Bestiarien

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The Ashmole Bestiary, Monoceros and Bear, England, Early 13th century


Als Bestiarien (von bestia, lateinisch „Tier“) werden Textsammlungen des Mittelalters bezeichnet, in denen verschiedene Tierarten in ihren Eigenschaften beschrieben werden. Es handelt sich dabei jedoch nicht zwangsläufig um tatsächlich lebende Tiere und ihre wahrhaftigen Eigenschaften. So tauchen unter anderem auch Fabelwesen wie zum Beispiel Einhörner oder Drachen auf.


Entstehung

Als Vorlage mittelalterlicher Bestiarien diente der etwa im 2. Jh. n. Chr. in griechischer Sprache verfasste Physiologus. Er umfasste anfangs 49 Kapitel, die meist Beschreibungen wilder Tiere und verschiedener Pflanzen enthielten.

Deutung

Die Tiergeschichten sollten dem Leser nicht einfach naturkundliche Informationen vermitteln, hinter ihnen verbergen sich meist moralische, lehrhafte oder religiöse Bedeutungen, die dem Verfahren des vierfachen Schriftsinns zugrunde liegen. Denn in den beschriebenen tierischen Eigenschaften, Charakterzügen und Verhaltensweisen finden sich oft Parallelen zur christlichen Heilsgeschichte.


Dies lässt sich gut am Beispiel des Pelikans veranschaulichen:

Die Jungen des Pelikans greifen ihre Eltern so lange mit dem Schnabel an, bis der Vater seine eigenen Kinder zu Tode hackt. Danach ist er aber voller Reue und öffnet seine eigenen Brust, um die Jungen mit seinem Blut wieder zum Leben zu erwecken. Das Fehlverhalten der Pelikanjungen ist hier mit dem Ungehorsam der Menschen auf Erden gleichzusetzen, die Reaktion des Vaters mit dem Zorn Gottes auf die Menschheit. Durch das Blut seinen Sohnes schenkt Gott den Menschen ein neues Leben, sie sind von allen Sünden befreit. Auch der Pelikanvater schenkt seinen Kindern durch Blutvergießen neues Leben. Der Pelikan ist also ein Symbol für die Vergebung Gottes durch den Opfertod Christi.


Ein weiteres Beispiel ist der Panther.

Panther, Aberdeen Library

Er ist allen Tieren gegenüber freundlich gesinnt, außer dem Drachen. Der Panther ist auch hier mit Christus gleichzusetzen, da auch Jesus allen Geschöpfen, außer dem Teufel, gegenüber wohlgesonnen ist.


Die Tiergeschichten dienen außerdem als lehrhaftes Beispiele für tugendhafte Verhaltensweisen:

Der Wal beispielsweise verlockt müde Schifffahrer dazu, auf seinem Rücken wie auf einer Insel zu rasten, um sie dann in die Tiefe zu ziehen. Der Wal ist hier mit dem Teufel gleichzusetzen, der Seelen anlockt, um sie ins Verderben zu führen. Die Fabel hat hier also lehrhaften Charakter.


Whale folio from a Bestiary

Literatur:

  • Christian Schröder: Der Millstätter Physiologus. Text, Übersetzung, Kommentar, Würzburg 2005
  • Debra Hassig: Medieval bestiaries. Text, image, ideology, Cambridge 1995
  • Physiologus. Griechisch/Deutsch, hg. u. übers. von Otto Schönberger, Stuttgart 2001



Quellennachweise:

Pelikan-Beispiel: "Bestiarien im Spannungsfeld zwischen Mittelalter und Moderne", Tübingen

Panther-Beispiel: "Lexikon des Mittelalters" Artemis Verlag München, Eintrag Physiologus

Wal-Beispiel: "Lexikon des Mittelalters" Artemis Verlag München, Eintrag Physiologus

Einhorn-Beispiel: "Bestiarien im Spannungsfeld zwischen Mittelalter und Moderne" Gunter Narr Verlang Tübingen, ISBN: 3-8233-5176-1

zur Entstehung: "Lexikon des Mittelalters", Artemis Verlag München, Eintrag Bestiarium (Seite 2075/207)