Seminar:Proseminar Die mittelhochdeutschen Bearbeitungen der Tristansage SoSe 2020: Unterschied zwischen den Versionen

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(Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde)
(Stoffgeschichte)
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Aufgrund des Carlisle-Fragments erhärtet sich die Annahme, dass Gottfried Eilharts Werk gekannt hat, was unter anderem seine Polemik gegen das Schwalben-Haar-Motiv nahelegt. Von Eilhardus de Oberch, einem Angehörigen einer welfischen Ministerialfamilie aus dem Dorf Oberg, der zwischen 1189 und 1209 urkundlich bezeugt ist, liegen sechs „Tristrant“ Textzeugen vor: Die Gottfried-Handschrift P, drei Fragmente des 12./13. und zwei vollständige Handschriften des 15. Jahrhunderts. Als unter Eilharts Namen komplett erhaltener Roman bietet der Text gute Einsicht in die Handlungsentwicklung eines Tristanromans vor Thomas. Einer der deutlichsten Unterschiede zu Thomas` Dichtung ist die Wirkung des Minnetranks. Bei Eilhart wirkt er vier Jahre lang so intensiv, dass das Paar bei einer Trennung von über einem Tag körperliche und seelische Qualen leidet, danach schwächt sich die Trankwirkung ab (auf früherer Stufe hatte der Trank eine Wirkungsstaffelung). Die schwächere Trankwirkung führt bei Eilhart zum Bereuen ihres Zusammenseins, dass sie in der Ugrim-Episode als Sünde deuten. Durch den Zauber des Trankes sind die beiden Liebenden bei Eilhart von einer Eigenverantwortung befreit, im deutlichen Unterschied zu Gottfrieds Darstellung. Eilharts Roman zeichnet sich weiterhin durch die dominante Darstellung der feudalen Herrschaft und des Heldentums Tristrants und aus, der schon im Prolog als Hauptprotagonist vorgestellt wird, wohingegen Gottfried und Thomas den Fokus auf die Minnethematik legen. <ref>Tomasek: Gottfried von Strassburg. Kapitel 6: Zur Geschichte des Tristanromans. 2007. S. 260-268.</ref>
 
Aufgrund des Carlisle-Fragments erhärtet sich die Annahme, dass Gottfried Eilharts Werk gekannt hat, was unter anderem seine Polemik gegen das Schwalben-Haar-Motiv nahelegt. Von Eilhardus de Oberch, einem Angehörigen einer welfischen Ministerialfamilie aus dem Dorf Oberg, der zwischen 1189 und 1209 urkundlich bezeugt ist, liegen sechs „Tristrant“ Textzeugen vor: Die Gottfried-Handschrift P, drei Fragmente des 12./13. und zwei vollständige Handschriften des 15. Jahrhunderts. Als unter Eilharts Namen komplett erhaltener Roman bietet der Text gute Einsicht in die Handlungsentwicklung eines Tristanromans vor Thomas. Einer der deutlichsten Unterschiede zu Thomas` Dichtung ist die Wirkung des Minnetranks. Bei Eilhart wirkt er vier Jahre lang so intensiv, dass das Paar bei einer Trennung von über einem Tag körperliche und seelische Qualen leidet, danach schwächt sich die Trankwirkung ab (auf früherer Stufe hatte der Trank eine Wirkungsstaffelung). Die schwächere Trankwirkung führt bei Eilhart zum Bereuen ihres Zusammenseins, dass sie in der Ugrim-Episode als Sünde deuten. Durch den Zauber des Trankes sind die beiden Liebenden bei Eilhart von einer Eigenverantwortung befreit, im deutlichen Unterschied zu Gottfrieds Darstellung. Eilharts Roman zeichnet sich weiterhin durch die dominante Darstellung der feudalen Herrschaft und des Heldentums Tristrants und aus, der schon im Prolog als Hauptprotagonist vorgestellt wird, wohingegen Gottfried und Thomas den Fokus auf die Minnethematik legen. <ref>Tomasek: Gottfried von Strassburg. Kapitel 6: Zur Geschichte des Tristanromans. 2007. S. 260-268.</ref>
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'''3. Zur Entstehung des Tristanromans
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Die genauen Ursprünge des Tristan-Stoffes sind bis heute nicht eindeutig nachgewiesen. Vieles weist darauf hin, dass es vor den von Gottfried von Straßburg, Eilhart von Oberg und Thomas von Britanje aufgezeichneten Versionen des Tristan-Stoffes bereits mündlich überlieferte Versionen gibt. Der Vorläufer der Aufzeichnungen ist die sogenannte Estoire-Version. In der Estoire-Version waren wohl alle handlungsrelevanten Bestandteile des Tristanromans bereits vorhanden, so z.B.: Tristans Geburt, sein Kampf mit Morolt, der Liebestrank („Minnetrank“), Isoldes und Markes Hochzeitsnacht, Tristans und Isoldes Leben im Wald, etc. Festzustellen sind dabei Unterschiede in der Auswahl der Episoden, welche die drei maßgeblichen Tristan-Autoren gewählt hatten. Die Gattung der Estoire-Version ist indessen nicht mehr eindeutig festzustellen. Die Kombination aus Liebe und Tod spricht für ein Heldenepos, während die Verweise auf Künstlertum und List eher für ein Spielmannsepos sprechen.
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Wo aber liegen – geographisch – die Ursprünge des Tristanromans? Darüber gibt es nach Tomasek zwei Theorien: zum einen wird die Entstehung dieser Geschichte im angelsächsischen Raum (Großbritannien bzw. Irland) vermutet, zum anderen aber im Orient. Bis ins 20. Jh. hinein bestand unter Experten Konsens darüber, dass „Tristan“ von den Britischen Inseln stammt. Darauf weisen die keltischen Namen der Hauptfiguren hin, z.B. Tristan, Brangäne, Marke (bzw. Marcus/March). Es gibt sogar Hinweise auf einen realen König Marcus oder March, welcher seit dem 9. Jh. in bretonischen und walisischen Texten erwähnt wird und im 6. Jh. gelebt haben soll.
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Der Name „Tristan“ taucht ebenfalls seit dem 6. Jh. auf den Britischen Inseln auf. Man weiß von einem Grabstein in Cornwall aus dieser Zeit, auf welchem der Name „Drvsta(n)us“ zu lesen ist. Des Weiteren gab es im 8. Jh. den piktischen Namen „Drust“ und im 13. Jh. den kymrischen Namen „Drystan“. Die Ähnlichkeit zu „Tristan“ ist hier bereits sehr deutlich. Nicht nur der Name „Tristan“ ist möglicherweise kymrischen Ursprungs, auch der Name „Isolde“ könnte von dem kymrischen Namen „Essylt“ abgeleitet worden sein.
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Aber auch Teile der Handlung weisen auf einen keltischen Ursprung hin, so z.B. die keusche Schlafhaltung von Tristan und Isolde im Wald, die Episode des „kühnen Wassers“, das Motiv des voreiligen Versprechens oder die im Wasser treibenden Späne, welche Parallelen in irischen Erzählungen aufweisen. Darüber hinaus gibt es die irischen Erzählgattungen „immram“ (Seefahrt), „tochmarc“ (Werbung) und „aithed“ (Fluchterzählung), welche Tristans Fahrten nach Irland bzw. der Episode im Wald entsprechen. Außerdem gibt es eine irische Erzählung namens „Diarmaid und Grainne“, welche ebenfalls der Tristangeschichte ähnlich ist. Auch diese Geschichte handelt von einem Liebespaar, das zunächst nicht zusammen kommt, da das Mädchen Grainne mit einem alten Heerführer verheiratet wird. Parallelen zu „Tristan“ sind außerdem der Liebestrank, die Flucht mit Diarmaid und das Leben der Beiden im Wald. Allerdings wurde die Geschichte von Diarmaid und Grainne zwar erstmals im 10. Jh. erwähnt, die Haupthandschrift aber stammt aus dem 17. Jh., sodass aus heutiger Sicht wohl eher ein Einfluss der Tristangeschichte auf die Geschichte von Diarmaid und Grainne angenommen wird als umgekehrt. Gleichermaßen nimmt man heute auch an, dass „Tristan“ von anderen europäischen Erzählungen beeinflusst wurde, z.B. von der griechischen Sage des Theseus, was an dem schwarzen bzw. weißen Segel als Rückkehrsignal deutlich wird.
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Ist „Tristan“ nun doch orientalischer Herkunft? Zu dieser Theorie wurde von der Forschung der Epos „Wis und Ramin“ aus Persien aus dem 12. Jh. angeführt. Allerdings ist es mittlerweile erwiesen, dass dieser Epos im Mittelalter im Westen nicht bekannt wurde. Gleich verhält es sich mit der arabischen Geschichte „Kais und Lubna“, welche nie ins Lateinische übersetzt wurde. Diese könnte allerdings am aquitanischen Hof mündlich überliefert worden sein. Es war im 12. Jh. durchaus möglich, an westeuropäischen Höfen arabische Geschichten zu erzählen, da rege Dichterbegegnungen stattgefunden haben.
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In der Tristangeschichte werden viele international bekannte und teilweise vorchristliche Motive wiedergegeben, so z.B. der Drachenkampf, der Brautunterschub, das gefälschte Gottesurteil etc. Sogar biblische Motive finden sich hier, z.B. die sogenannte „Baumgartenszene“, welche an die Geschichte von Adam und Eva im Paradies erinnert. Für den Tristanstoff typisch sind Episodengedichte, also Gedichte aus separaten Episoden, die ein Handlungselement aus der Estoire-Version erzählen oder neue Episoden einfügen. Als Beispiele seien hier genannt: das „Geißblattlai“ von Marie de France, die Berner und die Oxforder „Folie“, „Donnei des amants“, „Tristan ménestrel“ und „Tristan als Mönch“, deren Verfasser heute nicht mehr bekannt sind. Diesen Werken ist gemein, dass sie nicht nur den Handlungsverlauf des Tristanromans wiedergeben, sondern auch viele der Motive und Themen aufgreifen.<ref>Tomasek: Gottfried von Strassburg. Kapitel 6: Zur Geschichte des Tristanromans. 2007. S. 268-282.</ref>
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'''4. Zur Verbreitung des Tristanromans in Mittelalter und Neuzeit
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Die frühen Episodengedichte „Geißblattlai“ und die Urfassung der „Folie“ stammen aus Frankreich und zeigen, dass bereits die Basis der grundlegenden Handlung auf der Stufe der Estoire gelegt wurde. Ebenso basiert das Werk „Tristan en prose“ (verfasst um 1230) auf Material aus der Estoire-Stufe. Dieses Werk konnte sich allerdings in Mitteleuropa, vor allem im deutschsprachigen Raum, nicht durchsetzen. Vieles deutet darauf hin, dass die Autorin Marie de France (Geißblattlai) von Eleonore von Aquitanien und Heinrich II gefördert wurde. Auch Eilhart von Oberg war Ministerialer im Dienste der Welfen, welche wiederum durch die Heirat zwischen Heinrich dem Löwen und der Tochter von Heinrich II mit dem englischen Königshaus verwandt waren. In den auf das 12. Jh. folgenden Jahrhunderten breitete sich der Tristanroman in ganz Europa aus. So ist „La Tavola ritonda“, bekannt, das auf dem Werk „Tristan en prose“ basiert und sich von der iberischen Halbinsel bis auf den Balkan ausbreitete. Zur Ausbreitung des Tristanromans trug auch schon im 13. Jh. die Beziehung des englischen Königshof zum norwegischen König Haakon Haakonarson bei. In Norwegen kannte man die „Tristrams-Saga“, während in Deutschland Gottfried v. Straßburg bzw. Eilhart v. Oberg zur Verbreitung dieses Stoffs beitrugen, vor allem Letzterer, der den Romanhelden „Tristrant“ nannte und in sein Werk auch eine alttschechische Versübertragung mit einfließen ließ, welche wiederum Teile aus Gottfrieds Fassung enthielt. Im 16. Jh. wurden Tristan und Isolde sodann durch den Dichter Hans Sachs in mehreren seiner Meisterlieder weiter bekannt gemacht.<ref>Tomasek: Gottfried von Strassburg. Kapitel 6: Zur Geschichte des Tristanromans. 2007. S. 282-285.</ref>
  
 
== Textstellen nach Themenschwerpunkten geordnet ==
 
== Textstellen nach Themenschwerpunkten geordnet ==

Version vom 23. Mai 2020, 23:49 Uhr

Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde

Aufgaben und Übungen

Aufgaben bis zum 13.05.20

1. Lesen Sie bis zum 13.05. die Verse 2845-6340 und fertigen Sie wieder stichwortartig eine Zusammenfassung der wichtigsten Handlungsstränge an.
2. Achten Sie für die bisherige Lektüre auf Textstellen, die für die Themenschwerpunkte (Brautwerbung, Liebeskonzeption usw.) in unserem Seminar einschlägig sein könnten, und sammeln Sie diese mit Versangaben in der unten stehenden Liste.
3. Nutzen Sie Ihre Notizen der letzten Woche und helfen Sie bei der Überarbeitung des ersten inhaltlichen Blocks. Sprechen Sie sich hier ggf. ab, damit es nicht zur Überschneidung und der Speicherung mehrerer Versionen kommt.

Aufgaben bis zum 20.05.20

1. Lesen Sie den letzten Abschnitt von Eilharts Tristrant (V. 6341-9750) und fertigen Sie stichwortartig eine Zusammenfassung der wichtigsten Handlungsstränge an.
2. Sammeln Sie weitere Textstellen zu Schwerpunktthemen und tragen Sie diese in die unten stehende Liste ein.
3. Überarbeiten Sie (alle) die Zusammenfassungen der Verse 1-2844 und 2845-6340! Achten Sie dabei auf folgende Punkte:

  • einheitlicher Gebrauch des Tempus
  • sprachliche und inhaltliche Korrektheit
  • wichtige inhaltliche Ergänzungen

Aufgaben bis zum 27.05.20

1. Überarbeitung und Korrektur

  • Überarbeiten Sie das letzte Drittel unserer Inhaltsangabe und überlegen Sie sich für den neuen Artikel eine sinnvolle Gliederung (z.B. nach Handlungsabschnitten).
  • Fügen Sie Verlinkungen zu bestehenden Artikeln in den Fließtext ein (nur bei der ersten Nennung).
  • Achten Sie auf eine einheitliche Kursivierung und Formatierung mittelhochdeutscher Textbelege.

2. Vorbereitung der nächsten Woche
Lesen Sie den Text von Tomasek zur Stoffgeschichte und achten Sie bei der Lektüre auf folgende Punkte:

  • Welche Versionen des Tristanromans gibt es?
  • Welche Hinweise zur Verbreitung finden Sie im Text von Tomasek?
  • Wie hängen die Texte zusammen, wodurch unterscheiden sie sich?
  • Was versteht man unter der ‚Estoire‘?

Bearbeitete Artikel

Inhaltsangabe "Tristrant und Isalde" (Eilhart von Oberg)

Stoffgeschichte

Die zwei wichtigsten Vorgänger von Gottfrieds „Tristan“ sind der Roman von Thomas von Britanje und Eilharts „Tristrant“.

1. Der „Tristan“ des Thomas

Das fragmentarisch erhaltene Werk des von Gottfried als Gewährsmann für seinen Text erwähnten Anglonormannen Thomas von Britanje entstand etwa zwischen 1160 und 1176. Zwei weitere Dichtungen orientieren sich an seinem Handlungsaufbau, der sich primär auf die „Saga“ konzentriert: Der mittelenglische „Sir Tristrem“ (Ende 13. Jahrhundert), sowie die altnordische „Tristrams-Saga“ (1226) des Mönchs Robert. Die Thomas-Fragmente widmen sich im Gegensatz zu Gottfried zum Großteil dem Ende der Handlung. Leider ist ein Zusammenfügen des jeweiligen Stückwerks zur Nachvollziehbarkeit der Thomasschen Handlungsgestalt wenig effektiv, da jede Version des Tristan individuelle Entwicklungslinien aufweist. Lediglich das letzte Viertel erlaubt einen direkten Vergleich, da über längere Abschnitte auf die erhaltenen Thomas-Fragmente zurückgekommen werden kann. Einen auffallenden Unterschied bemerkt Peter Wapnewski bei den etwa 50 Versen des Cambridger Thomas Fragments (Thom. 1-52) aus der zweiten Baumgartenepisode: Der Straßburger Dichter illustriert Gefühle und Haltungen der Figuren und wechselt Nebenfiguren aus. 1995 wird ein neues Thomas-Bruchstück aufgefunden und veröffentlicht: Das Carlisle-Fragment zeigt, dass Gottfrieds Werk länger war, sich an Thomas` Handlungsstrang orientiert, aber dennoch einige Änderungen vornimmt. Aus dem Carlisle-Fragment lässt sich im Vergleich mit Gottfrieds Dichtung ableiten, dass das Brangänegespräch bei Gottfried vorverlegt wird, genau wie bei Eilharts Version. Die Auswertung des Neufundes lässt darauf schließen, dass Thomas eine geraffte Erzählweise bevorzugt, während Gottfrieds Fokus auf erzählerisch ausgearbeiteten inneren und äußeren Hergängen liegt. Weiterhin löst Thomas Datierung der Romanhandlung in die postarthurische Zeit die Zeitgleichheit von Artus- und Tristangeschehen auf, was einen Eingriff in die Konzeption des Tristanromans darstellt. Thomas prägnanteste Änderung im Gegensatz zu seiner Quelle (er beruft sich auf einen Gewährsmann namens Breri) ist die lebenslang anhaltende Kraft des Liebestrankes. Diese Abwandlung wird auch von Gottfried übernommen und kann als eine Aufwertung des Elements der Liebesthematik an sich gesehen werden.[1]

2. Der „Tristrant“ Eilharts von Oberg

Aufgrund des Carlisle-Fragments erhärtet sich die Annahme, dass Gottfried Eilharts Werk gekannt hat, was unter anderem seine Polemik gegen das Schwalben-Haar-Motiv nahelegt. Von Eilhardus de Oberch, einem Angehörigen einer welfischen Ministerialfamilie aus dem Dorf Oberg, der zwischen 1189 und 1209 urkundlich bezeugt ist, liegen sechs „Tristrant“ Textzeugen vor: Die Gottfried-Handschrift P, drei Fragmente des 12./13. und zwei vollständige Handschriften des 15. Jahrhunderts. Als unter Eilharts Namen komplett erhaltener Roman bietet der Text gute Einsicht in die Handlungsentwicklung eines Tristanromans vor Thomas. Einer der deutlichsten Unterschiede zu Thomas` Dichtung ist die Wirkung des Minnetranks. Bei Eilhart wirkt er vier Jahre lang so intensiv, dass das Paar bei einer Trennung von über einem Tag körperliche und seelische Qualen leidet, danach schwächt sich die Trankwirkung ab (auf früherer Stufe hatte der Trank eine Wirkungsstaffelung). Die schwächere Trankwirkung führt bei Eilhart zum Bereuen ihres Zusammenseins, dass sie in der Ugrim-Episode als Sünde deuten. Durch den Zauber des Trankes sind die beiden Liebenden bei Eilhart von einer Eigenverantwortung befreit, im deutlichen Unterschied zu Gottfrieds Darstellung. Eilharts Roman zeichnet sich weiterhin durch die dominante Darstellung der feudalen Herrschaft und des Heldentums Tristrants und aus, der schon im Prolog als Hauptprotagonist vorgestellt wird, wohingegen Gottfried und Thomas den Fokus auf die Minnethematik legen. [2]

3. Zur Entstehung des Tristanromans

Die genauen Ursprünge des Tristan-Stoffes sind bis heute nicht eindeutig nachgewiesen. Vieles weist darauf hin, dass es vor den von Gottfried von Straßburg, Eilhart von Oberg und Thomas von Britanje aufgezeichneten Versionen des Tristan-Stoffes bereits mündlich überlieferte Versionen gibt. Der Vorläufer der Aufzeichnungen ist die sogenannte Estoire-Version. In der Estoire-Version waren wohl alle handlungsrelevanten Bestandteile des Tristanromans bereits vorhanden, so z.B.: Tristans Geburt, sein Kampf mit Morolt, der Liebestrank („Minnetrank“), Isoldes und Markes Hochzeitsnacht, Tristans und Isoldes Leben im Wald, etc. Festzustellen sind dabei Unterschiede in der Auswahl der Episoden, welche die drei maßgeblichen Tristan-Autoren gewählt hatten. Die Gattung der Estoire-Version ist indessen nicht mehr eindeutig festzustellen. Die Kombination aus Liebe und Tod spricht für ein Heldenepos, während die Verweise auf Künstlertum und List eher für ein Spielmannsepos sprechen.

Wo aber liegen – geographisch – die Ursprünge des Tristanromans? Darüber gibt es nach Tomasek zwei Theorien: zum einen wird die Entstehung dieser Geschichte im angelsächsischen Raum (Großbritannien bzw. Irland) vermutet, zum anderen aber im Orient. Bis ins 20. Jh. hinein bestand unter Experten Konsens darüber, dass „Tristan“ von den Britischen Inseln stammt. Darauf weisen die keltischen Namen der Hauptfiguren hin, z.B. Tristan, Brangäne, Marke (bzw. Marcus/March). Es gibt sogar Hinweise auf einen realen König Marcus oder March, welcher seit dem 9. Jh. in bretonischen und walisischen Texten erwähnt wird und im 6. Jh. gelebt haben soll.

Der Name „Tristan“ taucht ebenfalls seit dem 6. Jh. auf den Britischen Inseln auf. Man weiß von einem Grabstein in Cornwall aus dieser Zeit, auf welchem der Name „Drvsta(n)us“ zu lesen ist. Des Weiteren gab es im 8. Jh. den piktischen Namen „Drust“ und im 13. Jh. den kymrischen Namen „Drystan“. Die Ähnlichkeit zu „Tristan“ ist hier bereits sehr deutlich. Nicht nur der Name „Tristan“ ist möglicherweise kymrischen Ursprungs, auch der Name „Isolde“ könnte von dem kymrischen Namen „Essylt“ abgeleitet worden sein.

Aber auch Teile der Handlung weisen auf einen keltischen Ursprung hin, so z.B. die keusche Schlafhaltung von Tristan und Isolde im Wald, die Episode des „kühnen Wassers“, das Motiv des voreiligen Versprechens oder die im Wasser treibenden Späne, welche Parallelen in irischen Erzählungen aufweisen. Darüber hinaus gibt es die irischen Erzählgattungen „immram“ (Seefahrt), „tochmarc“ (Werbung) und „aithed“ (Fluchterzählung), welche Tristans Fahrten nach Irland bzw. der Episode im Wald entsprechen. Außerdem gibt es eine irische Erzählung namens „Diarmaid und Grainne“, welche ebenfalls der Tristangeschichte ähnlich ist. Auch diese Geschichte handelt von einem Liebespaar, das zunächst nicht zusammen kommt, da das Mädchen Grainne mit einem alten Heerführer verheiratet wird. Parallelen zu „Tristan“ sind außerdem der Liebestrank, die Flucht mit Diarmaid und das Leben der Beiden im Wald. Allerdings wurde die Geschichte von Diarmaid und Grainne zwar erstmals im 10. Jh. erwähnt, die Haupthandschrift aber stammt aus dem 17. Jh., sodass aus heutiger Sicht wohl eher ein Einfluss der Tristangeschichte auf die Geschichte von Diarmaid und Grainne angenommen wird als umgekehrt. Gleichermaßen nimmt man heute auch an, dass „Tristan“ von anderen europäischen Erzählungen beeinflusst wurde, z.B. von der griechischen Sage des Theseus, was an dem schwarzen bzw. weißen Segel als Rückkehrsignal deutlich wird.

Ist „Tristan“ nun doch orientalischer Herkunft? Zu dieser Theorie wurde von der Forschung der Epos „Wis und Ramin“ aus Persien aus dem 12. Jh. angeführt. Allerdings ist es mittlerweile erwiesen, dass dieser Epos im Mittelalter im Westen nicht bekannt wurde. Gleich verhält es sich mit der arabischen Geschichte „Kais und Lubna“, welche nie ins Lateinische übersetzt wurde. Diese könnte allerdings am aquitanischen Hof mündlich überliefert worden sein. Es war im 12. Jh. durchaus möglich, an westeuropäischen Höfen arabische Geschichten zu erzählen, da rege Dichterbegegnungen stattgefunden haben.

In der Tristangeschichte werden viele international bekannte und teilweise vorchristliche Motive wiedergegeben, so z.B. der Drachenkampf, der Brautunterschub, das gefälschte Gottesurteil etc. Sogar biblische Motive finden sich hier, z.B. die sogenannte „Baumgartenszene“, welche an die Geschichte von Adam und Eva im Paradies erinnert. Für den Tristanstoff typisch sind Episodengedichte, also Gedichte aus separaten Episoden, die ein Handlungselement aus der Estoire-Version erzählen oder neue Episoden einfügen. Als Beispiele seien hier genannt: das „Geißblattlai“ von Marie de France, die Berner und die Oxforder „Folie“, „Donnei des amants“, „Tristan ménestrel“ und „Tristan als Mönch“, deren Verfasser heute nicht mehr bekannt sind. Diesen Werken ist gemein, dass sie nicht nur den Handlungsverlauf des Tristanromans wiedergeben, sondern auch viele der Motive und Themen aufgreifen.[3]

4. Zur Verbreitung des Tristanromans in Mittelalter und Neuzeit

Die frühen Episodengedichte „Geißblattlai“ und die Urfassung der „Folie“ stammen aus Frankreich und zeigen, dass bereits die Basis der grundlegenden Handlung auf der Stufe der Estoire gelegt wurde. Ebenso basiert das Werk „Tristan en prose“ (verfasst um 1230) auf Material aus der Estoire-Stufe. Dieses Werk konnte sich allerdings in Mitteleuropa, vor allem im deutschsprachigen Raum, nicht durchsetzen. Vieles deutet darauf hin, dass die Autorin Marie de France (Geißblattlai) von Eleonore von Aquitanien und Heinrich II gefördert wurde. Auch Eilhart von Oberg war Ministerialer im Dienste der Welfen, welche wiederum durch die Heirat zwischen Heinrich dem Löwen und der Tochter von Heinrich II mit dem englischen Königshaus verwandt waren. In den auf das 12. Jh. folgenden Jahrhunderten breitete sich der Tristanroman in ganz Europa aus. So ist „La Tavola ritonda“, bekannt, das auf dem Werk „Tristan en prose“ basiert und sich von der iberischen Halbinsel bis auf den Balkan ausbreitete. Zur Ausbreitung des Tristanromans trug auch schon im 13. Jh. die Beziehung des englischen Königshof zum norwegischen König Haakon Haakonarson bei. In Norwegen kannte man die „Tristrams-Saga“, während in Deutschland Gottfried v. Straßburg bzw. Eilhart v. Oberg zur Verbreitung dieses Stoffs beitrugen, vor allem Letzterer, der den Romanhelden „Tristrant“ nannte und in sein Werk auch eine alttschechische Versübertragung mit einfließen ließ, welche wiederum Teile aus Gottfrieds Fassung enthielt. Im 16. Jh. wurden Tristan und Isolde sodann durch den Dichter Hans Sachs in mehreren seiner Meisterlieder weiter bekannt gemacht.[4]

Textstellen nach Themenschwerpunkten geordnet

Inszenierte Mündlichkeit

»raut nun, wie mag daß geschehen?
wie wirt in deß laideß buoß?
ich wen, Brangenen muoß
sie ze samen bringen«
(V. 3424-3427)

»Trÿstrand der held bald
was zuo Kurnewal komen
– ob ich recht hab vernommen -
und fuor haim in sin land.«
(V. 8083-8086)

Die Brautwerbung

Die Schwalbenepisode: Verwandte und Vasallen drängen den König Marke eine ihm ebenbürtige Frau zu ehelichen. Dieser bittet um Bedenkzeit – wollte er doch niemals heiraten und suchte nach einem Weg, wie er das umsetzen könne, ohne die anderen zu verärgern. (V. 1434 - 1458 ff.)

»do eß kam,
daß er kùnden sölt,
waß sin will wär,
do satzt sich der kùng mer
in den sal allain.
sin sorg waß nicht clain,
wie er eß so erdächt,
daß er die Herren brächt
von der red fuoglich.
do schwuor er in wärlich
uff sin selbß lib,
er näm kain wib.

zuohand begunden schwalben zwo
sich bissen in dem sal nun,
die zuo aim fenster in flugen.
zuo ainem fenster sie in zugen.
deß wart der herr gewar.
do empfiel in ain har.
merck recht, eß ist war,
er sach ernstlich dar.

Eß waß schön und langk.
do nam der kùng den gedanck,
daß er wolt schowen.
eß waß von ainer frowen
do sprach er selber wider sich:
'hie mit will ich weren mich:
der will ich zuo wib begern.
sie mùgend mich ir nit gewern.«

Konzeption der Minne

Der Minnetrank

Isaldes Mutter vertraut Brangene einen Liebestrank an, den Isalde und Marke in ihrer Brautnacht trinken sollen. Stattdessen trinken diesen Trank aber versehentlich Isalde und Tristrant - mit schwerwiegenden Folgen:

"welch wib und man
deß truncken baiden,
sy mochten sich nit me schaiden
in vier jauren."
(V. 2386-2389)

"daß macht ouch der tranck,
daß ÿeglichß ward siech und kranck,
ob sie wavren ain wochen
von ain ander ungesprochen,
sie muosten baide wesen tod."
(V. 2402-2405)

"er tranck in aun schwär.
do ducht in guot der win.
do gab er ouch der frowen sin.
also schier sie ouch getranck,
do ducht sie sunder danck,
sie verlúren baid ir sinne,
oder sie müsten ain ander minne."
(V. 2460- 2466)

"so grouß ward daß minnen
zwúschen in oun iren danck:
daß macht alleß der tranck."
(V. 2476-2478)

Der Minnetrank prägt die Doppelthematik des Stoffes (Heldentum und Liebe). Er skizziert nämlich den Konflikt zwischen Ehe und Liebe. Eilharts Tristrant wird also von der durch den Trank gegebenen Wirksamkeit strukturell bestimmt. Zunächst benutzt der Erzähler die Wirkung des Liebestrankes als Begründung für Tristrants (unüberlegtes) Handeln.

"so grouß ward daß minnen
zwùschen in oun iren danck:
daß macht alleß der tranck"
(V. 2476-2478)

"doch hab wir wol vernomen,
daß eß von dem tranck kam.
er waß sunst ain wyser man:
er het eß wol gelaussen."
(V. 4058-4061)

In Eilharts Version lässt die Wirkung des Trankes jedoch mit der Zeit nach - nämlich nach der Waldepisode:

"biß deß tranckß craft vergie."
(V. 4939)

Mit dem Vergehen der Wirkung des Trankes, geht die "entlastende Funktion der Trankwirkung"[5] verloren. Im zweiten Teil des Textes ist die Wirkung entsprechend selten als Rechtfertigung für das Handeln Tristrants angeführt. Am Ende taucht das Motiv des Minnetrankes jedoch wieder auf:

"[...] einerseits um die Liebenden vor Marke zu entlasten, andererseits um für das Wunder von Weinstock und Rosenstock eine Erklärung zu finden[.]"[5]

Erzählräume

Die Isolde-Gestalten

1.)
"deß kúngeß tochter waß sú Ysald genant.
sú waß gar ser wÿt erkannt
und waß ain junckfrow herr."
(V. 997-999)

Kehenis vergleicht seine Schwester Isalde II mit Isalde I, und sagt über Isalde I:
"eß ward nie schoner wib.
ja, laider miner schwester lib
mag sich ir nit gelichen"
(V. 6777-6779)

Episodizität und Doppelung

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

  • Tomasek: Gottfried von Strassburg. Kapitel 6: Zur Geschichte des Tristanromans. 2007. S. 249-260.
  • Tomasek: Gottfried von Strassburg. Kapitel 6: Zur Geschichte des Tristanromans. 2007. S. 260-268.
  • Tomasek: Gottfried von Strassburg. Kapitel 6: Zur Geschichte des Tristanromans. 2007. S. 268-282.
  • Tomasek: Gottfried von Strassburg. Kapitel 6: Zur Geschichte des Tristanromans. 2007. S. 282-285.
  • 5,0 5,1 Vgl. Einleitung zu Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde, in: Danielle Buschinger und Wolfgang Spiewok (Hgg.), Greifswalder Beiträge zum Mittelalter 27, Greifswald 1993, S. XVIII.