagtüchern verborgen und verwahrt. Und als meine Herrin hier ankam, den König zum Herrn nahm und bei ihm schlafen sollte, da war ihr Hemd nicht mehr so schön, wie es sein sollte und wie sie es sich wünschte. Dass ich ihr dann das meine lieh, es ihr dabei aber zunächst verweigerte und mich insofern gegen sie verging, wenn das sie nicht verärgert, dann, bei Gott, habe ich niemals und zu keiner Zeit übergangen ihre Bitte oder ihren Befehl.

Diese Allegorie des weißen Hemdes, das für die Jungfräulichkeit steht, versteckt die wahre Bedeutung der Botschaft so, dass zwar Isolde sie verstehen kann, die beiden knehte hingegen ahnungslos bleiben. Brangäne schließt mit den Worten:

grüezet si von mir alsô wol,
als ein juncvrouwe ir vrouwen sol.
und got durch sîne güete
der bewar i runde behüete
ir êre und ir lîp unde ir leben!
und mîn tôt der sî ir vergeben.
die sêle die bevilhe ich gote,
den lîp hin z’iuwerem gebote.
(V. 12841-12848)
grüßt sie von mir so freundlich, wie ein Mädchen seine Herrin grüßen soll. Gott in seiner Barmherzigkeit schütze und behüte ihre Ehre, ihre Gesundheit und ihr Leben! Mein Tod sei ihr verziehen. Meine Seele befehle ich Gott, meinen Körper Euren Händen.

Weder Vorwurf noch Klage über den Mordanschlag ihrer Herrin sind von ihr zu hören. Selbst angesichts ihres unverdienten Todes bleibt Brangäne diu getriuwe (V.??), die der Herrin eng verbunden ist. Ihre einzige Sorge gilt Isolde ein letztes Mal ihre Treue zu beweisen.

Die beiden Männer sind von der Unschuld Brangänes überzeugt und bringen es nicht über sich, sie zu ermorden. Als sie Isolde Brangänes Botschaft überbringen, ist diese überaus froh, dass sie Brangäne am Leben gelassen haben.

Ab diesem Moment vertraut Isolde der getriuwen Brangäne vorbehaltlos, da sich diese im Gegensatz zu Isoldes eigenem wankelmütigen Wesen selbst in Todesgefahr als getriuwe unde staete (V. 12937) erwiesen und damit ihre Feuerprobe bestanden hat.

Interessanterweise lässt Gottfried den Mordanschlag ohne Konsequenzen für die Beziehung zwischen Brangäne und Isolde, im Gegenteil:

sît des was Brangaene unde Isolt
von herzen und von sinne
sô getriuwe und sô geminne,
daz nie niht under in beiden
ir dinges wart gescheiden.
(V. 12942-12946)
seitdem waren Brangäne und Isolde in Herz und Gefühl einander so zugetan und anhänglich, dass niemals zwischen den beiden irgendein Unterschied bestand.

Stattdessen stellt Gottfried den Mordanschlag auf Brangäne so dar, als habe dieser lediglich einen Läuterungsprozess bewirkt aus dem Brangäne geliutert alse ein golt (V. 12941) hervorgeht.

Listen und Ratschläge

Brangäne nimmt nach Verschulden der falschen Verabreichung des Minnetranks zunehmend die Funktion einer Beraterin von Isolde ein. Sie fühlt sich dafür verantwortlich, dass Tristan und Isolde in einer ausweglosen Situation sind, und bietet deshalb ihre Hilfe an.

nu sihe ich wol, es ist niht rât,
ine müeze durch iuch beide
mir selber nâch leide
und iu nâch laster werben.
ê ich iuch lâze sterben,
ich wil iu guote state ê lân,
swes ir wellet ane gân. (Verse 12130 bis 12136)

Nach dem misslungenen Mordanschlag wird Brangäne zu Isoldes engster Vertrauten und versucht das Liebespaar vor dem zunehmend misstrauischen Marke zu schützen. Sie warnt Tristan und Isolde vor gestellten Fallen und gibt Rat, wie diese umgangen oder ins Gegenteil verkehrt werden können. Damit wird sie zum Gegenspieler von Marjodo und Melot, die König Marke in seiner List beraten. Ihre Funktion wird das erste Mal deutlich, als Marke versucht, in einem Gespräch die Gefühle Isoldes für Tristan herauszufinden. Isolde ist unvorsichtig und kann die Zweifel Markes nicht zerstreuen. Als sie das Gespräch vor Brangäne wiederholt, erklärt ihr diese, wie sie das nächste Mal bedachter vorgehen könne. So kommt es, dass Isolde Marke bei seiner zweiten Falle davon überzeugt, sie sei nur freundlich zu Tristan, um Vorwürfe zu vermeiden, in Wahrheit hasse sie ihn jedoch. Auf Anraten von Marjodo stellt Marke noch eine weitere, ähnliche Falle und wieder muss Brangäne Isolde einen Ausweg aufzeigen. Als Tristan und Isolde dennoch voneinander getrennt werden, ist es erneut Brangäne, die eine Möglichkeit zu heimlichen Treffen aufweist. Sie überlegt sich ein unauffälliges Kommunikationssystem, mit dem Tristan sich melden kann, sobald er am vereinbarten Treffpunkt ist. Als Warnerin fungiert Brangäne bei dem Hinterhalt, den Marke und seine Komplizen beim gemeinsamen Aderlass arrangieren. Sie verstreuen Mehl auf dem Boden, um herauszufinden, ob Tristan heimlich zu Isoldes Bett schleicht. Brangäne bemerkt das Mehl rechtzeitig und kann Tristan auf die Falle hinweisen. Es ist also Brangäne, die die Erfüllung von Tristans und Isoldes Liebe erst ermöglicht und durch ihre List kann die Erfüllung zunächst auch aufrecht erhalten werden.[Jupé 1976]:106

Marjodos Entdeckung der Liebenden

So viel auch Brangänes Listigkeit und Umsicht zur Verheimlichung der Liebesbeziehung von Tristan und Isolde beiträgt, so ist es doch wieder ein Fehler ihrerseits, der zur Entdeckung des Liebespaares führt. Als Tristan eines Nachts Isolde wieder einmal in ihrer Kammer besucht, verdunkelt Brangäne zwar mit einem Schachbrett das Licht, lässt aber beim Hinausgehen die Tür der Kammer auf. Dies führt dazu, dass Marjodo, der den Spuren Tristans im Schnee gefolgt ist, in die Kammer eintreten kann und so die Liebesbeziehung zwischen Tristan und Isolde entdeckt.

Brangäne trägt also wieder, wie bei der Minnetrankszene, durch eine Unachtsamkeit dazu bei, dass die Handlung eine neue Dynamik bekommt. Ab dem Moment der Entdeckung der Liebenden durch Marjodo können Tristan und Isolde nur noch unter Verdächtigungen leben und müssen das ihnen entgegengebrachte Misstrauen durch Listen immer wieder verstreuen.

Jedoch ist Brangäne bei den beiden Fehlern, die ihr unterlaufen, trotz deren gravierenden Auswirkungen frei von moralischer Schuld, da es sich in beiden Fällen nur um das Versagen ihrer Wachsamkeit handelt und nicht um Vorsätzlichkeit. Und „das Versehen aus Unachtsamkeit ist die Lücke im Bemühen des Menschen, jede Lage zu meistern, in die das Schicksal eingreifen kann.“

Verbindung zum Hof während der Minnegrottenepisode

Als Marke die nicht zu unterdrückende Liebe zwischen Tristan und Isolde nicht länger erträgt, verbannt er beide von seinem Hof mit den Worten:

nemet ein ander an die hant
und rûmet mir hof unde lant.
sol mir leit vo niu geschehen,
daz enwil ich hoeren noch sehen.
(V.16603-16606)
Nehmt Euch bei der Hand und verlasst den Hof und das Land. Wenn ich schon Leid durch Euch erfahren soll, dann will ich das weder hören noch sehen.

Während Tristan, bevor er in die Verbannung geht, abgesehen von Kurvenal, den er mitnimmt, sein ganzes Gefolge zurück nach Parmenien zu Rual schickt, bitten er und Isolde Brangäne, diu reine (V. 16661) darum, an Markes Hof zu bleiben, um von dort aus eine erneute Versöhnung der beiden mit Marke in die Wege leiten zu können. Tristan und Isolde wollen sich also gar nicht vollständig vom Hof zurückziehen, sondern lassen Brangäne, ir gesellîn (V. 16631) als ihre wichtigste Bezugsperson am Hofe Markes zurück in der Hoffnung durch sie eine baldige Rückkehr erwirken zu können.

Baumgartenszene

Brangäne taucht zum letzten Mal in der Handlung auf, als Isolde, durch ihr Verlangen unvorsichtig geworden, Tristan am helllichten Tag zu sich in den Baumgarten kommen lässt, wo sie ein Bett für sie beide hat herrichten lassen. Brangäne versucht auch dieses Treffen vor der Entdeckung zu schützen, indem sie alle Türen schließen lässt und den Kämmerern befiehlt niemanden hereinzulassen, solange sie es nicht gestattet.

Brangäne, die sich mit angestlîcher swaere (V. 18167) zu den anderen Hofdamen setzt, ahnt schon, dass die Liebschaft nicht mehr lange zu verheimlichen ist, wenn weder vorhte noch huote an ir vrouwen (V. 18176) Erfolg haben und sie in ihrem Verlangen nach Tristan immer unvorsichtiger wird. Diese Furcht erweist sich sogleich als gerechtfertigt, als sich Marke aufgrund seiner königlichen Autorität Zugang zu den Räumen verschaffen kann und somit alle ihre Vorsichtsmaßnahmen versagt haben. Brangäne, die weiß, dass die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten ist, gibt jede Verteidigung auf, sie macht keinerlei Anstalten mehr, Marke aufzuhalten und die Entdeckung des Liebespaares zu verhindern. Als Marke die Hofdamen nach Isolde fragt und diesen ihn in den Garten weisen, ist Brangäne von Resignation und Aufgabe gezeichnet:

diu arme erschrac unde gesweic,
ir houbet ûf ir ahsel seic,
hende unde herze enpfielen ir.
(V. 18187-18189)
Die Arme erschrak und schwieg. Ihr Kopf sank ihr auf die Schulter, ihre Hände und ihr Herz versagen ihren Dienst.

Brangäne, die die durch den Minnetrank hervorgerufene Liebe zwischen Tristan und Isolde sogleich als deren Todesurteil deutet, weiß, dass die Entdeckung der nicht für immer zu verheimlichenden Liebesbeziehung nicht länger aufzuhalten ist und fügt sich ihrem Schicksal.

Beziehung zu Tristan und Isolde

Brangänes Beziehung zu Tristan und Isolde ist gekennzeichnet von einer beständigen Treue bis hin zur Selbstaufgabe.

Zu Anfang hat sie sich nur verpflichtet über Isoldes Wohlergehen zu wachen, wie die ältere Isolde ihr dies mit dem Auftrag Isolde nach Cornwall zu begleiten befiehlt:

ich bevilhe dir Isôte
vil tiure und vil genôte.
an ir sô lît mîn beste leben.
ich unde sî sîn dir ergeben
ûf alle dîne saelekeit.
(V. 11469-11473)
Ich befehle dir Isolde sehr angelegentlich und dringend an. Der beste Teil meines Lebens hängt an ihr. Ich und sie sind dir anvertraut, bei deinem Seelenheil.

Brangäne verspricht daraufhin, getreu diese Aufgabe zu erfüllen:

ist iuwer beider wille alsô,
sô sol ich gerne mit ir varn,
ir êre und al ir dinc bewarn,
sô ich iemer beste kann.
(V. 11476-11479)
Wenn es Euer beider Wunsch ist, will ich mit Freuden mit ihr fahren und auf ihre Ehre und ihre Angelegenheiten achten, so gut ich kann.

Brangäne ist mit diesem Versprechen noch enger an Isolde gebunden, als sie es zuvor als beider Verwandte und Ratgeberin ihrer Mutter ohnehin schon gewesen war. Ab dem Zeitpunkt hat sich Brangäne explizit dafür verantwortlich erklärt, für das Wohl Isoldes zu sorgen. Umso schlimmer lastet die Schuld auf ihr, als sie durch eine Unaufmerksamkeit ihr Versprechen verletzt und dadurch zur Urheberin des Unglücks der ihr Anvertrauten Isolde und Tristan wird.

Sie wird, da sie als einzige über Tristans und Isoldes Zustand Bescheid weiß und sie diejenige ist, der sich die beiden anzuvertrauen wagen, die einzige Mitwisserin dieser heimlichen Liebe. Von nun an fühlt sich Brangäne auch für das Wohlergehen Tristans verantwortlich, so spricht sie mehrfach von uns drîn (V. 12143, 12147) und elliu driu (V. 14402). „Sie nimmt die Folgen ihres Fehltritts auf sich und erklärt sich als festverkettetes Glied in der Zweisamkeit von Tristan und Isolde“, dass sich laster unde leit (V. 12474) dieser von ihr verschuldeten Liebe mittragen zu helfen verpflichtet. Ihr Versprechen auf Isoldes ere und al ir dinc achtzugeben, löst sie nun in noch verstärktem Maße ein, indem sie, der neuen Situation angepasst, mit allen Mitteln versucht die Entdeckung des Liebespaares zu verhindern, um damit die gesellschaftliche ere ihrer Herrin zu schützen. Die Loyalität, die Brangäne Isolde und ebenso Tristan entgegenbringt, ist geprägt durch eine durch das Bewusstsein der Tragweite ihrer Fahrlässigkeit (diz tranc ist iuwer beider tôt! (V. 11705)) hervorgerufene Unbedingtheit und selbstaufgebende Treue.

nu habet ir laste runde leit
von mîner warlôsekeit.
von diu darf ich ez mâze clagen,
muoz ich daz laster mit iu tragen,
und waere ouch wol gefüege,
daz ich ez eine trüege.
(V. 1471-12476)
Nun ist Euch Schande und Kummer entstanden durch meine Unachtsamkeit. Darum darf ich nicht jammern und muss die Schmach mit Euch teilen. Es wäre sogar durchaus gerecht, dass ich alleine sie trüge.

Selbst nachdem Brangäne für Isolde ihre Jungfräulichkeit opfert und dafür sogar hinterher ermordet werden soll, hegt sie keinerlei Groll gegen Isolde oder Tristan und bleibt ihnen gleichbleibend treu.

Ihre Beziehung zueinander ist dementsprechend auch geprägt von Vertrauen und einer tiefen Verbundenheit zueinander, die durch die erfolgreiche Bewältigung von Hindernissen nur noch mehr gestärkt wird.

Fazit

Die von Gottfried an Komplexität erweiterte Figur Brangäne gehört zwar nicht zu den die Dreiecksgeschichte umspannenden drei Hauptpersonen Tristan, Isolde und Marke, aber ihre Rolle als Nebenfigur besitzt trotzdem eine immense Wichtigkeit.

Zum einen für den Handlungsverlauf, in dem sie trotz ihrer Position als Nebenfigur eine Schlüsselrolle spielt. So erhält durch sie die Handlung zweimal eine gravierende Wendung. Zum einen indem durch ihre Unaufmerksamkeit der Minnetrank in Tristans und Isoldes Hände gelangen kann, zum anderen indem sie aus Unachtsamkeit vergisst, die Tür zu Isoldes Kammer zu schließen und so zum ersten Mal jemand außer den Dreien von Tristans und Isoldes Liebschaft erfährt. Beide Fehler haben Auswirkungen auf die gesamte Handlung und ihre Motivation.

Des Weiteren ist Brangäne, die den Inbegriff von höfischer Tugend und unbedingter „triuwe“ darstellt, die wichtigste Bezugsperson für Tristan und Isolde, die ihnen durch Klugheit, List und Selbstaufopferung die Ausführung und Verheimlichung ihrer Liebe ermöglicht. Die ihr unterlaufenden Fehler versucht sie ihrer „triuwe“ gemäß mit noch höherem Einsatz wiedergutzumachen.

Literatur

  1. Mit Versangabe im Folgenden zitiert aus Gottfried von Straßburg: Tristan. Hrsg. von Rüdiger Krohn. Stuttgart 1993(Universalbibliothek 4471, 4472).
  2. Die Übersetzung wird im Folgenden zitiert nach Rüdiger Krohn aus Gottfried von Straßburg: Tristan. Hrsg. von Rüdiger Krohn. Stuttgart 1993(Universalbibliothek 4471, 4472).
  • [Krohn 1980] ^ 1 2 Gottfried von Straßburg: Tristan. Nach dem Text von Friedrich Ranke neu herausgegeben, ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn. Bd. 1–3. Stuttgart 1980 (RUB 4471-3).
  • [Deist 1986] ^ Deist, Rosemarie: Die Nebenfiguren in den Tristanromanen Gottfrieds von Straßburg, Thomas‘ de Bretagne und im ‚Cligès‘ Chrétiens de Troyes. Göppingen 1986 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 435).
  • [Hollandt 1966] ^ 1 2 Hollandt, Gisela: Die Hauptgestalten in Gottfrieds Tristan. Wesenzüge – Handlungsfunktion – Motiv der List. Berlin 1966 (Philologische Studien und Quellen 30).
  • [Jupé 1976] ^ Jupé, Wolfgang: Die 'List' im Tristanroman Gottfrieds von Straßburg. Intellektualität und Liebe oder die Suche nach dem Wesen der individuellen Existenz. Heidelberg 1976.
  • [Okken 1996] ^ Okken, Lambertus (1996): Kommentar zum Tristan-Roman Gottfrieds von Strassburg. 2., gründlich überarb. Amsterdam: Rodopi (Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur, 57).
  • [Tomasek 2007] ^ 1 2 Tomasek, Tomas: Gottfried von Straßburg. Stuttgart 2007 (RUB 17665)