Antikes Geistesgut im Roman (Gottfried von Straßburg, Tristan)

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In diesem Artikel soll anhand einiger ausgewählter Beispiele gezeigt werden, inwiefern im Tristan Gottfrieds Antikenrezeption zutage tritt und inwiefern antikes Geistesgut den Roman in Form und Grundstimmung mitbestimmt.

Antike Bezüge auf der Oberflächenebene

Sucht man im Tristan nach antiken Inhalten, so ist es wichtig, nicht aus den Augen zu verlieren, dass ja nicht alles, was man im Roman liest, auch in jedem Fall die Erfindung Gottfrieds ist: Er selbst benutzte offensichtlich den Tristanroman des Thomas von Britannien als Vorlage, in dem sich bereits mehrere Anklänge an antike Stoffe finden. Es gilt also, wie Wilhelm Hoffa das vorexerziert hat[Hoffa 1910], an jeder infrage kommenden Stelle zu überprüfen, ob die antikischen Einflechtungen und die direkten oder indirekten Zitate klassischer Werke bereits bei Thomas vorkommen oder wirklich Gottfried zuzuschreiben sind.

Poetik

Klassische Personifikation der Rhetorik als regina artis, d. h. Königin der freien Künste (Darstellung aus den Mantegna Tarocchi, Norditalien um 1470)
"Gottfried schreibt in souveräner Beherrschung lateinischer Poetik des Mittelalters, die meist in der Spätantike ausgeformt worden war" [Wolf 1956]:S. 45.

Er verfügte, wie zahlreiche Quellen bestätigen, über außergewöhnlich hohe Bildung. Da im Mittelalter die Sieben Freien Künste und unter ihnen vor allem das Trivium (lat. Dreiweg) die Grundlage alles Wissens darstellte (vgl. das heutige "trivial" für "grundlegend"), ist es nur natürlich, dass Gottfried durch den Dialektik-, Grammatik- und Rhetorikunterricht auch mit klassischen und spätantiken Autoren in Berührung kam.
Zum Schulkanon zählten nicht nur christliche Autoren, sondern auch die heidnischen Meister der Kunst, wie Horaz, Cicero und Ovid (vgl. den Artikel zur Antikenrezeption), fühlte man sich schließlich zur "Verwertung der heidnischen Geistesschätze"[Bezold 1922]:S. 3 ob ihrer Größe geradezu verpflichtet.

Die ganze mittelalterliche Poetik, so könnte man behaupten, erwächst letzten Endes wieder aus den Normen der Antike (vgl. [Stevens 1990]:S. 76: Sie misst dichterische Größe am vollendeten Umgang mit den Disziplinen des Triviums; als Leitstern dienen Werke wie z. B. die Topica des Aristoteles oder die Ars Poetica des Horaz. Letzterer schreibt:

aut prodesse volunt aut delectare poetae
aut simul et iucunda et idonea dicere vitae
[...]
omne tulit punctum qui miscuiu utile dulci,
lectorem delectando pariterque monendo. [Horaz 2000]:V. 333-334+343-345
(Helfen wollen die Dichter oder doch uns erfreuen / oder beides: die Herzen erheitern und dienen dem Leben. /(...) Beifall bei allen erringt, wer Nützliches mischt mit der Liebe, / Freude dem Leser bereitend und gleichermaßen ihn mahnend. [Horaz 2000]:S. 271)

Adam Stevens erkennt in Gottfrieds Prolog genau diesen Vorsatz wieder: Ein Gedicht zu schaffen, in dem Nutzen und Gefallen ineinander übergehen [Stevens 1990]:S. 71-72:

ich hân mir eine unmüezekeit
der werlt ze liebe vür geleit
und edelen herzen z'einer hage (V. 45-47; hier und im Folgenden Tristan-Zitate immer aus [Gottfried von Straßburg 2007])
(Ich habe mir eine Aufgabe vorgenommen - zum Nutzen der Welt und zur Freude edler Herzen [Gottfried von Straßburg 2007]:S. 13)

Und das gelingt ihm auch, wie Stevens zeigt, indem er einen von Gottfrieds Nachfolgern anführt: Im Literaturexkurs seines Alexanders (V. 3153-3162) lobt Rudolf von Ems Gottfried und preist dessen Werk als Erfüllung des horazschen Ideals. Damit, so Stevens, wäre der Tristan den Werken der Alten ebenbürtig und erhielte den Status eines modernen Klassikers[Stevens 1990]:S. 70-71.

Doch nicht nur im Zweck, auch in der Ausführung muss Gottfrieds Werk vor den antiken nicht zurückweichen: Die Art, in der er seine weisen Gedanken in schöne Worte kleidet, zeigt seine Meisterschaft. Rhetorische Figuren und eine gefällige Grammatik unterstützen die dialektische Entfaltung der Ideen, mit der er den Leser konfrontiert. Wüssten wir nicht, dass das nachfolgende Lob des Johannes von Salisbury einem anderen gilt, so könnten wir annehmen, es sei an Gottfried gerichtet:

sententias colligit, ornatu uerborum splendet, ut eis displicere non possit qui aut uirtutem amant aut eloquentiam.

(Johannes von Salisbury: Metalogicon, zitiert nach [Stevens 1990]:S. 74)

(Er versammelt Sinnsprüche, glänzt durch die Ausschmückung seiner Worte, so dass sie keinem missfallen können, der entweder die Tugend oder die Beredtsamkeit liebt. [Übersetzung E. Becker])

Dass nicht Gottfried gemeint ist, sondern der römische Dichter Seneca, spricht eine deutliche Sprache.

Mythologie

Doch nicht genug damit, dass die Poetik, von der Gottfried ausgeht, von antikem Geist getränkt ist: Er webt auch direkt in die Erzählung immer wieder Anspielungen auf die antike Mythologie mit ein.

Stellen im Tristan

Wilhelm Hoffa hat zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Stellen zusammengetragen, an denen am deutlichsten aus Mythologie und aus antiker Lehr- und Liebesdichtung zitiert wird. Das Ergebnis[Hoffa 1910] ist überwältigend und lässt erahnen, dass der Tristan mehr Antike atmet, als das erste rasche Überlesen vermuten lässt. Im Folgenden seien die Stellen und ihre vermuteten Referenzen kurz erwähnt:

Stelle im Tristan Thema bezieht sich auf
3614-3617 Tristan singt den "leich... de la de la cûrtoise Tispê von der alten Bâbilône. die im Mittelalter äußerst populäre ovidsche Sage von Pyramus und Thisbe (Metamorphosen IV,55-166)
4726-4732 Lob der Weisheit Heinrich von Veldekes: ich waene, er sîne wîsheit ûz Pegases urspringe nam von dem diu wîsheit elliu kam (Ich glaube, er nahm seine ganze Weisheit vom Quell des Pegasus, von wo alle Weisheit kommt) Anspielung auf das geflügelte Musenpferd, das bei Ovid aus dem Blut der enthaupteten Meduse entspringt; sein Huftritt lässt die Musenquelle Hippocrene aus dem Helikon hervorbrechen (Metamorphosen V,256-263)
4787-4792 die Nachtigall "von Hagenau" singe mit der Zunge des Orpheus die im Mittelalter äußerst populäre ovidsche Sage von Apollos Sohn Orpheus, der mit seinem bezaubernden Gesang wilde Tiere und sogar die Götter des Totenreichs milde stimmt (Metamorphosen X,1-85)
4805-4808 die Nachtigall "von der Vogelweide" singt so lieblich, dass der Erzähler meint, es komme dâ her von Zythêrône, dâ diu gotinne Minne gebietet ûf und inne! (vom Berge Kithäron her, wo die Göttin Minne herrscht) Verwechslung oder Umdeutung der Insel Kythere, der Venus geweiht, mit dem oder zum Musenberg Kithaeron
4860-4879 Anrufung Apollos und der Musen vom Berg Helikon ausführlichere Analyse siehe den Artikel zur Musenanrufung
4869-4870 Gleichsetzung der Musen mit den Sirenen auch hierzu siehe den Artikel zur Musenanrufung
4929-4949 Vulkan, der Waffenschmied nähere Erläuterungen im Artikel zur Musenanrufung
4950-4965 Kassandra als Meisterin der Webkunst nähere Erläuterungen im Artikel zur Musenanrufung
5904-5911, 5979-5998, 18449-18454 Seltsame Angaben über den Status des Römischen Imperiums über Thomas vom Anglonormannen Wace übernommen
8085-8089, 8105-8110 die Sirenen und der Magnetstein etliche antike Überlieferungen, die schon bei Homer beginnen und bis ins Mittelalter ihre Faszination behalten, umgedeutet und weiterbearbeitet werden
8263-8276 Tristan preist Isoldes Schönheit: sie stelle Helena, Auroras Tochter in den Schatten die schöne Helena, Tochter des Iuppiters und der Leda[Ovid 2010]:S. 929, die laut der Erzählung der Venus an Schönheit gleichkommt, taucht in allen antiken Werken auf, die den Trojastoff thematisieren; war ihr Raub durch Paris doch der Anlass für den trojanischen Krieg
13346-13350 Tristan singt den leich von Didône die Sage der karthagischen Königin Dido und ihrer unglücklichen Liebe zu Aeneas (u.a. in Vergil: Aeneis I-III) vgl. auch die MA-Bearbeitungen des Stoffes, z. B. Heinrichs von Veldeke
16689-16693 Die Liebesgrotte: "im heidnischen Zeitalter vor den Jahren des Korinäus" von Riesen in den Berg gehauen schon von Thomas übernommen; dessen Quelle war der Anglonormanne Wace

Corinaeus: Bei Vergil ein Kamerad des Aeneas (Aeneis VI,228; IX,571; XII,298)

17182-17199 Phyllis, Canace, Byblis und Dido als die tragischen Heldinnen der Liebesgeschichten mit erotisch-elegischem Inhalt, die das Paar sich in der Verbannung erzählt;

Ausführungen siehe Fließtext unten

Ovid: Die Briefe von Phyllis (II) und Canace (XI) in den Heroides, die Sage von Byblis in den Metamorphosen IX,450-665 und die oben bereits erwähnte Sage von Dido

Beispielhafte Analyse: Die Heldinnen der senemaere

Besonders interessant hierzu sind Forschungsansätze wie der von Knut Usener [Usener 1999], die untersuchen, in welchem Zusammenhang die Referenzen auftauchen und welche Bedeutungsdimensionen sie für den Text eröffnen. In der zuletzt angeführten Stelle zum Beispiel (V. 17182-17199) wird erzählt, wie Tristan und Isolde sich in der Zweisamkeit Geschichten erzählen:

dâ sâzen sî z'ein ander an
die getriuwen senedaere
und triben ir senemaere
von den, die vor ir jâren
von sene verdorben wâren.
si beredeten unde besageten,
si betrûreten unde beclageten,
daz Villîse von Trâze,
daz der armen Canâze
in der minnen namen geschach;
daz Biblîse ir herze brach
durch ir bruoder minne;
daz ez der küniginne
von Tîre und von Sidône,
der seneden Didône
durch sene sô jaemerlîche ergie.
mit solhen maeren wâren s'ie
unmüezic eteswenne. (V. 17182-17199)
(Dort saßen sie aneinandergeschmiegt, die treuen Liebenden, und erzählten sich von sehnsüchtiger Liebe derer, die vor ihrer Zeit aus Liebe gestorben waren. Sie redeten und erzählten, sie trauerten und klagten über das, was Phyllis von Thrakien und was der armen Kanake und was ihnen im Namen der Liebe geschah; wie das Herz der Byblis brach aus Liebe zu ihrem Bruder; wie es der Königin von Tyrus und Sidon, der liebeskranken Dido, wegen ihrer Sehnsucht so schlimm erging. Mit solchen Geschichten waren sie stets sehr beschäftigt.[Gottfried von Straßburg 2007]:Bd. 2, S. 437)

Es sind nicht einfach irgendwelche antiken Geschichten, sondern Geschichten, in denen ihre Liebe die Protagonistin ins Verderben führt. Zudem sind es Geschichten, die zur Zeit Gottfrieds so populär gewesen sein müssen, dass er die bloße Erwähnung der Namen für ausreichend hält, um seinem Publikum die Schicksale der Benannten in Erinnerung zu rufen[Usener 1999]:S. 236:

Phyllis und Demophon. Holzschnitt aus dem frühen 16. Jahrhundert
  • Phyllis, die Verlobte Demophons, harrt monatelang der Rückkehr des Geliebten von seiner Athenreise, der aber lässt auf sich warten; ihre Verzweiflung treibt Phyllis am Ende in den Liebestod. In einigen Versionen der Sage verwandelt sie sich dabei in einen Mandelbaum. Sie selbst bezeichnet ihre Liebe als non sapienter[Ovid 1995]:II,27, also als "unvernünftig"
  • Canace, die in verbotener Liebe (amor illicitus[Usener 1999]:S. 238) zu ihrem Bruder entbrannt ist, erwartet ein Kind von ihm. Wenn auch das Liebesverhältnis und die Schwangerschaft mit Hilfe der Amme (etwa eine Parallelfigur zu Brangäne?) lange geheim gehalten werden konnte, scheitert die Heroin am Ende an der grausamen Intoleranz der Gesellschaft: Ihr Kind wird den Bergwölfen zum Fraß vorgeworfen [Ovid 1995]:XI,83-90, ihr selbst schickt ihr eigener Vater Aeolus ein Schwert, mit dem sie sich das Leben nimmt [Ovid 1995]:XI,95-96
Byblis von William-Adolphe Bouguereau (1884)
  • Byblis, deren Geschichte in Ovids Metamorphosen überliefert ist, verliebt sich ebenfalls in den eigenen Bruder. In ihrem Hadern mit sich selbst und den Moralvorstellungen der Gesellschaft, der sie angehört, versucht sie, ihre Liebe zu rechtfertigen. Zum einen führt sie die Götter an, die trotz geschwisterlicher Verbindung auch Liebhaber sind[Ovid 1995]:IX,497-499 zum anderen verweist sie auf Canace und ihren Bruder, die sich einvernehmlich liebten[Ovid 1995]:XI,507. Ihr Bruder jedoch ist über diesen amor illicitus entsetzt und entzieht sich ihr, indem er sein Vaterland verlässt und anderswo eine Stadt gründet [Ovid 1995]:XI,633-634. Byblis wird dadurch in den Wahnsinn getrieben: Sie macht sich auf, den Bruder zu suchen und sinkt nach langer vergeblicher Wanderung durch einen Wald entkräftet ins Laub nieder. Die Sage endet damit, dass die weinende Byblis von den Naiaden in eine Quelle verwandelt wird, was in unserer Aufreihung ebenfalls für ihren leiblichen Tod steht
Pierre-Narcisse Guérin: Aeneas erzählt Dido vom Trojanischen Krieg
  • Dido hatte Tyrus in Phönizien verlassen, weil sie um ihr Leben fürchten musste, nachdem ihr machtgieriger Bruder schon ihren geliebten Ehemann ermordet hatte [Vergil 2008]:I,340-359. An der afrikanischen Küste gründete sie Karthago und gewährte schon bald dem schiffbrüchigen Aeneas mit seinen Genossen Gastfreundschaft. Venus, die um das Leben ihres Sohnes fürchtete, sandte Cupido zu Dido, damit er in ihr die Liebe zu Aeneas entflamme [Vergil 2008]:I,657-662. Ein Liebesverhältnis beginnt sich zu entfalten. Als Aeneas, der ja zum Gründer eines neuen Volkes bestimmt ist, dann jedoch von den Göttern für sein Säumen getadelt wird [Vergil 2008]:IV, 219-237 und sie verlässt, lässt Dido, rasend vor Schmerz und Zorn, einen Scheiterhaufen errichten, um alle Gegenstände zu verbrennen, die sie an Aeneas erinnern[Vergil 2008]:IV,494-498. Mit seinem Schwert jedoch tötet sie sich schließlich, nicht ohne vorher noch ewige Feindschaft zwischen den Völkern Karthagos und Roms geschworen zu haben [Vergil 2008]:IV,612-705. Auch sie bezeichnet sich und ihre Liebe, wie Phyllis, bei Ovid als stulta[Ovid 1995]:VII,28, weil sie sich ihr hingegeben hatte, obwohl sie wusste, dass sie zum Scheitern verurteilt war [Usener 1999]:S. 240.

Usener vertritt die These, Gottfried setze in seiner Auswahl und Anordnung dieser Geschichten (zwei Beispiele "verbotener" Liebe im Kern, umrahmt von zwei Beispielen "unvernünftiger" Liebe[Usener 1999]:242) klare Akzente. Alle würden sie schon auf den tragischen Ausgang der Liebe von Tristan und Isolde hinweisen: Keiner der vier Gestalten ist eine erfüllte, andauernde Liebe beschieden, "der gesellschaftlichen Diskriminierung folgt unwiderruflich ein tragisches Ende"[Usener 1999]:242. Lambertus Okken dagegen stellt in seinem umfangreichen Tristan-Kommentar die These Fritz Peter Knapps vor[Okken 1996]:S. 617, Gottfried könnte einfach willkürlich die Aufzählung aus dem mythologischen Handbuch des Hyginus übernommen haben:

Phyllis propter Demophonta Thesei filium ipsa se suspendio necauit. Canace Aeoli filia propter amorem Macarei fratris ipsa se interfecit. Byblis Mileti filia propter amorem Cauni fratis ipsa se interfecit Calypso Atlantis filia propter amorem Vlixis ipsa se interfecit. Dido Beli filia propter Aeneae amorem se occidit.[...] (Hyginus, 'Fabulae'; cap.CCXLIII Quae se ipsae interfecerunt, S. 151 nach [Okken 1996]:S. 617)
(Phyllis hat sich aus Liebe zu Demophon, dem Sohn des Theseus, erhängt. Canace, die Tochter des Aeolus, hat sich aus Liebe zu ihrem Bruder Macareus getötet. Byblis, die Tochter des Miletus, hat sich aus Liebe zu ihrem Bruder Caunus getötet. Calypso, die Tochter des Atlas, hat sich aus Liebe zu Ulixes (Odysseus) getötet. Dido, die Tochter des Belus, hat sich aus Liebe zu Aeneas getötet.)

Usener reagiert darauf folgendermaßen:

"Vor dem Hintergrund des hohen Bildungsniveaus Gottfrieds ist jedenfalls die Wahrscheinlichkeit größer, daß der Dichter die Heroides, die Metamorphosen, die Remedia amoris und die Amores aus eigener Lektüre kannte - zumal Ovid in dieser Zeit, wie bereits festgestellt wurde, sehr beliebt war und ausführlich in der Schule behandelt wurde."[Usener 1999]:S. 243

Liebesdichtung

"...die Remedia amoris und die Amores aus eigener Lektüre kannte.": Auch antike Liebesdichtung hat im Tristanroman Spuren hinterlassen. Eines der eindrücklichsten Indizien dafür, dass Gottfried ein begeisterter Leser Ovids war, sind die Worte, die er seinem Protagonisten in den Mund legt (zur Selbstidentifikation Gottfrieds mit Tristan siehe weiter unten): Als Tristan in der Ferne an Liebeskummer leidet, geht ihm folgendes durch den Kopf:

>>ei<< dâhte er >>hêrre, wie bin ich
mit liebe alsus verirret!
diz liep, daz mir sus wirret,
daz mir benimet lîp unde sin,
dâ von ich sus beswaeret bin,
sol mir daz ûf der erden
iemer gesenftet werden,
daz muoz mit vremedem liebe wesen.
ich hân doch dicke daz gelesen
und weiz wol, daz ein trûtschaft
benimet der andern ir craft.
des Rînes vlieze und sîn vlôz
der enist an keiner stat sô grôz,
man enmüge dervon gegiezen
mit einzelingen vliezen
sô vil, daz er sich gâr zerlât
und maezlîche craft hât.
sus wirt der michele Rîn
vil kûme ein cleinez rinnelîn.
kein viur hât ouch sô grôze craft
ist man dar zuo gedanchaft,
man enmüge es sô vil zesenden
mit einzelnen brenden,
biz daz ez swache brinnet,
als ist dem, der dâ minnet.
der hât dem ein gelîchez spil.
er mag als ofte und alse vil
sîn gemüete zegiezen
mit einzelnen vliezen,
sînen muot sô manegen enden
zeteilen und zesenden,
bis daz sîn dâ sô lützel wirt,
daz er maezlîchen schaden birt. (V. 19424-19456)
(>>Ach, Herr<<, dachte er, >>wie bin ich durch diese Liebe so verwirrt. Wenn diese Liebe, die mich so verwirrt, die mir Leben und Vernunft raubt, die mich so sehr bedrückt, auf dieser Welt jemals gelindert werden soll, dann muß das durch einen neue Liebe geschehen. Ich habe oft gelesen und weiß genau, daß eine Liebe der anderen ihre Macht raubt. Der Fluß und die Strömung des Rheins sind an keiner Stelle so stark, daß man davon nicht ableiten könnte mit einzelnen Nebenarmen so viel, daß er sich ganz verteilt und seine Gewalt gemäßigt wird. So wird der große Rhein kaum mehr als ein kleines Rinnsal.Kein Feuer hat solche Gewalt, daß man, wenn man darauf aus ist, es nicht zerstreuen könnte in einzelne Brände, bis es nur noch schwach brennt. So geht es auch dem Liebenden. Er kann ein ähnliches Spiel treiben. Er kann so oft und so sehr seine Gefühle ableiten in einzelne Abflüsse, seine Empfindungen in so viele Richtungen zerstreuen und zerteilen, bis davon so wenig übrigbleibt, daß es ihm nicht mehr schadet.[Gottfried von Straßburg 2007]:S. 565+567)

Die beiden Beispiele von Fluss und Feuer, die durch Zerteilung an Kraft und Bedrohlichkeit verlieren, finden sich in dieser Anordnung sonst nur noch bei Ovid [Usener 1999]:S. 234 - dort aber dafür in geradezu atemberaubender Übereinstimmung:

Ovid, 'Remedia amoris', 441-452 und 462[Okken 1996]:S. 693:

Hortor et, ut pariter binas habeatis amicas.
Fortior est, plures si quis habere potest.
Secta bipartito cum mens discurrit utroque,
Alterius vires subtrahit alter amor.
Grandia per multos tenuantur flumina rivos,
Cassaque seducto stipite flamma perit.
Non satis una tenet ceratas ancora puppes;
Non satis est liquidis unicus hamus aquis.
Qui sibi iam pridem solatia bina paravit,
Iam pridem summa victor in arce fuit.
At tibi, qui dominae fueris male creditus uni,
Nunc saltem novus est inveniendus amor.
[...]
Successore novo vincitur omnis amor.
(Auch solltet Ihr Euch die Partnerinnen ausgewogen paarweise halten. Stärker steht, wer mehr als eine haben kann. Wenn der Geist zweigeteilt zwischen zwei Partnerinnen hin- und herläuft, verringert die Liebe zur einen die Kraft der Liebe zur anderen Partnerin. Große Flüsse werden klein, wenn sie ihr Wasser über viele Rinnsale verteilen, und eine grausame Flamme erlischt, wenn der Brennstoff auseinandergestoßen ist. Nicht fest genug hält ein einziger Anker die gewachsten Schiffe, und im klaren Wasser reicht ein einziger Angelhaken nicht. Wer sich schon gleich ein Trösterinnen-Paar zulegte, war schon gleich totaler Sieger. Aber Du: Bei Deiner einzigen - - Herrin ist Dein Kredit schlecht? Nun finde doch endlich eine neue Liebe, es muß sein! (...) Wenn eine neue Nachfolgerin da ist, wird jede Liebe besiegt."

Besonders die Verse 19433-19434, in denen Tristan angibt, diese Wahrheit schon oft gelesen zu haben, verweisen darauf, dass auch Gottfried selbst Ovids Werke hoch geschätzt hat.
Hoffa schlägt vor, Gottfried sei durch die bereits bei Thomas vorliegende Entscheidung Tristans, sich mit neuer Liebe zu trösten, an Ovids Remedia Amoris erinnert, und die Bilder vom zerteilten Fluss und vom zerteilten Feuer in den Roman aufgenommen [Hoffa 1910]:S. 345-346. Dazu kommt, dass auch die Namensähnlichkeit ein Element ist, das sich einige Verse nach der Fluss-und-Feuer-Stelle bei Ovid findet: Agamemnon habe sich über die ihm weggenommene Geliebte Chryseis mit der neuen Geliebten Briseis getröstet, deren Name nur in der Anfangssilbe anders sei (vgl. Remedia Amoris 467-486).

Weitere Stellen im Tristan, die Ovid und anderen antiken Dichtern zugeordnet werden können sind: V. 12236ff (Liebe in der Metapher von Saat und Ernte), V. 12304ff (Niedergang der Zeiten: Feilheit der Liebe), V. 17983ff (die Frau wird ihre Weiblichkeit nie verleugnen können), V. 13043-13049 (als Sentenz herausgebrochene Terenz-Stücke).
Die entsprechenden Referenzstellen lassen sich bei Hoffa[Hoffa 1910]:S. 346-350 nachschlagen und werden hier nicht weiter ausgeführt.

Es finden sich auch die Spuren einer Menge lateinischer Sprichwörter im Text, von denen allerdings nicht klar ist, ob sie Gottfried im lateinischen Original vorlagen oder ob die Weisheiten zu seiner Zeit bereits volkssprachlich so weit verbreitet waren, dass er sie aus dem mittelhochdeutschen Sprachgebrauch kannte. [Hoffa 1910]:S. 348

Antike Bezüge auf der Sinnebene

Wo sich schon auf der Textebene die Anspielungen auf die Antike derartig tummeln, wird die Frage interessant, ob Gottfried zwar antike, aber gedanklich vollständig mediävalisierte Figuren verwendet, oder ob er auch den Ausgangspunkt seines Denkens in humanistischer Weise, also in Orientierung an der Philosophie der Alten, in die Nähe der Antike rückt. Alois Wolf schreibt dazu:

"Das Bildungserlebnis der Antike geleitet seit ihrem Anbeginn die deutsche Literatur. Über Frankreich gab es den deutschen Dichtern des Hochmittelalters neue Stoffe und ihren Versen feinen Schliff. Bei Gottfried aber kam es zu jener inneren Begegnung, die so oft in der deutschen Geistesgeschichte das Christliche verdrängte, es schimmert Heidnisches aus seinen Versen."[Wolf 1956]:S. 53

Wolf unterstellt Gottfried also, im Tristanroman ein grundsätzlich neues, anders aufgebautes Wertesystem aufzubauen.

In der Tat wird bei der Lektüre sehr schnell deutlich, dass im Tristan nicht das christliche Programm abläuft, nach dem "die Freude der Welt mit ihrer vergänglichen Süße an der Bitterkeit des Höllenendes gemessen und verworfen" wird [Wolf 1956]:S. 48. Stattdessen nimmt die Erzählung eine lebensbejahende Haltung ein, die sowohl die Süße als auch die Schwere des Lebens akzeptiert. Leiblichkeit mit all ihren Freuden und Leiden wird als die höchste, weil einzige, Möglichkeit des Lebens verherrlicht und Sinnlichkeit, die lust des lîbes unde des herzens[Wolf 1956]:S. 49, gilt als letztes Ziel. Diese extreme Ausrichtung aufs Diesseits entspricht einer wahrhaft humanistischen Sichtweise.

Der Kontakt zum Diesseits wird aber nicht allein über die Liebe hergestellt: Auch durch Bildung und Kultur, durch Sprachkenntnisse und Umgangsformen findet der Vorgang statt, durch den ein Mensch gewerldet wird, wie Gottfried es im Prolog so unübersetzbar treffend ausdrückt [Gottfried von Straßburg 2007]:V. 41-44. Tristan ist der vollkommene Mann von Welt. Seine Ausbildung, die der treue Rual ihm zukommen lässt, formt ihn zu dem Ideal hin, das schon seit der römischen Zeit für einen Herrscher galt: "sowohl Feldherr wie auch Musensohn" zu sein. "Die Herrscher-virtutes lassen sich von Gelehrten auf eine Formel bringen: fortitudo et sapientia, das ist 'Tapferkeit und Weisheit'."[Okken 1996]:S. 137

Isolde genießt ebenfalls eine solche Ausbildung (V. 7962-8004), die - noch mehr angesichts der Tatsache, dass sie eine Frau ist - keineswegs als selbstverständlich gelten kann. In anderen Werken mittelalterlicher Literatur werden zwar ritterliche und religiös-moralische Tugenden betont, nicht aber, wie hier eine Auseinandersetzung mit fremden Kulturen (V.2062-2063), das Studium (antiker?) wissenschaftlicher Literatur (V. 2064-2067, 2085-2092) und der Musik (V. 2093-2102). Auch das Jagen beherrscht Tristan nicht nur um des reinen Zeitvertreibs willen, sondern er ist auch hier so kunstreich, dass er die rein ritterlich ausgebildete Jagdgesellschaft Markes verblüfft und in ihrer Unkenntnis richtiggehend bloßstellt.

Lassen sich in der Schilderung von Tristans Erziehung etwa Spuren von Gottfrieds eigener Ausbildung erkennen? Identifiziert er sich mit seinem Protagonisten? Es scheint beinahe so, denn der Ton, in dem er von der Erziehung Tristans erzählt, lässt eine emotionale Vertrautheit mit der Situation seines jugendlichen Helden durchscheinen:

daz was sîn erstiu kêre
ûz sîner vrîheite.
dô trat er in daz geleite
betwungenlîcher sorgen,
die ime dâ vor verborgen
und vor behalten wâren.
in den ûf blüenden jâren,
dô al sîn wunne solte entstân,
dô er mit vröuden solte gân
in sînes lebenes begin,
dô was sîn beste leben hin.
dô er mit vröuden blüen began,
dô viel der sorgen rîfe in an,
der maneger jugent schaden tuot,
und darte im sîner vröuden bluot.
in sîner êrsten vrîheit
wart al sîn vrîheit hin geleit.
der buoche lêre und ir getwanc
was sîner sorgen anevanc. (V. 2068-2006)
(Das war seine erste Abkehr von der Freiheit. Da machte er Bekanntschaft mit auferlegten Mühen, die ihm bis dahin erspart und ferngehalten worden waren. In seinen aufblühenden Jahren, da sein ganzes Glück erst beginnen, da er mit Freuden in den Frühling seines Lebens eintreten sollte, da war sein schönstes Leben schon vorüber. Als er mit Freuden aufzublühen begann, da befiel ihn der Rauhreif der Sorge, der häufig der Jugend Schaden zufügt, und ließ die Blüten seines Glücks verdorren. In seiner ersten Freiheit wurde all seine Freiheit vernichtet. Die Wissenschaft und ihr Zwang wurden der Beginn seines Kummers. [Gottfried von Straßburg 2007]:S. 131+133

Ein weiterer Punkt, der eine auffällige Abweichung zum gängigen Modell darstellt, ist die Art und Weise, in der Gottfried das Schicksal Tristans und Isoldes darstellt: Er stellt keine Bezüge zum christlichen Vorhersehungsglauben her, sondern scheint auf ein Fatum zu verweisen, das an einer Stelle im Leben der Figuren aktiviert wird (hier ist es durch den Minnetrank) und das dann unerbitterlich zu einem Ende führt: ez gienc, alse es solde (V. 19175: Es ging, wie es gehen sollte)[Wolf 1956]:S. 52. Dies entspricht viel mehr antiken Vorstellungen z.B. der Auswirkungen einer Verletzung durch Amor/Eros.

Fazit: Bedeutung für die Grundstimmung des Romans

Fraglos verleihen die mythologischen und poetischen Rückgriffe auf die römische Antike Gottfrieds Werk besondere Tiefe, die - damals wie heute - für den wissenden Leser zu der reinen Lust an der Geschichte von Tristan und Isolde noch den Reiz eines dichten Anspielungsgewebes hinzufügen. Die antiken Figuren und Formen dienen Gottfried dazu, bestimmte Stellen durch einen gehobenen Stil hervorzuheben:

"der dichter Gottfried hat die alten auctores selbst, Ovid besonders und Vergil, gelesen; ihre gedanken und ausdrucksformen fügt er mit sicherer künstlerhand dem eigenen werke ein, die gestalten ihrer götterlehre sind in ihm lebendig, sind ihm mittel der gesteigerten dichterischen anschauung, schmuck der gehobenen rede, wenn auch bisweilen dem antiken körper ein mittelalterliches mäntelchen umgehängt ist." [Hoffa 1910]:S. 350

Jedoch ist die Einbeziehung der Antike in den Tristan nicht lediglich Ausschmückung des Textes, stellenübergreifend gibt sie vielmehr ein ideelles Programm an, von dem her der gesamte Roman zu verstehen ist. Wenn Gottfried in einen Roman, der kein Antikenroman ist, so viel von heidnischer Dichtung einfließen lässt, ist das beinahe eine humanistische Kampfansage an Ritterideal und christliche Dogmatik (vgl. Alois Wolf: "Hand in Hand mit dem eingangs gedeuteten Bekenntnis Gottfrieds zur Antike als formende Macht und zur werlde im Gehaltlichen geht nämlich nicht nur eine Entwertung des Ritterlichen vor sich, sondern es ist auch die Verdrängung des Religiösen zu beobachten."[Wolf 1956]:S. 47)

Der Tristan muss zu seiner Zeit ein revolutionärer Roman gewesen sein, mit dem sich Gottfried provokativ, beinahe sogar polemisch in den Tugend- und Idealdiskurs seiner Zeit einschaltet. Er wirkt hier als Avantgardist, der nicht nur als erster "an einer der am schärfsten berechneten Stellen der Dichtung"[Wolf 1956]:S. 46 die Kunst allein von Apollo und den Musen herleitet, sondern darüber hinaus, in einer Vermischung mittelalterlicher Mystik, neuplatonischer Ansätze und antiker Reminiszenzen eine ideale Gesellschaft propagiert, die notwendig wäre, um die Liebe (und damit das Leben) zur Erfüllung zu bringen.

Literatur


  • [Bezold 1922] ^ Bezold, Friedrich von: Das Fortleben der antiken Gotter im mittelalterlichen Humanismus. Bonn, Leipzig 1922.
  • [Hoffa 1910] ^ 1 2 3 4 5 6 Hoffa, Wilhelm (1910): Antike Elemente bei Gottfried von Straßburg. In: Zeitschrift für deutsches Altertum (52), S. 339–351.
  • [Horaz 2000] ^ 1 2 Horatius Flaccus, Quintus: Satiren, Briefe. Sermones, Epistulae. Lateinisch - deutsch. Quintus Horatius Flaccus. Übers. von Gerd Herrmann. Hrsg. von Gerhard Fink. Düsseldorf, Zürich 2000, hier: Briefe. Epistulae: An Piso und seine beiden Söhne. Über die Dichtkunst, S. 253-279.
  • [Okken 1996] ^ 1 2 3 4 Okken, Lambertus (1996): Kommentar zum Tristan-Roman Gottfrieds von Strassburg. 2., gründlich überarb. Amsterdam: Rodopi (Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur, 57).
  • [Ovid 1995] ^ 1 2 3 4 5 6 7 Ovidius Naso, Publius; Häuptli, Bruno W.: Liebesbriefe. Lateinisch - deutsch = Heroides epistulae. München [u.a.] 1995.
  • [Ovid 2010] ^ Ovidius Naso, Publius; Albrecht, Michael von: Metamorphosen. Lateinisch, deutsch. Durchges. und bibliogr. erg. Ausg. Stuttgart: Reclam (Römische Literatur, 1360), 2010.
  • [Stevens 1990] ^ 1 2 3 4 Stevens, Adrian: The renewal of the classic. Aspects of rhetorical and dialectical composition in Gottfried's 'Tristan', in: Gottfried von Strassburg and the medieval Tristan legend. Papers from an Anglo-North American symposium. Hg. von Adrian Stevens, Cambridge 1990 (Publications of the Institute of Germanic Studies 23), S. 67-89.
  • [Usener 1999] ^ 1 2 3 4 5 6 7 8 Usener, Knut: Verhinderte Liebschaft. Zur Ovidrezeption bei Gottfried von Strassburg, in: Tristan und Isolt im Spätmittelalter. Vorträge eines interdisziplinären Symposiums vom 3. bis 8. Juni 1996 an der Justus-Liebig-Universität Gießen, hg. von Xenja von Ertzdorff, Amsterdam (u.a.) 1999, (Chloe, 29), S. 219-245.
  • [Wolf 1956] ^ 1 2 3 4 5 6 7 Wolf, Alois: Zur Frage des antiken Geistesgutes im 'Tristan' Gottfrieds von Straßburg, Natalicium Carolo Jax septuagenario a. d. VII. Kal. Dec. MCMLV oblatum, Bd.2, Innsbruck 1955-1956, S. 45-54.
  • [Vergil 2008] ^ 1 2 3 4 5 Vergilius Maro, Publius: Aeneis. Lateinisch/Deutsch. Hg. v. Edith Binder. 2008 Stuttgart.