Die Figur des Aussteigers aus der höfischen Welt im Parzival

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"Aussteiger" im Parzival

Trevrizent

Trevrizent lebt als Eremit in völliger Entsagung alles Höfischen. Dies wird durch die genaue Beschreibung der Nahrung verdeutlicht, die das genaue Gegenteil höfischer Prachtentfaltung und Nahrungsaufnahme ist, wie sie zum Beispiel am Artushof oder in der Gralsburg dargestellt wird. Außerdem wird auch seine Wohnstätte beschrieben, die die gleiche Funktion erfüllt: sie entspricht in keiner Art und Weise höfischen Normen. Gleichzeitig wird aber auch darauf verwiesen, dass er ein Ritter war und somit weiß, wie ein entsprechendes Leben auszusehen hat und nicht aus Unwissenheit so lebt, sondern dieses Leben gewusst gewählt hat. Im Originaltext wird er wie folgt beschrieben:


er hete gar versprochen __________ Er hatte gelobt, __________
môraz, wîn, und ouch dez prôt. __________ auf Môraz, Wein und sogar Brot völlig zu verzichten. __________
sîn kiusche im dennoch mêr gebôt, __________ Und die Askese ihm noch mehr zur Pflicht: __________
der spîse het er keinen muot, __________ Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, __________
vische noch fleisch, swaz trüege bluot. __________ Fisch zu essen oder Fleisch [...], was Blut in sich hat __________ 452, 18-22


Auch der Grund für seine Askese und sein einsames Leben wird genannt:

dâ lobet ich der gotes kraft, __________ Der Kraft Gottes gelobte ich da, __________
daz ich deheine rîterschaft __________ daß ich niemals wieder __________
getæte nimmer mêre, __________ Waffen tragen wollte; __________
daz got durch sîn êre __________ ich betete zu Gott in seiner Herrlichkeit, __________
mînem bruoder hulfe von der nôt. __________ er möge meinem Bruder von seinem Leiden helfen. __________ (480, 11 - 15)


Diese radikale Entscheidung und Umkehr verweist auf das literarische Muster der conversio, die typischerweise durch zwei Kriterien gekennzeichnet ist: Zum einen gibt es ein klares "Davor" und "Danach" in der Erzählstruktur, das klar durch eine einschneidende Wendung getrennt ist. Dabei wird von dem "Davor" stark gerafft berichtet, während für den Moment der Wendung und seiner Folgen mehr Erzählzeit genutzt wird. Als zweites Kriterium ist wichtig, dass die Wendung eine Art Schlüsselmoment darstellt, durch welchen Dinge anders beurteilt werden, als zuvor. So wird also auch das "Davor" unter Berücksichtigung der neuen Denkmuster und Vorstellungen erzählt und beurteilt. Im Mittelalter galt die Bekehrung als die Umkehr von einem falschen zu dem richtigen und somit göttlichen Weg, der nur durch einen zusätzlichen Faktor gelingen konnte: die Buße und das dafür nötige Sündenbekenntnis. Das Leben in Einsamkeit und in totaler göttlicher Hingabe kann dann durchaus ein Zeichen für diese gelungene Umkehr sein, muss aber im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass derjenige, der sich bekehrt und Gott nicht in der Einsamkeit sucht, keine echte Bekehrung vollzogen hat. [Biesterfeldt 2004: vgl. 214]

Wenn man dieses, auf den ersten Blick, etwas sperrig wirkende Modell mit Trevrizents Werdegang vergleicht, so kann man erkennen, dass er selbst auch eine radikale Umkehr erlebt hat (siehe die Textstelle oben) und sein Leben ganz in Gottes Dienst gestellt hat. Auffallend ist aber, dass ein Punkt überhaupt nicht auf die Beschreibung passt: Der Umkehrmoment ist nicht passiert, weil er seine eigenen Sünden erkannt und bekannt hat, sondern die Krankheit seines Bruders ist der Grund für diesen Moment. Da die Krankheit aber von sündigem Verhalten ( ) provoziert wurde, bleibt der Kern bestehen: es wird um begangener Sünden willen gebüßt. Und genau an diesem Punkt tritt Trevrizents Funktion klar zutage. Er büßt sowohl für Anfortas, doch das entscheidende Moment der Handlung ist, dass er auch für Parzival büßt.


Trevrizent sich des bewac, __________ Trevrizent bedachte es __________
er sprach 'gib mir dîn sünde her: __________ und sprach: "Gib mir deine Sünde her; __________
vor gote ich bin dîn wandels wer. __________ ich bin vor Gott Bürge deiner Bekehrung. __________
und leist als ich dir hân gesagt: __________ Du aber tu, was ich dir geraten habe; __________
belîp des willen unverzagt.' __________ bleib fest in diesem Willen." __________ (502, 24 - 28)

Sigune

Der Leser trifft vier Mal auf Sigune und kann dabei eine Entwicklung beobachten: Sie entfernt sich immer weiter von der höfischen Welt und ihren Maßstäben. Dies kann man zum einen an den Orten festmachen, an denen man sie auffindet, zum anderen an ihrer abnehmenden Schönheit, die in dem Maße abnimmt, als sie sich immer weiter von der höfischen Lebenswelt entfernt. Man kann also an ihrer Person den Prozess des Aussteigens beobachten und nachvollziehen.

Bei der ersten Begegnung Parzivals mit Sigune wird betont, dass ihr Ritter bei einer Tjost, sprich in einem ritterlich-höfischen Rahmen, zu Tode gekommen ist. Der Verweis auf das Höfische ist hier also noch sehr prominent und wird durch den Vergleich zwischen dem Gebrauchgegenstand "Spieß" und der höfischen Tradition des "tjosierens" dargestellt:


disen ritter meit dez gabylôt: __________ Diesem Ritter hier konnte ein Bauernspieß nichts böses tun, __________
er lac ze tjostieren tôt. __________ in einer Tjost wurde er getötet. __________ (139, 29-30)


Bei der nächsten Begegnung erkennt Parzival sie nicht wieder, da sie, wie er sagt, ihr "reideleht lanc prûnez | " (252, 30) Haar verloren hat und kahl ist und auch ihr rôter munt (252, 27) verschwunden ist. Der Text entschuldigt dies aber, indem er den Leser direkt anspricht: hœrt mêr Sigûnen triwe sagn | Hört aber von der Sigûne Treue reden (253, 18). Ihre Treue also ist es, die sie nun, statt des schönen Äußeren auszeichnet. Der Ort, an dem Parzival auf sie trifft ist durch zweierlei gekennzeichnet: Zum einen durch eine linde[n] (249, 14), die auf die Natur verweist und somit auf das Gegenkonzept zur Kultur und durch den Nicht-Ort, der dadurch entsteht, dass er nicht fass- oder zurückverfolgbar ist. Denn Parzival folgt, vom konkreten Ort der Gralsburg aus, Spuren, die aber immer weniger werden, sodass er plötzlich jegliche visuelle Spur verliert (er verlôs se gar (249, 8)) und nur einer akustischen Spur, "einer frouwen stimme jæmmerlîch" (249, 12) folgen kann.

Die dritte Begegnung findet an einem Ort statt, der ein Gegenkonzept zum höfischen Leben darstellt: einer Klause. Dort lebt Sigûne in Einsamkeit, nur in Gesellschaft ihres toten Geliebten. An diesem Ort ist nichts höfisch, außer ihrer Treue, die sie nach wie vor auszeichnet. Parzival erkennt sie auch dieses Mal nicht, was dafür spricht, dass ihre Schönheit im Vergleich zum vorherigen Mal noch mehr abgenommen hat. Dadurch wird darauf verwiesen, dass die Distanz zur höfischen Welt noch größer geworden ist, gleichzeitig heißt es aber, dass "ir leben [...] ein venje gar | ihr Leben nichts als knien und beten" (435, 25) war. Ihr Lebensmittelpunkt verschiebt sich also immer mehr vom höfischen Leben, hin zum Leben mit Gott und in Treue zu ihrem Geliebten.

Das vierte und letzte Mal begegnet Parzival und auch der Leser Sigune als sie schon tot ist. Sie finden "Sigûne an ir venje tôt | Sigune auf den Knien liegend tot" (804, 23) und legen sie daraufhin in das gleiche Grab wie Schîanatulander, damit sie im Tod mit ihm vereint ist, nachdem sie ihre Treue bis in ihren Tod hinein bewiesen hat.

Jeschute und Orilus

Im III. Buch beschreibt Orilus, wie er Jeschûte bestrafen möchte:


ich sol velwen iweren rôten munt, __________ Fahl will ich euren roten Mund machen, __________
[und] iwern ougen machen rœte kunt. __________ rot soll man Eure Augen sehen. __________
ich sol iu fröude entêren, __________ Euer prangendes Glück will ich demütigen __________
[und] iwer herze siuften lêren.' __________ und Euer Herz das Seufzen lehren." __________ (136,5-8)


Der rote Mund und die Augen sind äußere Merkmale Jeschutes, das Glück und ihr Herz wiederum verweisen auf ihre innere Schönheit. Dieses System der äußeren Schönheit, die mit der inneren zusammenfällt und gleichzeitig auch auf sie verweist, ist typisch für die höfische Welt im Mittelalter. In dieser Textstelle wird genau dieses System der „Kalokagathie“ [Michel 1976: vgl.: S. 89] angewandt, indem äußere und innere Schönheit direkt miteinander verknüpft werden.

Dadurch, dass Orilus ihr diese Merkmale nimmt, nimmt er ihr nicht nur ihre Schönheit, sondern auch ihre nach außen sichtbare Identität. Sie bleibt ihm aber trotzdem treu, was ihren inneren Wert, der nun nicht mehr von ihrer äußeren Erscheinung ausgestrahlt wird, bewweist und noch zusätzlich steigert: des trûren gap ir grôze nôt, daz si noch sampfter wære tôt. (137, 25f.: Daß der so bedrückt war, das empfand sie so arg, daß selbst der Tod ihr sanfter gewesen wäre.) Die zusätzliche räumliche Trennung von der Gesellschaft und die im Pferd manifestierte Schande und Abkehr von der Geselschaft, macht die beiden vollends zu Aussteigern aus der Gesellschaft. Ganz davon abgesehen, dass die Haltung Orlius, der seine Frau zu Unrecht bestraft, ihn selbst auch aus dem Kreis des Höfischen ausschließt.

Orilus und Jeschute stehen für eine Schuld Parzivals, die er aus tumpheit (124, 16) begangen hat und die erst wieder gut gemacht werden muss, bevor er den Gral finden und Gralskönig werden kann.

Herzeloyde

Parzivals Mutter Herzeloyde entfernt sich bewusst von der höfischen Welt und zieht ihren Sohn in der Einöde von Soltane auf. Durch die räumliche Trennung möchte sie Parzival von der höfischen Welt fernhalten, damit dieser unter keinen Umständen den Wunsch entwickelt Ritter zu werden.


si brâhte dar durch fluhtesal __________ Vielmehr hatte sie das Kind des edelen Gahmuret __________
des werden Gahmuretes kint. __________ in Sicherheit bringen wollen. __________
[...] __________ __________
'wan friesche daz mîns herzen trût, __________ "Denn wenn mein Schatz erführe, __________
welch ritters leben wære, __________ was es mit dem ritterlichen Leben auf sich hat, __________
daz wurde mir vil swære. __________ so wäre das ein großes Unglück für mich. [...]" __________ (117, 14 f. und 24 ff.)


Das hier schon angedeutete Unglück wird, als Parzival von seiner Mutter in die Wlet zieht, um Ritter zu werden eintreten. Herzeloyde verkraftet die Trennung nicht und stirbt. Somit wird ihre Funktion als Aussteigerin in Bezug auf Parzivals Entwicklung in zwei Punkten deutlich. Zum einen ist sie, dadurch, dass sie ihn um küneclîcher fuore (118, 2: um königliche Lebensart) brachte, ist sie für seine tumpheit zu Beginn seiner Reise verantwortlich. Außerdem wird durch sie aber auch eine andere Art von Schuld, als die von Jeschute und Orilus, dargestellt, nämlich eine Schuld, die unwissentlich begangen wurde. Nichtsdestotrotz muss diese, wenn sie sich schon nicht wieder gut machen lässt, gebüßt werden.