Die Ständegesellschaft der Tiere in "Reinhart Fuchs": Unterschied zwischen den Versionen

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(Übersetzung exemplarischer Textausschnitte "Reinhart Fuchs")
(Exemplarische Textbelege: Indizien für eine hierarchische Ordnung der Tiere)
(7 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt)
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==Übersetzung exemplarischer Textausschnitte "Reinhart Fuchs" ==
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==Sicherung der Grundsatzannahme: Übersetzung exemplarischer Textbelege ==
 
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Die Grundsatzannahme für jede folgende These wäre zunächst, dass die Tiere in "Reinhart Fuchs" - ganz allgemein gesprochen - nicht von gleicher Art und Status sind. Dabei kann man von den offensichtlichen unterschieden durch die jeweiligen Spezies ausgehen und sogar weitere Unterscheidungen erschließen.
 
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Zunächst sei also durch einige Textstellen belegt, dass die Tiere im "Reinhart Fuchs" keineswegs/nicht von der gleichen Art oder vom gleichen Stand sind. Sie variieren vielmehr in ihren Charakteristika und in ihrem Status unter den Tieren. Durch welche Charakteristika sich die Tiere unterscheiden, was das Spezifikum der Macht eines Tieres über das andere ist und in welcher Beziehung die Tiere miteinander stehen, soll noch deutlich werden.
  
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Es gibt solche, die ''groß'' sind.
 
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!Mittelhochdeutscher Text !! Neuhochdeutsche Übersetzung
 
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|daz was der helfant vnde der wisen, || da waren der Elefant und der Wisent
 
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|di dovchten Reinharten risen, ||  welche Reinhart wie Riesen vorkamen / welche Reinhart wie Riesen erschienen,
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|die hinde vnde der hirz Randolt, ||  Die Hinde und der Hirsch Randolt,
 
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|Brvn der bere vnde daz wilde swin || Brun der Bär und das Wildschwein
 
|Brvn der bere vnde daz wilde swin || Brun der Bär und das Wildschwein
 
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|wolden mit Ysengrine sin. || wollten mit Isengrin sein.
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|wolden mit Ysengrine sin. || wollten Isengrin zur Seite stehen.
 
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|zv nennen alle mich niht bestat, || Ich verbleibe nicht, um alle zu nennen,
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|zv nennen alle mich niht bestat, || Ich befleißige mich nicht alle zu nennen,
 
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|swelich tier grozen lip hat, || welches Tier auch immer ein großen Leib/große Gestalt hat,
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|swelich tier grozen lip hat, || aber welches Tier auch immer ein großen Leib/große Gestalt hat,
 
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|daz was mit Ysengrine da; || das war mit Isengrin da;
 
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|} (vgl. RF, V. 1103-1111)
 
|} (vgl. RF, V. 1103-1111)
  
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Es gibt solche, die ''klein'' sind.
 
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|der hase vnde daz kvneclin || Der Hase und das Kaninchen
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|vnd ander manic tierlin, || und verschiedene andere kleine Tiere,
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|des ich niht nennen wil, || die ich nicht alle nennen will,
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|der qvam dar vzer moze vil. || kamen in unzählbaren Massen her.
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|} (vgl. RF, V. 1113-1120)
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Es gibt solche, die ''schön'' sind.
 
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|Reinhart Crimeln zv im nam, || Reinhart nahm Krimel zu sich,
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|da was manic tier lvssam|| Es waren viele stattliche Tiere
 
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|einen dachs, der im ze staten quam. || ein Dachs, der ihm zur Unterstützung/Zustimmung kam.
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|vnser beider kunne.|| unserer Verwandschaft da.
 
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|hern gesweich im nie zv keiner not, ||  Der Herr ließ ihn nie ihm Stich zu keiner Not
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|} (vgl. RF, V. 1220-1221)
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Es gibt solche, die ''furchterregend und stark'' sind.
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|daz werte wan an ir beider tot. || und das wird bis zu beider tot so sein / anhalten / bestehen.
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|mit Isengrine qvamen die svne sin,|| Mit Isengrin kamen da sogleich seine Söhne
 
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|der hase vnde daz kvneclin || Der Hase und das Kaninchen
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|manic tier vreisam || und viele gefährliche Tiere;
 
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|vnd ander manic tierlin, || und verschiedene andere kleine Tiere,
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|mit Ysengrine qvamen dar san; ||
 
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|des ich niht nennen wil, || die ich nicht alle nennen will,
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|} (vgl. RF, V. 1188-1190)
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|der qvam dar vzer moze vil. || die kamen in unzählbaren Massen her.
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|ein lewe, der was Vervil genant,|| ein Löwe, der Vrevel gennant war,
 
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|} (vgl. RF, V. 1113-1120)
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|gewaltic vber daz lant. || mit Verfügungsgewalt über das ganze Land,
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|si leisten alle sin gebot, || sie leisten alle seinem Gebot gehorsam,
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|er was ir herre ane got. || er war nach Gott/mit Gottes Segen ihr Gebieter,
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|} (vgl. RF, V. 1241-1242; 1245-1246)
  
 
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|des enwolden si niht volgen, || dem wollte sie nicht Folge leisten,
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|des wart sin mvt erbolgen. || dadurch wurde sein Gemüt erbost/erzürnt,
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|vor zorne er vf die burc spranc, || er sprang vor Zorn auf die Festung,
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|mit kranken tieren er do ranc,|| da kämpfte er mit schwachen/kleinen Tieren,
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|in dvchte, daz iz im tete not.|| denn er dachte, dass es notwendig sei/wäre / er verpflichtet sei.
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|} (vgl. RF, V. 1255-1259)
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Und es gibt solche, die ''schwach und ängstlich'' sind.
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|Der hase gesach des kvniges zorn, || Der Hase sah den Zorn des Königs,
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|do want er zage sin verlorn. || da ahnte er, der Feigling, sein Verderben.
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|daz ist noch der hasen sit. || Das ist noch immer des Hasens Art.
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|} (vgl. RF, V. 1481-1483)

Version vom 22. Mai 2020, 15:12 Uhr

Eine Analyse der Ständegesellschaft der Tiere vom "kleinen" bis zum "größten" Tier und die Interpretation der einhergehenden Parallelen zur Standesgesellschaft des Mittelalters mit Fokus auf verborgene sozialkritischer Haltungen bzw. Votum des Autors zu Macht und sozialer Hierarchie. In einer weiterführenden Diskussion soll Reinhart als "Medium" zwischen den Ständen beleuchtet werden (Schlüssel zur "Sprengung der sozialen Strukturen"): Wo in den Ständen ist Reinhart zu verorten? In welcher Form überwindet er die Grenzen der Stände? Welchem Mittel behilft er sich zur Überwindung dieser Grenzen? Wie kommt es zum Kollabs der Herrscherhierarchie? Genauere Analyse der Episoden "der Gerichtstag" - Beschreibung der kleinsten Tiere - und "der Hoftag" - Beschreibung der größten Tiere / des größten Tieres.


Sicherung der Grundsatzannahme: Übersetzung exemplarischer Textbelege

Die Grundsatzannahme für jede folgende These wäre zunächst, dass die Tiere in "Reinhart Fuchs" - ganz allgemein gesprochen - nicht von gleicher Art und Status sind. Dabei kann man von den offensichtlichen unterschieden durch die jeweiligen Spezies ausgehen und sogar weitere Unterscheidungen erschließen. Zunächst sei also durch einige Textstellen belegt, dass die Tiere im "Reinhart Fuchs" keineswegs/nicht von der gleichen Art oder vom gleichen Stand sind. Sie variieren vielmehr in ihren Charakteristika und in ihrem Status unter den Tieren. Durch welche Charakteristika sich die Tiere unterscheiden, was das Spezifikum der Macht eines Tieres über das andere ist und in welcher Beziehung die Tiere miteinander stehen, soll noch deutlich werden.

Es gibt solche, die groß sind.

Mittelhochdeutscher Text Neuhochdeutsche Übersetzung
daz was der helfant vnde der wisen, da waren der Elefant und der Wisent
di dovchten Reinharten risen, welche Reinhart wie Riesen vorkamen,
die hinde vnde der hirz Randolt, Die Hinde und der Hirsch Randolt,
die waren Ysengrine holt, welche Isengrin zu getan waren,
Brvn der bere vnde daz wilde swin Brun der Bär und das Wildschwein
wolden mit Ysengrine sin. wollten Isengrin zur Seite stehen.
zv nennen alle mich niht bestat, Ich befleißige mich nicht alle zu nennen,
swelich tier grozen lip hat, aber welches Tier auch immer ein großen Leib/große Gestalt hat,
daz was mit Ysengrine da; das war mit Isengrin da;
(vgl. RF, V. 1103-1111)

Es gibt solche, die klein sind.

Mittelhochdeutscher Text Neuhochdeutsche Übersetzung
der hase vnde daz kvneclin Der Hase und das Kaninchen
vnd ander manic tierlin, und verschiedene andere kleine Tiere,
des ich niht nennen wil, die ich nicht alle nennen will,
der qvam dar vzer moze vil. kamen in unzählbaren Massen her.
(vgl. RF, V. 1113-1120)

Es gibt solche, die schön sind.

Mittelhochdeutscher Text Neuhochdeutsche Übersetzung
da was manic tier lvssam Es waren viele stattliche Tiere
vnser beider kunne. unserer Verwandschaft da.
(vgl. RF, V. 1220-1221)

Es gibt solche, die furchterregend und stark sind.

Mittelhochdeutscher Text Neuhochdeutsche Übersetzung
mit Isengrine qvamen die svne sin, Mit Isengrin kamen da sogleich seine Söhne
manic tier vreisam und viele gefährliche Tiere;
mit Ysengrine qvamen dar san;
(vgl. RF, V. 1188-1190)
Mittelhochdeutscher Text Neuhochdeutsche Übersetzung
ein lewe, der was Vervil genant, ein Löwe, der Vrevel gennant war,
gewaltic vber daz lant. mit Verfügungsgewalt über das ganze Land,
(...)
si leisten alle sin gebot, sie leisten alle seinem Gebot gehorsam,
er was ir herre ane got. er war nach Gott/mit Gottes Segen ihr Gebieter,
(vgl. RF, V. 1241-1242; 1245-1246)
Mittelhochdeutscher Text Neuhochdeutsche Übersetzung
des enwolden si niht volgen, dem wollte sie nicht Folge leisten,
des wart sin mvt erbolgen. dadurch wurde sein Gemüt erbost/erzürnt,
vor zorne er vf die burc spranc, er sprang vor Zorn auf die Festung,
mit kranken tieren er do ranc, da kämpfte er mit schwachen/kleinen Tieren,
in dvchte, daz iz im tete not. denn er dachte, dass es notwendig sei/wäre / er verpflichtet sei.
(vgl. RF, V. 1255-1259)

Und es gibt solche, die schwach und ängstlich sind.

Mittelhochdeutscher Text Neuhochdeutsche Übersetzung
Der hase gesach des kvniges zorn, Der Hase sah den Zorn des Königs,
do want er zage sin verlorn. da ahnte er, der Feigling, sein Verderben.
daz ist noch der hasen sit. Das ist noch immer des Hasens Art.
(vgl. RF, V. 1481-1483)