"Tristan" im Deutschunterricht (Gottfried von Straßburg, Tristan)

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Der Tristanroman als Grundlage einer Unterrichtseinheit?

Es soll aufgeführt werden, inwieweit sich gerade der Tristanroman von Gottfried von Straßburg für den Schulunterricht eignet und welche Episoden, Handlungen und Motive didaktisch wertvoll genutzt werden können. Jedoch sollen in diesem Artikel weder die Forschungsmeinungen, noch Interpretationsanalysen vorgenommen oder berücksichtigt werden.


Einführung

Der Tristanroman von Gottfried von Straßburg bietet mehr als eine Möglichkeit für eine Unterrichtseinheit. Die Geschichte um Tristan und Isolde bietet der Forschung seit Jahren umfangreiche Beschäftigung, was unter anderem darauf zurückgeführt werden kann, dass sich dieser Roman doch durch gewisse Aspekte von seinen "Zeitgenossen" abgrenzt. Die Handlungsstränge, die neben der zentrale Geschichte, nämlich der Liebesbeziehung zwischen Tristan und Isolde, behandelt werden, weisen facettenreiche Momente auf, die den Leser an den Tristanroman binden, und somit auch weitreichende Motive beinhalten, welche sich gut in den Deutschunterricht von heute einbinden lassen.

Das Behandeln von mittelalterlichen Texten im Deutschunterricht gehört nicht zu den beliebtesten Themen des Faches. Anhand dieses Artikels soll aufgezeigt werden, dass der Tristanroman Thematiken behandelt, die für eine Unterrichtseinheit sehr gut verwendbar sind.

Was bietet der Tristanroman?

Der Tristanroman ist zum einen aufgrund seiner Vielseitigkeit gut für den Deutschunterricht geeignet, andererseits stellt diese jedoch auch eine gewisse Schwierigkeit für die Lehrenden dar, da, je nach Zeitfenster der Lehrenden, Abstriche bei der Themenwahl gemacht werden müssen. Gottfried von Straßburgs Tristan ist aufgrund seiner Geschichte, der inakzeptablen Liebesgeschichte zwischen Tristan und Isolde im Kontrast zum Idealbild der höfischen Gesellschaft sowie durch die Verwendung vieler facettenreicher Motive, ein, im Bezug auf auf die weiteren höfischen Romane, wie beispielsweise der Erec und Iwein Hartmanns von Aue, ein "untypisches" mittelalterliches Werk.

Der Tristanroman liefert neben dem zentralen Thema der Liebe und die mit ihr tendierende Liebesreligion, ferner der Liebesmystik, dem von Beginn an herbeigeleiteten Ehebruch und die Personenkonstellationen, welche all diese Motive implizieren, bzw. herausfordern auch andere Thematiken in den Vordergrund. Allerdings sind all diese Motive kein Einzelfall, sondern treten auch in anderen mittelalterlichen Romanen auf. Insbesondere das Nibelungenlied weist ähnliche Strukturen auf. An dieser Stelle sei die inakzeptable Liebesgeschichte zu nennen, die im Nibelungenlied zwischen Kriemhild und Siegfried dargestellt wird.[1]

Der Lehrende sollte sich im Vorfeld entscheiden wozu er tendiert, da sich der Tristanroman für eine ganze Unterrichtseinheit eignet, die, wie oben schon erwähnt eine menge Zeit in Anspruch nehmen würde, wie beispielsweise eine Projektarbeit, oder aber die Entscheidung fällt auf eine bestimmte Episode, oder einen Versausschnitt, um damit eine einzelne Unterrichtsstunde zu gestalten, die man dann in den Gesamtkontext um die Thematik der mittelalterlichen Literatur einzubetten versucht.

Mögliche Unterrichtsthemen

Bevor sich der Lehrende/die Lehrende für ein klar formuliertes Thema entscheidet, sollte feststehen, welches Ziel erreicht werden möchte. Neben dem zentralen Thema der Minne und des Minnetranks bieten die Listen der Protagonisten ein didaktisch wertvolles Thema für die Unterrichtsgestaltung, aber auch die Bildung im Kontext der höfischen Gesellschaft im Tristanroman, wie auch die Exkurse, die Gottfried von Straßburg als Mittel der Kommentierung im Roman verwendet, lassen sich gut in einen "vergleichenden" Unterricht einbinden, oder zur Gestaltung eines Projekts ausarbeiten.

Mögliche Aufgaben und ihre Lernziele

Beschäftigt man sich nun im Unterricht mit dem zentralen Thema der Minne, dem Minnetrank, oder der Minnegrotte, so kann man anhand dieser Themen den Schülerinnen und Schülern die Bedeutung um die Liebe in Verbindung mit dem damaligen Gesellschaftsbild vermitteln. Denn, trotz umfangreicher Motive, die Gottfried von Straßburg in seinem Roman verwendet, handelt es sich doch um eine Liebesgeschichte, die in Anbetracht der Ideale der höfischen Gesellschaft zum Scheitern verurteilt ist. Anhand dieser Thematik kann man den Schülerinnen und Schülern aufzeigen, dass es sich bei Tristan um einen individuellen, sich vom höfischen Idealbild abgrenzenden Protagonisten handelt, der zwar durch seine Fähigkeiten und Tugenden dieses nach Außen nicht zu sein scheint, durch Isolde jedoch unbewusst dazu bewegt wird sich von diesem System immer mehr entfernt.

Neben der Liebesthematik können aber auch andere zentrale Themen für den Unterricht genutzt werden. Interessant ist für die Schülerinnen und Schüler das Fortwirken der politischen, wirtschaftlichen und insbesondere der sozialen Verhältnisse zu erschließen, sowie der feststellung, dass sich die Wahrnehmung von damaligen Strukturen zur heutigen Zeit verändert haben. Ihnen wird ein mittelalterliches Bild vermittelt, welches sie lernen sollen zu differenzieren. Denn die mittelalterliche Literatur ist einzig allein fähig, diese Klischees getreu zu übermitteln. Durch das Arbeiten mit solcher Literatur sollen die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass in mittelalterlicher Literatur die Traditionen und deren Urteile relativiert werden müssen.[2]

Die Minne als Unterrichtsthematik

Der Minnetrank, als Moment der entfachenden Liebe, kann in diesem Zusammenhang von den Schülerinnen und Schülern auf seine Bedeutung für Tristan und Isolde hin analysiert werden und in den Kontext der sich daraus entwickelten Geschichte integriert werden. Handelt es sich bei dem Trank um ein von Gottfried inszeniertes sekundäres Symbol, was die bestehende Liebe idealerweise bezeichnet, oder kann man den Minnetrank als eine Art Zäsur sehen, der die Liebe zwischen den beiden entfachen bzw. motivieren lässt? Eine weitere Aufgabe könnte sein, dass die Schülerinnen und Schüler die Episode der Minnegrotte analysieren und versuchen den Stellenwert dieser, zum einen für Tristan und Isolde, und zum anderen für die höfische Gesellschaft herauszuarbeiten. Dieses Element wurde von Gottfried von Straßburg auf eine künstlerische Art und Weise für die Liebenden geschaffen, damit diese eine Möglichkeit haben dem Ideal, personifiziert durch die Gesellschaft, zu entfliehen.

Behandelt man im Unterricht also die Minne im Tristanroman, so findet sich in diesem Element ein deutlicher Bezug auf die Gegenwart, denn das Thema um nicht akzeptierte Liebe, also gegen Regeln und somit gegen das System, die moderne Gesellschaft, ist bis dato ein aktuelles Thema.

Die Listmotive als Unterrichtsthematik

Entscheidet man sich jedoch für die Listen im Tristanroman, analysiert man zwangsläufig die Machtpositionen zwischen Männern und Frauen, wobei der Begriff Machtposition hier ein wenig abgeschwächt verstanden werden soll. Gottfried von Straßburg arbeitet mit dem Motiv der List, um, unteranderem die Charaktereigenschaften der Frauen des Mittelalters darzustellen, und somit die Schwäche der Männer, da diese so manipulativ sind. Die Listen der Isolde sind größtenteils als eine Gegenmaßnahme zu verstehen, die nicht selbstmotiviert angewandt wird. Das Motiv der Listen im Tristanroman sind als ein Aspekt der zwischenmenschlichen Beziehungen zu verstehen.

Interessant wäre bei dieser Themenwahl, dass man die Schülerinnen und Schüler untersuchen lässt, inwiefern es sich bei Tristan und Isolde um ein ideales Liebespaar handelt? Diesbezüglich könnte man die Schülerinnen und Schüler auf den Prolog Gottfrieds von Straßburg hinweisen, anhand dessen sie die Darstellung des Liebespaares herausarbeiten sollen. Im Folgenden können sie ihre Ergebnisse gegen die Motivation der Listen, somit gegen die Legitimation dieser, stellen, und anhand dieser Gegenüberstellung eine Antwort formulieren.

"Bildung der höfischen Gesellschaft" als Unterrichtsthematik

Das Behandeln des Themas "Bildung" ist ein weiteres für den Schulunterricht, da man anhand dessen einen Vergleich intern im Mittelalter anstreben kann, wie auch einen Bezug zur heutigen Zeit herausarbeiten kann. Die Schülerinnen und Schüler sollten an erster Stelle eine Differenzierung intern vornehmen, das heißt, sie sollten die Ausbildung des Adels gegen die Ausbildung des Protagonisten, Tristan stellen. Wie im Verlauf des Romans deutlich wird verfügt Tristan über eine Reihe von Tugenden und Fähigkeiten, die er zum Ausdruck bringt. Die Schülerinnen und Schüler könnten anhand von gewählten Episoden, wie beispielsweise die der Kaufmänner, des Maienfestes, der Jagd, des Künstlers etc. ein Bild seiner Ausbildung verschaffen, idealerweise in verschiedenen Gruppen mit einer anschließenden Ergebnissicherung. Im Folgenden werden sie herauskristallisieren, dass Tristan den anderen weit überlegen ist, was eher ungewöhnlich war, denn innerhalb der höfisch-ritterlichen Erziehung lag der Schwerpunkt nicht auf der Erlernung intellektueller Fähigkeiten. Im Anschluß können die Schülerinnen und Schüler das Bildungsbild des Mittelalters dem heutigen Bild entgegenstellen, wobei die Erkenntnis erlangt wird, dass keine Unterscheidung aufgrund der Herkunft bei der Ausbildung von jungen Menschen getroffen wird.

Exkursepisode als Unterrichtsthematik

Die Einbettung der Exkurse im Tristanroman bieten Gottfried von Straßburg an erster Stelle die Möglichkeit, selbst Bezug zu der Handlung zu nehmen, bzw. die Handlungen der Beteiligten zu kommentieren, und darüber hinaus einen Ausblick zu liefern. Die Frage die sich hier stellen lässt, ist diese, ob die Exkursebene mit der der Handlungsebene gelichzusetzen ist oder nicht. Anhand der Minneepisode könnten die Schülerinnen und Schüler ermitteln, ob es sich um eine "Gleichstellung" dieser beiden Ebenen handelt oder nicht. Als Ergebnis wäre die Feststellung seitens der Schülerinnen und Schüler erwünscht, dass sie diese Ebenen voneinander abgrenzen. Denn das Minneideal, welches Gottfried von Straßburg erblühen lässt, ist auf der Handlungsebene nicht wieder zu finden.


Fazit und Ausblick

Der Tristanstoff lässt sich gut in eine Unterrichtsstunde einbinden, ob als Einstieg oder ferner zur Verfestigung des bisher erworbenen Wissens. Die Schülerinnen und Schüler können die vom Roman gestellten Thematiken analysieren und problematisieren, sowie einen Transfer zum heutigen Gesellschaftsbild ziehen. Die Liebesproblematik und deren Ausgang im Liebestod steht dabei wohl oftmals im Vordergrund, wobei die Listmotivik und auch die Exkurse reichlich Input bieten. Dieser mittelalterliche Roman bietet den Lehrenden und auch seinen Schülern eine Menge Möglichkeiten, die je nach bedarf eingebunden werden können.

Anmerkungen

Als Literatur diente, lediglich zur Übersicht:

-Vgl. Goller, Detlef: wan bî mînen tagen und ê hât man sô rehte wol geseit. Intertextuelle Verweise zu den Werken Hartmanns von Aue im Tristan Gottfrieds von Straßburg. Frankfurt am Main 2005.

-Vgl. Karg, Ina: ...und waz si guoter lêre wernt.... Mittelalterliche LIteratur und heutige Literaturdidaktik. Frankfurt am Main 1998.

-Vgl. Krywalski, Dieter: Literaturerkenntnis-Mittelalter. Handreichungen und Materialien zur deutschen Literaturgeschichte. München 1971.


Literatur

  1. Vgl.Endres, Rolf: Einführung in die mittelhochdeutsche Literatur. Frankfurt am Main 1971. S.111ff.
  2. Vgl.Krohn, Rüdiger: Mittelalterliche Literatur in der Sekundarstufe I. Hannover 1983. S.11ff.