Baumgartenszene (Gotfried von Straßburg, Tristan)

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Baumgartenszene

Der Baumgarten spielt als Raum in der Tristandichtung eine wichtige Rolle. Er stellt die Verbindung zwischen Tristan und Isolde dar, nachdem sie von Marke erwischt wurden und Tristan deshalb verbannt wurde. Um nicht zu sterben, weil der Trank sie aneinander bindet, müssen sie sich weiterhin sehen. Dazu wird der Baumgarten genutzt, ein privater Garten Isoldes, der nur von ihr genutzt wird.

Sich in diesem privaten Raum innerhalb der Burg zu treffen, ist Tristans Idee. Brangene, die Tristan vom das Leid Isoldes unterrichtet, nachdem Tristan des Hofes verwisen wurde, ist die Initiatorin dieser Treffen. Sie unterrichtet den Helden von den Schmerzen, die Isolde plagen.

Die beiden Liebenden treffen sich also in Isoldes Baumgarten. Als Zeichen, dass Tristan eingetroffen ist, soll Isolde nach Blättern Ausschau halten, die im Bach durch ihre Kemenate schwimmen. Sind die Blätter da, ist auch Tristan anwesend. Dann ist es die Aufgabe der Königin, einen Baum zu suchen, auf den ein Kreuz mit fünf Enden geritzt ist. Unter diesem Baum, unter dieser "lind" (V. 3474) wartet der Held auf seine Geliebte.

Von da an trifft sich das Paar regelmäßig in Isoldes Baumgarten und beiden geht es besser, da sie sich sehen.

Baumgartenszene

Im Baumgarten spielen sich jedoch nicht nur Szenen der Harmonie ab. Da es am Hof auch nach Tristans vermeintlichem Verschwinden Neider gibt, welche nicht an Tristans endgültigen Fortgang glauben, wird erneut Zweifel gesäht.
Um diese Zweifel auszuräumen, engagieren die untreuen Hofmitglieder einen "zwerg" (V.3517), der hellseherische Kräfte besitzt. Dieser soll in den Sternen lesen, ob und wenn ja, wie und wo sich Tristan und Isolde weiterhin treffen. Der Zwerg bestätigt den Männern, dass das Liebespaar auch weiterhin miteinander verkehrt. Er ist sich seiner Sache so sicher, dass er sagt "eß ist nit wavr, so haisset ir mir zwar min hovpt ab shchlahen"(V. 3549-3553). Als er vor den König gebracht wird, schlägt er diesem einen Plan vor, um die beiden erneut auf frischer Tat ertappen zu können. Der König solle vorgeben, auf einen Jagdausflug zu reiten, stattdessen aber in der Burg bleiben. Der König ist enttäuscht, muss sich aber aufgrund des Drucks seiner Vasallen auf diesen Plan einlassen. Deshalb führt ihn der Zwerg in der Nacht des vermeintlichen Jagdausritts in den Baumgarten und befiehlt dem König, auf einen bestimmten Baum zu steigen. Der König folgt der Anweisung. Da in dieser Nacht jedoch der Mond sehr hell scheint, erkennt der ankommende Tristan den Schatten des heimlichen Beobachters im Bach, als er die Blätter in das Wasser wirft, um Isolde zu sich zu rufen.
Tristan erkennt die Gefahr und es gelingt ihm, Isolde zu warnen. Sie inszenieren einen Streit, um Marke, der im Baum sitzt, in die Irre zu führen. Der König ist schlussendlich also von der Unschuld der beiden überzeugt und hält den Zwerg für einen Lügner. Da Tristan eine Entschuldigung an König Marke vortäuscht und Isolde diese vehement ablehnt, erweicht das Herz des König sogar so weit, dass er Tristan wieder in sein Reich und seinen Hofstaat aufnehmen lässt. Natürlich sehr zum Missfallen der untreuen Gemeinschaft.
Der Baumgarten muss also nicht mehr genutzt werden, Tristan und Isolde können ihrer Liebe wieder unter normalen Umständen nachgehen.

Der Baumgarten als Raumkonzept

Der Baumgarten stellt im Tristan einen besonderen Raum dar: einerseits die Geborgenheit und Sicherheit, die der Park bietet, andererseits die Gefahr, die von ihm ausgeht. Er ist ein Ruheraum, eine Möglichkeit für Tristan und Isolde, sich zurückzuziehen und ihre Zweisamkeit zu genießen. Damit stellt er ein Eiland inmitten der Burg dar, das nur für die beiden reserviert zu sein scheint. Erst als König Marke in diese kleine Insel der Zweisamkeit eindringt, platzt die Blase des Friedens und das Paar wird gestört. Mit dieser Störung endet auch die Sicherheit des Raums. Die eigentliche Unbeschwertheit, die darin genossen werden kann, gibt es nicht mehr. Durch das Eindringen des Fremden, der nicht Teil dieser Raumstruktur ist, ist der Raum zerstört. Er kann sich auch nicht wieder vollständig erholen. Im Verlauf des Textes versuchen Isolde und Tristan zwar immer wieder, sich an ihrem Treffpunkt zu verabreden, werden jedoch gestört oder aufgehalten.
Der Raum funktionierte also nur so lange, bis eine Person eindrang, die eigentlich nicht zum Raumkonzept gehört. Obwohl König Marke der Besitzer der Burg ist und es somit sein Garten ist, stört er in dieser Umgebung. Nur durch den Zwerg wird er überhaupt dazu gebracht, sich auf den Baum zu setzen und die Szene zu stören. Der Zwerg nutzt Magie oder eine andere Form der Zauberei, um dem Paar auf die Schliche zu kommen. Daraus kann man die Vermutung anstellen, dass auch der Baumgarten auf magische Weise funktioniert. Er scheint eine Schutzfunktion für Isolde und Tristan zu evozieren. Unter den Bäumen des Gartens sind sie sicher, niemand findet sie oder vermutet sie dort. Erst das Eingreifen mithilfe von Magie schafft es, diesen Schutzschild zu durchbrechen und so den heilen Raum zu schwächen. Trotzdem erkennt Tristan den Schatten des Königs im sich spiegelnden Wasser der Quelle und kann so die Gefahr abwenden. Auch hier könnte man den Garten als rettenden Helfer sehen, der den beiden die Augen öffnet und ein Unglück verhindert.

Der Baumgarten im Verhältnis zu anderen Räumen

Im Gegensatz zum späteren Wald, in den Tristan und Isolde mit Tristans Knappe fliehen müssen, ist der Baumgarten in Markes Burg ein Paradies. Der alte, dunkle und unsichere Ort der Flucht besteht zwar aus den gleichen Pflanzen, vermittelt aber eine ganz andere Umgebung als Isoldes Baumgarten. Dieser wird idyllisch beschrieben, mit einem "brunnen" (V. 3463), einem Quell. Eine sichere und hübsche Atmosphäre wird evoziert. Ganz anders der große dichte Wald, in dem das Paar mehrere Jahre der Flucht verbringen muss. Dieser ist "gar wild" (V. 4707), also unwegsam, dicht und unheimlich.
Gemeinsam haben die Räume lediglich ihre vermeintliche Schutzfunktion. An beiden Orten sind die Liebenden alleine, kein anderer Mensch ist in der Nähe, abgeshen von Kurneval, der aber eher als Teil der Schutzfunktion angesehen werden kann.
Das Leben in Isoldes Baumgarten ist voller Annehmlichkeiten. Es ist gewissermaßen unbeschwert und leicht, die Atmosphäre ist gut, die beiden Liebenden sind glücklich. Dagegen ist das Leben im Wald hart, anstrengend und entbehrend. Die höfischen Leute, die sonst nur das Leben am Königshof kennen, müssen sich an das raue Leben in der Natur gewöhnen. Sie haben zwar einander und können zum ersten Mal gemeinsam leben und so die gefährliche Nebenwirkung des Trankes umgehen, doch es ist ein Leben in ständiger Angst davor, entdeckt zu werden. Als die vier Jahre zu Ende sind, beschließen Isolde und Tristan deshalb auch, ihr gemeinsames Leben aufzugeben und wieder zurück in die Zivilistation zu ziehen.