Adressaten des Parzivals

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Dieser Artikel setzt sich zum Ziel, die Adressaten des Parzivals herauszuarbeiten. Diesbezüglich wir der Prolog des Werkes analysiert.

Einführung in die Adressaten Typen

Im Prolog nennt Wolfram von Eschenbach drei Adressaten-Gruppen: den wîsen, den tumpen und den "schwarz-weiß-gemischt-elsternfarbige" an die sich sein Werk wenden soll. Hierfür wird das Elsterngleichnis als Initiierung angewandt.

Adressaten Typus I : Der schwarz-weiß-gemischt elsternfarbige Adressat

Der erste eingeführte Adressaten Typus ist- der schwarz-weiß-gemischt elsternfarbige Adressat. Auffällig in Wolfram von Eschenbach Parzival ist, dass diesem Adressaten die größte Aufmerksamkeit gewidmet ist [Schirok 2003]:CIV. Dieser Adressat wird in den nachfolgenden Versen 1,1 -1,14 [Schirok 2003]:CIIIfolgendermaßen umschrieben:


Mittelhochdeutsch Neuhochdeutsch
Ist zwîvel herzen nâchgebûr, Wenn zwîvel sich im Herzen als Mitbewohner breitmacht,
daz mouz der sêle werden sûr. dann wird das bitter für die Seele.
gesmaehet unde gezieret Schmach und Schmuck sind
ist, swâ sich parrieret zusammengenäht, wenn zwîvel unbeirrbare
unverzaget mannes muot Entschlossenheit entgegengesetzt wird
als agelstern varwe tuot. wie beim (schwarz-weißen) Federkleid
der mac dennoch wesen geil: der Elster. Ein solcher elsternfarbener
wand an im sint beidiu teil, Mensch kann trotz des zwîvels
des himels und der helle. hoffnungsvoll sein, denn an ihm haben
der unstete geselle beide Anteil, Himmel und Hölle. Der Haltlose
hât die swarzen varwe gar, ist ganz und gar schwarz und
und wirt och nâch der vinster var: landet auch dort, wo ewige Finsternis
sô habet sich an die blanken herrscht. An die weiße Farbe hält sich,
der mit staeten gedanken dessen Sinnen und Trachten unerschütterlich ist.

Der vollkommen Schwarze wird hier in lediglich drei Versen umrissen. Sein Gegenüber - der ganz Weiße – erhält bei ihm einen noch geringeren Anteil in seiner Umschreibung. Der schwarz-weiß-gemischt-elsternfarbige Adressat wird durch ambivalente Umschreibungen gekennzeichnet: zwîvel – unverzaget mannes muot [PZ]:1,1 ; 1,; gesmaehet unde gezieret [PZ]:1,3 charakterisiert. Sein Schicksal steht offen vor ihm, da an ihm sint beidiu teil, des himels und der helle [PZ]:1,8-1,9. Er hat - durch seine weiße Farbgebung - ein Anrecht in den Himmel zu kommen [PZ]:1,12- 14. Doch führt seine schwarze Charakterisierung als unstaete geselle [PZ]:1,10-12 zu einer Offenheit in dieser Entscheidung. Diese Entscheidung gilt es für diesen Typus durch dessen Handeln selbst zu treffen „ sô habet sich an die blanken der mit staeten gedanken.[PZ]:1,13-1,14. Somit wird der Anschein geweckt, er habe den größeren Anteil. Achtet man im Folgenden auf die Symbolik seiner Farbgebung (schwarz/weiß bzw. Himmel/Hölle), bildet er den Kontrast zwischen dem Schwarzen und dem Weißen und scheint mittig zwischen ihnen zu stehen.


Adressaten Typus II: der tumbe

Der Erzähler richtet im weiteren seinen Blick auf den zweiten Adressaten. Diesen findet er im Leser. Hier führt er vor allem die Leute auf die sich selbst eher unfreiwillig als die tumben liute betiteln, indem sie dem Elsternkonzept die Unverständlichkeit entgegenbringen.

Dieser Adressat wird in den nachfolgenden Versen 1,15-25 [Schirok 2003]:CIV wie folgt beschrieben:

Mittelhochdeutsch Neuhochdeutsch
diz vliegende bîspel Dieses ‚fliegende Gleichnis‘
diz vliegende bîspel ist für Ignoranten viel zu schnell,
sine mugens niht erdenken: sie können gedanklich nicht folgen:
wand ez kan vor in wenken denn es schlägt vor ihren Augen Haken,
rehte alsam ein schellec hase. gerade so wie ein aufgeschreckter Hase.
zin anderhalf ame glase Sein Spiegelbild gefällt
gelîchtet, und des blinden troum. und der Traum eines Blinden auch.
Die gebent antlützes roum, Die vermitteln zwar Vorstellungen von Ge-
doch mac mit staete nicht gesîn stalten, doch kann dieser trübe und flüchtige
dirre trüebe lîhte schîn: Eindruck nicht von Dauer sein
er machet kurze Freude alwâr. und er macht daher auch nur kurze Freude.

Die Elster als ‚vliegende bîspel‘, und dass damit verbunden Menschenbild erscheint wie ein aufgeschreckter Hase. Der Grund besteht darin, dass die tumben daran Gefallen finden. Sie finden Gefallen an Spiegelbildern, (Blinden-)Träumen, die durchaus eine bestimmte Vorstellung vermitteln können, jedoch nur von flüchtiger bzw. ohne staete Natur sind. Sie bereiten dem tumben nur kurze vröude. Sowohl das ‚Spiegelbild’ als auch der ‚Blindentraum‘ sind Metaphern die für die literarische Erscheinungen, deren Qualität mit Spiegelbildern und realitätsfernen Blindenträumen verbunden ist. Die Gewohnheit und der Gefallen an genau diesen Metaphern behindert ein weiterführendes Verständnis des neuen Konzepts. Daran angeschlossen soll aufgezeigt werden, dass die Ignoranz des tumben zu einer flüchtigen triuwe führt. Die triuwe eines tumben ist als flüchtig oder kurzweilig angeprangert.

Im weiteren Verlauf wird dieser Adressat weiter dieser Punkt in den Versen 2,1-4 aufgegriffen [Schirok 2003]:CV

Mittelhochdeutsch Neuhochdeutsch
wil ich triwe vinden Will ich Treue finden
aldâ sie kan verswinden, wo sie jederzeit verlöschen kann wie
als viur in dem Brunnen Feuer im Wasser und verdunsten wie Tau
unt daz tou von der sunnen? unter den Strahlen der Sonne?

Wer dem neue Konzept mit Unverständnis oder Aggression [PZ]:1,26-30 begegnet wird nur Freude an literarischen Erscheinungen haben, deren staete fraglich ist. Die triuwe und die staete desjenigen ist dann ebenso fraglich und kurzweilig. Der Erzähler wendet sich von diesem Typus ab. Es folgt nun der dritte Adressaten Typus.


Adressaten Typus III: der wîse man

Der wîse man stellt die dritte und damit letzte Adressatengruppe.

Dieser Adressat wird in den Versen 2,5-8 wie folgt eingeführt [Schirok 2003]:CV

Mittelhochdeutsch Neuhochdeutsch
ouch erkante ich nie sô wîsen man Ich habe aber auch noch niemanden kennen-
ern möhte gerne künde hân, gelernt, der so weise gewesen wäre,
welher stiure disiu maere gernt dass er nicht guten Grund gehabt hätte,
und was sie guoter Lore wernt. bereitwillig zu erfahren, welche Einstellung
die Geschichten von ihm als Beitrag fordern
und welche guten Lehren sie ihm im
Gegenzug dafür geben.


Der zu leistende Beitrag des Rezipienten wird vom Erzähler ausführlich erläutert. Der Beitrag zum Gelingen des literarischen Werks besteht darin, dass sich dieser Rezipient auf die neuen Konzepte einstellt. Dieser Typus wird nicht von Beginn an als „weise“ beschrieben, sondern sie werden eher als aufgeschlossen gegenüber den Ausführungen des Erzählers betrachtet. Geschickt werden die Hörer/Leser dazu aufgefordert es dem wîsen man gleich zu tun.

Um den wîsen auf die Besonderheiten der folgenden Geschichte vorzubereiten richtet er folgende Worte an ihn [Schirok 2003]:CVI

Mittelhochdeutsch Neuhochdeutsch
dar an si nimmer des verzagent, In dieser Beziehung - was stiure und lêre
beidiu sie vliehent unde jagent, betrifft - sind sie unermüdlich, indem sie jeweils
si entwîchent unde kêrent, beides tun: sie sind auf der Flucht und auf der
si lasternt unde êrent. Jagd, sie weichen zurück und kehren um, sie
bringen Schande und verschaffen Ansehen.

Unabdingbar ist es die Argumentationsstruktur in den Versen [PZ]:2,5-12 herauszuarbeiten. Die Geschichte ist zwischen zwei Richtungen einzuordnen. Sie fordert stiure und erlaubt die lêre, zum anderen vermittelt sie auf eine bestimmte Art. Beide Richtungen sind in Klammern gefasst, da die Geschichte auf diese ausgewählte Art darstellt. Der Hörer muss sich nun darauf einstellen (stiure), und dadurch vermittelt sie erst die lêre.


Fazit

Obgleich jemand tump oder wîse ist, guot oder valsch sei, ob sich Inneres und Äußeres entsprächen oder ob dieser Fall nicht eintrifft, all jene Punkte werden sich im Verständnis des fortlaufenden Textes deutlich herausarbeiten. Somit liegt die weitere Verantwortung für das Gelingen oder das Fehlschlagen - nach Wolfram von Eschenbach - in der literarischen Kommunikation ganz allein beim Rezipienten.


Quellen

  • [Schirok 2003] ^ 1 2 3 4 5 6 Schirok, Bernd: Einführung in Probleme der 'Parzival'-Interpretation, Walter de Gruyter, Berlin; New York 2003
  • [PZ] ^ 1 2 3 4 5 6 7 8 von Eschenbach, Wolfram: Parzival. Text und Übersetzung. 2. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin; New York 2003